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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 4=14.1884

=

ihr die Hexe das Vortuch voll Kohlen und schärfte
‘hr ein, sie nicht wegzuwerfen, wofern sie etwas
Gutes zu haben wünsche. Auf dem Wege aber fiel
ler Frau ein Theil davon aus der Schürze und sie
fand es nicht der Mühe werth, das zu Boden Gefallene
mehr aufzulesen. Wie sie nach Haus kam, warf sie
verächtlich die Kohlen auf den Tisch, und siehe
da! — es war lauter blankes Gold ?). Jetzt that es
ihr freilich leid um das, was sie weggeworfen, und
sie tummelte sich an den Ort zurück, um es aufzulesen,
 doch es war keine Spur mehr von den Kohlen,
sbensowenig auch von einem Schlosse zu entdecken,
Da ward es der Frau klar, dass sie es mit einer
Texe zu thun gehabt.
IL.
Es war einmal eine Gräfin, die hatte ein kleines
Töchterchen. Die Kleine ging einmal in den Wald
ınd verirrte sich darin. Als sie so hin- und herirrte
und weinte, erblickte sie in weiter Ferne ein kleines
Häuschen, zu dem lenkte sie ihre Schritte. Als sie
dort ankam, pochte sie an der Thüre an. Jemand
jef von drinnen: „Herein“. — Das Mädchen öffnete
die Thüre und trat in die Stube und erkannte
gleich beim ersten Blick, dass sie sich in der Behausung
 einer Hexe befinde. Die Hexe sprang sogleich
 auf sie los, stach ihr die Augen aus und
jagte sie so lange um den Tisch herum, bis sich
die Kleine ganz wund schlug; dann aber trieb sie
sie in’s Bett. Am nächsten Tage ging die Alte irgend
wohin in den Wald und das Mägdlein blieb allein
zu Hause. Das arme Kind war vollkommen blind
and sass traurig in einem Winkel. Auf einmal hörte
sie ein Vöglein singen und vernahm deutlich seine
Worte: „Oeffne den Kasten, der dort steht, nimm
das Fett heraus, das sich darin befindet und bestreiche
 dir damit die Augen.“ — Das Mägdlein
tappte nach dem Kasten, schloss ihn auf, nahm das
Jett heraus, bestrich sich die Augen damit und

1) Die Verwandlung von Kohle in Gold ist ein häufig
wiederkehrender Zug in den indogermanischen Märchen. In
ner Ortssage aus Warasdin wird ein Hirte von einem in
ziner alten Ruine hausenden Geist, so wie das Weib in
ınserer Sage beschenkt. Eine kleinrussische Erzählung berichtet,
dass ein Menschenweib einmal einen neugebornen Ljeßi fand,
nitleidig aufhob und in ein warmes Tuch einwickelte. Bald
darauf kam die Lisunka, die Mutter des Kleinen und beschenkte
 das Weib mit einem Topfe glühender Kohlen, die
sich hinterher in Gold verwandelten. Dieselbe Geschichte
von einem Holzweibchen in Thüringen bei Bönrnzs, Sagen
les Orlagaus S. 231. Ein indisches Seitenstück aus Dardistan,
m „Globus“ XXIV. Nr. 21 von LEITNER.

wurde auf der Stelle wieder sehend. Jetzt schaute
ze sich nach dem Vöglein um und entdeckte es in
»nem Käfig. Sie trat zum Vöglein hin und sprach
hm ihren Dank aus, und das Vöglein entgegnete
Ihr: „Ich habe dir nicht ganz umsonst gerathen,
ich fordere einen Gegendienst. Du sollst mir den
Xopf abschlagen; ich bin nämlich so wie du ein ver-‚aubertes
 Mägdlein und kann wieder meine ehemalige
Menschengestalt erlangen, wenn du mir den Kopf
ıbschlägst. Ich verstehe mich nicht wenig auf Hexensünste
 und werde leicht Mittel und Wege finden,
ım uns Beiden aus der Klemme zu helfen.“ — Gut,
Das Mägdlein schlug dem Vöglein das Köpfchen ab
ınd das Vöglein verwandelte sich augenblicklich in
»ne schöne Maid. Ohne auch nur einen Augenblick
x zögern, ergriffen die zwei Mädchen die Flucht
lurch den Wald. Als inzwischen die Hexe nach
Taus kam und die Mädchen nicht mehr vorfand,
sattelte sie rasch eine Wildsau und setzte den
"liehenden nach. Wie sie ihnen schon, wie man
jagt, auf den Fersen war, merkte das Mädchen, das
3ıch auf Hexenkünste verstand, dass ihnen die Hexe
ıachsetze und sagte zu ihrer Fluchtgenossin: „Hörst
lu, wie sie hinter uns einherjagt? — Doch, ich
sann ja hexen: du sollst dich in ein Fischlein vervandeln,
 ich verwandle mich in eine Lache.“ —
Sie hatte noch nicht recht diese Worte ausgesprochen,
;o war die Verwandlung auch schon geschehen. Als
lie Hexe fort war, verwandelte das kundige Mädchen
uch und ihre Genossin wieder in Menschengestalt
ınd sie setzten ihre Flucht fort!). Auf einmal verıahmen
 sie hinter sich Pferdegetrappe; das eine
Mädchen hörte die Stimme ihres Vaters und sagte
um anderen: „Hier wollen wir warten, man sucht
nich.“ — Kaum hatte sie dies gesprochen, war ihr
Yater auch schon zur Stelle und hob Beide zu sich
‚uf den Wagen, den Soldaten aber, die er mit sich
ührte, befahl er, der Hexe aufzulauern, sie festzuıehmen
 und in’s Schloss zu befördern. Die Hexe
wurde wirklich bei ihrer Rückkehr festgenommen,
gefesselt und in’s Schloss gebracht. Zur Strafe
nusste sie eine ganze Woche lang auf der Sau heramreiten
 und wurde schliesslich am achten Tage
ler Sau zum Frasse vorgeworfen.
Bisher lernten wir die Wandlungen der Vila als
Dryade und Nymphe in die Gestalt der Hexe
zxennen. Der Name Vile wurde schon frühzeitig auch
© 1) Vergl. in Bezug auf die weitere Ausführung dieses
ıjekannten märchenhaften Zuges, Krauss: Südslavische Sagen
ınd Märchen. S. 235 u. ff.
            
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