Eine Spur von der Cultur der Pelasger wird in der
oekannten Schilderung erblickt, welche die Ilias (XVI, v. 283,
3, 118) von den dodonäischen Selloi gibt, da die Priester
Jer alten Religion an alte Sitte gefesselt bleiben mochten.
Ihrer mangelhaften Bekleidung (? &vintörno8eg oder
yaynoısivaı ?) sollen ungefähr die Badehosen der Inselsteine entsprechen.
Klimatische Bedenken beseitigt der Hinweis
auf die Gallier, die bis in römische Zeit unbekleidet gingen
(freilich nur im Kampfe, wie die citirte Liviusstelle XXVIII,
21 beweist, wenn man sie nachschlägt: candida corpora,
ut quae nungquam nisi in pugna nudentur, die
Frauen demnach überhaupt nicht). Schliesslich kann sich der
Verfasser nicht versagen, den Standpunkt noch weiter zu
nehmen und ähnlichen Ursprung aus einem mischgestaltigen
Polydämonismus und daraus abstrahirten Monotheismus auch
für das semitische und das ägyptische Religionssystem zu
behaupten, für welch’ letzteres freilich der Nachweis einer
ırsprünglichen Obergottheit noch nicht gelungen ist.
Das vierte Capitel(S. 122—1387 „Kreta“) geht darauf aus, das
nothwendig anzunehmende Fabrikationscentrum nachzuweisen,
wo die „pelasgischen“, „phrygischen“ und
‚orientalischen‘ Bestandtheile in jener einheitlichen
Goldtechnik sich vereinigten. Die maritimen
Elemente der Mischclasse wiesen auf die Inseln hin, Jagd,
Kampf und Wagenfahrt nöthigen uns, an eine der grösseren
zu denken. Kypros ist wegen des vorherrschenden phönikischen
Einflusses auszuschliessen. Rhodos hätte Anspruch, in
Folge der Verwandtschaft seiner Thonmalereien und -Reliefs
mit Mykenischem, seiner Glaswaare mit den Funden von
Spata u. A. Seine Gemmen jedoch „gehören weder der ältesten
noch der reinsten Typik an“ (S. 125) und es fehlen die erforderlichen
ethnologischen Verhältnisse. Diese vereinigen
sich mit anderen Voraussetzungen auf Kreta, wo es trotz
Mangels grösserer Ausgrabungen nicht an „mykenischer“
Thonwaare, nicht an „pelasgischen“ Stadtmauern und (freilich
ungenügend bekannten) Rundbauten fehlt. Schon zu Homer’s
Zeiten hatte Kreta eine reiche Culturentwicklung hinter sich.
Hier hatte sich, wie schon Thukydides erkannte, die älteste
zriechische Seemacht gebildet, welche die Sagengestalt des
Minos repräsentirt. Offen lag die Insel nach Griechenland,
Kleinasien, Phönikien, Aegypten und Italien. Die alten Eteoxreter“
werden auch sonst für aslatisch-phrygische Einwanderer
gehalten. Das kretische Idagebirge hatte mit dem
ohrygischen nicht nur den Namen, sondern auch den
Sagencomplex der Göttermutter und der Daktylen gemein.
Pelasger auf Kreta bezeugt nicht nur Homer, auch der
Stadtname Larisa und der Bergcult des Zeus; die Verbindung
von Gortys mit Arkadien setzt sie voraus. Phönikischen
Einfluss verräth nur die Stier- und Europasage,
jagegen ist Minos arischen Ursprungs. Wo wären Phöniker
aeben indoeuropäischen Stämmen staatenbildend aufgetreten,
wo hätten Griechen phönikische Zustände als Bestandtheile
ihrer Vorzeit in der Sage gefeiert? Das Bild der Königs
macht, der Berather des Zeus, kann nicht phönikische Colo
nisationspolitik personificiren (S. 132; heisst das nicht, moderne
deutsch - christliche Anschauungen auf das Volk des durchtriebenen
Odysseus übertragen, welches ja später geradezu die
3o verächtlich behandelte Colonisationspolitik mit glänzendem
Erfolg fortgesetzt hat?). Minos unterwarf das Inselvolk
ler Karer und seine Macht auf’s kleinasiatische Festland auszedehnt
zu denken gestattet mythologische und ethnologische
Jeberlieferung. Die Kunst der nachfolgenden heroischen Blüthezeit
unter den Atriden, durch Löwenthor und Kuppelgräber
nonumental vertreten, ist eine durch neue Impulse bedingte
Weiterbildung derjenigen, welche die mykenischen Gräber-'unde
und was damit zusammenhängt uns kennen lehrten.
der Hauptsitz dieser letzteren muss in Kreta gewesen sein,
lessen „Colonie“ Theben war, während die Tochter des
Ainoiden Katreus, Aerope, Mutter der Atriden ist. Also:
Delasger und Phryger, Zeus und Göttermutter,
lie „pelasgische“ Kunst und der „phrygische“
Metallstil trafen in Kreta zusammen. Als Symbol
lieser Vereinigung wird schliesslich (S. 185 f.) der
zrosse mykenische Goldring erklärt. Die Thronende
st die Göttermutter; sie sitzt unter ihrem altheiligen Baum,
ler Pinie, und nimmt von Frauen Opfergaben entgegen. Die
Joppelaxt unter Sonne und Mond bedeutef Zeus, die kleine
beschildete Figur einen der Kureten. (RosssAcH, der die ganze
Darstellung aus assyrischen Cylindern erläutert, vergleicht
sie ansprechend mit dem assyrischen Ashur oder Ferver.)
Die Kluft, welche zwischen dieser Kunstentwicklung
und dem eigentlichen Hellenenthum
jegt, auszufüllen, ist die Aufgabe des fünften Capitels
/S. 138—156). „Das homerische Zeitalter“ umfasst
zwei Perioden, die heroische Blüthezeit unter den Atriden
und die des ionischen Heldenlieds. Der ersteren gehören die
nykenischen Kuppelbauten und das Löwenthor an,
Jeren nächste Analogien Ruamsay in Phrygien entdeckt
1at. An ihrer Decoration tritt als unterscheidendes Merkmal
yegen die vorausliegende Epoche die architektonische
}%liederung hervor, welche auch die Erzeugnisse des Kunst-1andwerks
beherrscht, wie z. B. die in Menidi gefundene
ilfenbeinwiederholung des Löwenreliefs zeigt. Für den Urprung
dieses Elements weist die Sage von den lykischen
Zyklopen, welche die Mauern Mykenes erbauten, nach
‘ykien, dessen Denkmäler eine uralte architektonische Tradiion
verrathen. Die dorische Einwanderung muss die
3Zauthätigkeit und Kunstentwicklung unterbrochen haben und
lieser Uebergangszeit wäre besonders der Import
ohönikischer Surrogatwaare (Glasfluss u. A.) zuzuveisen.
Neuer Aufschwung beginnt mit dem Aufblühen
ler Colonien im siebenten Jahrhundert und den Anfängen
ler ionischen Marmorplastik, deren älteste Werke ganz
len Eindruck erster kindlicher Versuche machen und so im
Tereine mit der geringen Ausbildung der Thonmalerei und
tes sonstigen Kunsthandwerks die Anschauung befördert
ı1aben, dass alles Vorausliegende einer unselbstständigen,
lurch orientalische Einflüsse genährten Mischcultur angehöre.
\ber eine andere Technik war bereits reich ausgebildet, die
ıur wegen der Vergänglichkeit ihrer Stoffe in unserem Denk.
nälerbesitz keine Rolle spielt. Auch sie knüpft an Kreta an,
Daidalos ist der Minos dieser Kunst. Die spätere Ueber-‘jeferung
übertrug auf ihn die verschiedenartigsten, wider-;prechenden
Erscheinungen der gesammten alterthümlichen
Kunst. Aber der homerische Gebrauch des Gattungsbegriffes
Sxöcdhsog, Saldalo), der in seinem Namen liegt, beweist, dass
ar „die uralte Kunst des Schnitzens, Gravirens
und Einlegens in harten Stoffen auf trockenem und
kalten Wege“ repräsentirt, „daneben wohl auch des Treibens
1ınd Ueberziehens von Blechen“ (S. 143), also genau die Sphäre