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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 6=16.1886

— 131

werde nun, so weit es der knapp bemessene Raum
dieser Abhandlung zulässt, den südslavischen Volksglauben
 vom Schicksal den Hauptmomenten nach
Jarzustellen suchen.

Der räthselhafte Alte.
Es gibt bei den Südslaven zwei von einander
wesentlich verschiedene Sagenkreise über Schicksalsdämonen,
 die dem Menschenkind in seiner Geburtsnacht
 — nicht etwa gleich in der Geburtsstunde
— sein zukünftiges Schicksal bemessen. Am weitverbreitetsten
 ist der Glaube an Geburts- und
Schicksalsgöttinnen, die dem Kinde sein Schicksal
 zusprechen oder bestimmen. Man erkennt
in ihnen leicht mit den Moiren, Parzen und Nornen
 identische mythische Gestalten. Weniger bekannt
 ist der zweite Sagenkreis, in welchem die
Hauptrolle ein männlicher Dämon trägt, der irgendwo,
 ferne in unbekannter Welt, abgeschieden von
der Menschheit, einsam haust und, ewiger unwandelbarer
 Nothwendigkeit selber gehorchend, den Neugeborenen
 ihre Schicksalslose austheilt oder
Gaben fürs Leben auswirft. Letzteren Glauben
 fand ich in der ganzen, so überaus reichen südslavischen
 Volksliteratur, nur in drei serbischen, in-‘altlich
 mit einander nahe verwandten Sagen direct
ausgesprochen, den Horvaten, Bulgaren und Slovenen
scheint er aber fremd zu sein, zum Mindesten sind
mir keinerlei weitere Zeugnisse dafür vorgekommen.
Mehrere gewichtige Umstände weisen darauf hin,
dass uns in diesem Glauben eine verhältnissmässig
sehr junge Entlehnung aus dem Oriente vorliegt. Vor
Allem fällt es auf, dass weder das Guslarenlied,
noch das lyrische Volkslied und auch das Sprichwort
nie eines Schicksalsaustheilers gedenken. Nicht minder
 schwer fällt in die Wagschale der Mangel einer
einheitlichen Benennung des Unbekannten, und selbst
der eine Name, wie er in der einen Sage sich findet,
erregt gerechte Bedenken. Ich meine den Namen
Usud, den die Fassung in der KaranZıe’ schen Sammlung
 ??) darbietet. Usud soll hier Schicksalsbestimmer
 heissen. Nun bedeutet aber das Wort
ganz so wie das Cechische und kleinrussische osud,
das polnische sad und das russische sudiba blos
‚Ausspruch‘, jijudicium‘ und in übertragenem
Sinne‘ ‚Gerichtsspruch‘, ‚Gericht‘, ‚Schicksalsspruch‘,
‚Schicksal‘. Das Wort bezeichnet an und für sich

28) In: Srpske nar. pripov, S. 76. In kürzerer Fassung,
ffenbar nach der serb. Vorlage, nur wiedererzählt bei VALjAvzc
 in Nar. prip. 1858.

ceine Person. In den slavischen Sprachen ist es nicht
‚ewöhnlich, dass in dieser Weise Bezeichnungen für
‚bstracte Begriffe als Namen für Personen Verwen-Jung
 finden; mythische Wesen haben im slavischen
Volksglauben solche Namen, die schon grammatisch
Jurch das Suffix genau angeben, ob eine männliche
der eine weibliche Gestalt gemeint sei. Ich meine,
ler Erzähler hat eben den Namen Usud aus Eigenem
Jem Schicksalsbestimmer gegeben, nur damit der Unjekannte
 einen Namen haben soll.
In der zweiten Fassung heisst der Unbekannte
ıänfach ‚ein Greis‘, in der dritten aber ist Gott (bog)
ür den namenlosen Schicksalsaustheiler substituirt.
Die zweite und dritte Fassung weiss auch von einem
‚ebenslichte des Menschen zu erzählen, Dieser Zug
st nun dem südslavischen Volksglauben ganz gewiss
ırsprünglich in vorchristlicher Zeit fremd, dagegen den
semitischen Völkern seit jeher wohlbekannt gewesen.
'n der internationalen Sage vom ‚Gevatter Tod‘ *?*), der
ch in der Srosanovie@schen Sammlung ??5) begegne,
st freilich die Rede vom Lebenslichte. Die Sage ist
ınter den Südslaven sehr stark verbreitet. Ich kenne
ron ihr noch fünf gedruckte Varianten, doch in
zeiner wird mehr des Lebenslichtes Erwähnung gehan.
 Srosanovıe dürfte die Sage, sowie manche an-Jere,
 die er für horvatisch ausgibt, einfach einer
Jeutschen Vorlage nacherzählt haben. Er kommt
ılso hier als Zeuge nicht in Betracht. Die Semiten
sprechen wohl von einem ‚Lichte des Lebens‘ (he-»räisch:
 or hachajim), Griechen und Römer entehnten
 das schöne Gleichniss den Orientalen. Auf
verschiedenen Wegen hat es seinen Einzug auch in
Jie deutsche Sprache gehalten.‘ Ich erinnere z. B.
an die Redensart: ‚Einem das Lebenslicht ausblasen‘.
Ich will nun die drei Sagen mittheilen. Die erste,
welche vom glücklichen und unglücklichen Bruder
sagt, habe ich zur Hälfte schon früher mitgetheilt.
Vachdem der Unglückliche mit seiner Nesreca geıprochen,
 begibt er sich auf ihr Anrathen auf den
Weg zum Usud. Nach manchen Abenteuern gelangt
ır wohlbehalten beim Usud an. Als er in des Usud’s
Sehöfte eintrat, schien es ihm ein königlicher Hof.
Ja gab es Diener und Dienerinnen, die tummelten
zch eilig hin und her, der Usud aber sass allein am
zedeckten Tisch und nachtmahlte. Er setzte sich
schweigend an seine Seite hin und ass mit. Der

224) Vrgl. den schönen Aufsatz bei Gustav Muzyer in den
Zssays und Studien zur Sprachgeschichte und Volkskunde,
Zerlin 1885, S. 242—286: ‚Der Pathe des Todes‘.
225) In: Pucke pripoviedke i pjesme. 1867. -
            
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