Digitized Materials

Here you will find digitized editions of anthropological journals and monographs. For more information about the digitization project, please visit [here].

Search in

Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 5=15.1885

33!

die Bergleute in dem, wenn auch engen, so doch freundlichen
 und landschaftlich schönen Thale ihre Hütten
bauten. (Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit dem
unter II beschriebenen Burgsteine und der Niederlassung
 beim Frankstädter Walle.) Längs’‘ des ganzen
Rückens des die linke (südliche) Thalwand bildenden
Bergzuges findet man‘ zahlreiche Gruben, an mancher
Stelle mehrere nahe bei einander. Der Volksmund bezeichnet
 sie als verfallene Schachte. Der tiefste ist der
Gänserichin-Schacht. Von ihm erzählt man sich: „Daselbst
 war, ein Bergwerk auf edle Metalle, das sehr
ergiebig war,“ bis einst ein Einsturz darin erfolgte und
ainen jungen Bergmann, Namens Gänserich, verschüttete.
Seine Mutter, eine Witwe, beschwor den Schachtherrn,
ihren Sohn zu retten; 10 Tage lang bat sie darum,
als aber nichts geschah und sie schon den Tod ihres
Sohnes als gewiss annehmen musste, nahm sie in ihrer
Verzweiflung eine Schürze voll Hirse, warf sie in den
Schacht und rief: „So viel Jahre, als da Hirsekörner
sind, sollst du verflucht sein!“ Und wirklich habe man
von da an keine Ausbeute mehr erzielen können.“ —
Bei einer der letzten dieser Gruben fand ich in der
derselben vorgelagerten Halde von Feuer geschwärzte
Steine und Stücke mit spärlichem Anflug von Malachit.
Zahlreiche derartige Gruben finden sich auch in
Traussnitz.
Sicher ist, dass der Bergbau in Nordmähren einst
blühte; die vielen Sagen lassen vermuthen, dass er
auch in weite Zeit zurückreicht, so dass es sich wohl
verlohnen dürfte, wenigstens an den von der Sage festgehaltenen
 Punkten genauere Forschungen anzustellen.

Ungemein reich ist das Thessthal, überhaupt Nordmähren,
 an Sagen, alten Gebräuchen und an AÄAberglauben.
 Die Sagen sind zum Theile uralt, zum Theile
weisen sie auf uralte hin, wie die schon erwähnte,
auf Wödan hindeutende Sage von dem Wälschen, zum
Theile sind es neuere, ja man kann sagen, dass sich
immer noch neue bilden, wogegen freilich leider alte
Sagen, insbesondere aber Aberglauben und Gebräuche,
immer mehr vergessen werden, so dass es wohl an der
Zeit wäre, sie zu sammeln, bevor sie gänzlich aus dem
Volksgedächtniss verschwunden sind. Das Volk ist
einerseits aufgeklärt genug, nichts mehr darauf zu
halten, anderseits aber kennt es ihren Werth für die
Wissenschaft nicht. Frühere Generationen empfanden
unbewusst noch den Zauber und die Poesie der Sagenwelt,
 die gegenwärtige behandelt sie als überwundenes
dummes Zeug, die nächste hat sie vergessen.
Bemerkenswerth ist von den neueren Sagen, dass
manche derselben sich mit geringer Veränderung an
verschiedene Localitäten knüpfen. So z. B. erzählt man,
dass die Vertheidiger der Burg Goldenstein gegen die
schwedischen Belagerer, obwohl sie vollständig eingeschlossen
 waren, täglich einen frisch erlegten Hasen
vor das Thor hinaushängten, um die Belagerer zu verhöhnen
 und ihnen zu zeigen, dass sie durch unterirdische
 Gänge mit ihren weit entfernten Jagdgründen
in Verbindung stehen. Dieselbe Sage erzählt man sich
Mittheilungen der Anthrop. Gesellsch. in Wien. B. XV. 1885. Verhandlun

V. Sagen.

such von der Ruine Rabenstein, nur wurden .hier
Forellen herausgehängt ; hier passirt es auch dem Volke,
u Vergessen, dass die Burg Rabenstein schon im
‚ahre 1356, also lange vor der Invasion der Schweden,
‚erstört war. Die Schweden spielen in Nordmähren
iberhaupt eine grosse Rolle: Schwedensäulen, Schwedenzräber
 (Heidengräber”) zeigt man an verschiedenen
)rten, auch in der nächsten Nähe von Frankstadt ');
"honkugeln, die beim Ackern häufig gefunden werden,
ind schwedische Gewehrkugeln; eine verschwundene
Jurg, die Lieselburg, von der zu Beginn dieses Jahrıunderts
 Mauern ausgegraben, Säbel, Hufeisen und
{ugeln gefunden wurden, wurde von den Schweden
;erstört. Des verschwundenen Dorfes im Thale des
Trankstädter Baches wurde schon erwähnt. Von einem
veiteren verschwundenen Dorfe, Seibersdorf, im Thale
les Seibersdorfer Baches, ca. "/, Stunden südöstlich
ron Frankstadt, wurden vor ca, 30 Jahren Hauen,
Äühlbestandtheile und schwarzes Holz, von dem die
‚eute sich Bilderrahmen zum Andenken schnitzten, aufzefunden.
 — Dass der sagenbildende Volksgeist gern
an geschichtliche Ereignisse anknüpft, wenn ihm auch
labei ein Lapsus passirt, zeigt die Sage, dass die
Jolonie Königsgrund bei Schönberg den Namen davon
oekäm, dass daselbst der Winterkönig Friedrich von
ler Pfalz sich verborgen gehalten habe. — Als Beispiel,
 wie das Volk alte Sagen gern verjüngt, sei die
jage von der Melusine erwähnt. Diese war die Gemahlin
änes Schlossherrn von Ullersdorf, Im-Schlosse befindet
sich in der Decke eines Zimmers eine Oeffnung, die
nie geschlossen bleibt, so oft sie auch vermauert wird;
lurch sie kam die Melusine zu ihren Kindern. Dasselbe
rilt auch von einem an der Nordseite sich befindenden
Tenster. Auf den grossen Bäumen nordöstlich vor dem
5chlosse wurde die Melusine öfters gesehen. (Von
Norden kommen die an den Fenstern rüttelnden, in den
aohen Bäumen sich fangenden rauhen Winde.) Einst
vollte der Schlossherr, ihr Gemahl, mit seinen Leuten
ınd der Ullersdorfer Geistlichkeit sie beiauern, allein,
als sie. mit dem Sturme herangeflogen kam, fielen sie
n Ohnmacht und erwachten erst, nachdem sie mit
ammern und Pfeifen sich entfernt hatte. Mit dem
Sturme kommt sie geflogen und fliegt sie davon, sie
yjeruhigt sich jedoch, wenn die Nachbarsfrauen eine
Jand voll Mehl zum Fenster hinauswerfen (Windfüttern).
Aehnlichkeit zwischen Melusine und Fria, der Göttin
ler sturmgejagten ‘Wolke, die in’s Wasser sinkt, die
yeinend und klagend durch die Luft jagt, deren Hunden
lie Menschen Mehl zum Frasse ausstreuen.)
Diese Proben aus dem Sagenkreise führe ich an,
ım zu zeigen, dass es sich der Mühe verlohnen dürfte,
‚enauere Nachforschungen anzustellen, um so Manches
lem Vergessenwerden zu entreissen. Derartige Forschungen
 über Sagen und abergläubische Gebräuche
würden auch über die Abstammung der geistig sehr
jefähigten Bewohner des Thessthales, deren Dialekt auch
nanche Eigenthümlichkeit bietet, manchen interessanten
Aufschluss geben,

1) Ich liess durch die bezügliche Localität einen ca. 1'/a m
tiefen Graben ziehen, fand jedoch nichts.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.