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Die Kasteneintheilung, wie sie früher im Lande gewesen
ist, hat jetzt gesetzlich allerdings aufgehört, im
Volksleben besteht sie fort. Es sind 5 Kasten: Der Adel,
ljer Landmann, der Handwerker, der Priester und der
3Zettler, Ausser der Kasteneintheilung und sozusagen
ausser dem Gesetze stehend, sind die Etas. Jede Kaste
hat ausserdem noch Unterabtheilungen, so hat z. B. der
Adel: Samuraid, d. h. Krieger, Jakuin, d. h. Beamte,
und Gelehrte.
Die Etas sollen Abkömmlinge der Christen sein,
welche in früheren Zeiten in Japan hingerichtet worden
sind. Ob das wahr ist, ist nicht recht erwiesen; denn
38 soll vorher auch Etas gegeben haben. Sie beschäfgen
sich nur mit den sogenannten unreinen Gewerben,
wie Gerberei und Fleischerei, und werden von den
Japanern gemieden, da sie als unrein gelten.
Die Priester nehmen im Gegensatze zu anderen ostasiatischen
Völkern eine sehr untergeordnete Stellung
im Lande ein. Die Klöster sind nicht, wie man glaubt,
Stätten der Gelehrsamkeit, sondern Stätten der Unsittichkeit.
Nach der Ansicht der Japaner soll der Buddhismus
on Siam importirt worden sein; Thatsache ist es, dass
Japan bis in das 15. Jahrhundert blühende Handelssolonien
in Bangkok und in Makao hatte.
Die Japaner gehen sogar weiter und behaupten,
zie seien vor dem 10. Jahrhundert an der Westküste
Amerikas gewesen, und wollen dort, wo heutzutage
Acapulco steht, eine Niederlassung gehabt haben.
Die Schrift haben die Japaner sowie manches Andere,
den Chinesen entlehnt.
Fast alle Zweige der japanischen Kunstindustrie
stammen aus China, haben aber theilweise Abänderungen
ınd Verbesserungen erfahren — so z. B. der Lack —
welcher heute in Japan besser wie in China gemacht wird.
Die Porzellanfabrikation ist bei vorzüglichem Materjal
auf einer niedrigen Stufe technischer Vollkommenheit,
in der Porzellanmalerei wird hingegen Tüchges
geleistet.
Die Bronzetechnik bewegt sich ziemlich auf gleicher
Höhe mit der chinesischen, jedoch ıst durch Jahrhunderte
viel von China importirt worden und ein
grosser Theil von alten Bronzen, die wir heute in
Japan kaufen, ist chinesischer Provenienz.
Das Cire-perdue-Verfahren ist in Japan lange be-<zannt.
Cloisonnes werden erst seit einem Jahrhundert in
änigermassen bemerkenswerther Qualität erzeugt.
Alle älteren sind chinesische, zum Theil für Japan
yemachte Sachen.
In Metalllegirungen leisten die Japaner Grosses,
Eine Legirung von Gold, Kupfer und Eisen, Scutoku
genannt, und eine andere, von Kupfer, Gold und Zink,
Eboschi, ist besonders bemerkenswerth.
Mosaiken in Metalllegirungen auf Schwertgriffen,
Tabakbeutel u. s. w. bilden eine besondere Specialität.
Sehr bemerkenswerth und eines gründlichen Stu-Jiums
würdig ist die Papierfabrikation. — Merkwürdig
und im höchsten Grade interessant ist die Technik der
Malerei, d. h. mit einem Pinsel und einem Tone auf
japanischem Papier verschiedene Effeete hervorzubringen.
Sehr eigenthümlich ist das japanische Familienleben.
)er Familienvater übt die Herrschaft in seinem Hause
n der unumschränktesten und rücksichtslosesten Weise
‚us. Er hält strenge an dem Ceremoniellen und Herzebrachten,
und übt Gastfreundschaft in einer ostenativen
Weise, stets in der Hoffnung, dass man sie nicht
ınnimmt. Die Ehe ist kein Bindemittel, wie man es
ıllgemein glaubt, schon aus dem Grunde nicht, weil
je auf einseitigen Wunsch des Mannes sofort wieder
‚ufgelöst werden kann. Ausserdem kann der bemittelte
apaner sich so viel Seitenfrauen beilegen, als er wünscht.
jie Rechte der Frauen und Seitenfrauen sind juridisch
ınd social dieselben. Die Kinder dieser verschiedenen
"rauen nennen sich untereinander Geschwister, sind
;leich erbberechtigt, nennen alle verschiedenen Frauen
Tutter, und es ist mir vorgekommen, und klingt so
'nglaublich, dass ich kaum wage, es zu sagen, dass
‚Ojährige Kinder nicht wussten, welche ihre wirkliche
Zutter war.
Bei Trennung einer Ehe oder eines Concubinats
»leiben die Kinder meistens bei der Mutter. Wenn die
Iutter eine neue Ehe eingeht, so übernimmt der neue
Iheherr auch die Kinder: er hat also die Familie ganz
ertig. Es gibt demnach Familien in Japan, in welchen
Cinder nicht nur von verschiedenen Müttern, sondern
‚uch von verschiedenen Vätern vorhanden sind.
Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern, welche in
iem Berichte der preussischen Expedition für Ostasien
io fesselnd geschildert wird, möchte ich vergleichen
nit der Liebe des Viehzüchters zu seinem Vieh.
Die Eltern berechnen sich im Voraus das Capital,
las sie aus ihren Töchtern schlagen werden. Die Mädchen
werden, sobald sie mannbar sind, verpfändet. Denn
Sklaverei hat es in Japan nie gegeben, sondern vielnehr
ein Verpfänden, demzufolge das lebende Pfand
lem jeweiligen Besitzer mit seinem Leib und seiner
\rbeitskraft unterthan wird.
Ob dieses Recht, welches die Eltern über ihre Töchter
naben, die Prostitution fördert, wie dies neuere Autoren
oehaupten, will ich dahingestellt sein lassen.
Der Begriff von Prostitution, wie er uns eigen ist,
ehlt dem Japaner gänzlich — und er betrachtet die
7rostitution als Gewerbe, nicht unehrenhafter als irgend
in anderes Gewerbe, wo man seinen Körper oder doch
‚eine Körperkraft verdingt.
Der geschlechtliche Umgang ist frei und wird bei
ich gegenseitig zusagenden Bedingungen ohne weitere
’räliminarien geübt. Daher kommt die vollkommene
ichamlosigkeit, das gemeinschaftliche Baden, das völlige
Vacktgehen in der heissen Jahreszeit und das freie
3esprechen der intimsten geschlechtlichen Mysterien.
lie man bei uns kaum anzudeuten wagen würde. -—
Jie Fabel der Identität der Bordelle mit den Erziehungs-"nstalten
für Mädchen, selbst der höchsten Stände,
'ntbehrt jeder Begründung — dass jedoch gebildete
)der vornehme Japaner Ehen mit Mädchen aus diesen
Iäusern abschliessen, gehört zu dem Alltäglichen und
st eine Consequenz des oben Gesagten.
Eine grosse Rolle im japanischen Familienleben
;pielt die Adoption. Der Hausvater muss stets darauf
‚edacht sein, sich einen Nachfolger seiner patriarcha-