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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 4=14.1884

3

Prämolarzahn gl) des Schweines bereits verkümmert
und er wird nicht mehr gewechselt, sondern er bleibt
als Milch-Prämolarzahn zeitlebens bestehen. Man erkennt
sofort, dass die Prämolaren des Schweines den Charakter
von Schneide- oder Reisszähnen haben, während die Form
der Prämolaren des Pekari sich der der Molaren nähert;
jene werden wie diese nur zum Mahlen verwendet.
In ähnlicher Weise ist die Form der Prämolaren bei
den Wiederkäuern im Verlaufe der paläontologischen
Entwicklung abgeändert worden. Den Verlauf dieser
Entwicklung können wir uns vergegenwärtigen an den
Prämolaren dreier Wiederkäuer, welche als Hausthiere
verschiedene Culturstufen einnehmen: des Renthieres
— des jüngsten wiederkäuenden Hausthieres — der
Hausziege und des Hausschafes (Bergamasker), deren
zweite Prämolarzähne vom rechten Unterkiefer in Fig. 17
bis 19 abgebildet sind. Der Prämolarzahn des Renthieres
oesteht noch aus zwei getrennten Schmelzfalten; die
hintere (Fig. 17 c) grenzt einen selbstständigen, gleichsam
 accessorischen Pfeiler ab, während die Prämolaren
der Ziege und des Schafes von einer einzigen, in sich
zusammenhängenden Schmelzfalte gebildet sind. Aber
lie Schmelzfalte der Ziege (Fig. 18) ist viel einfacher
als die des Schafes (Fig. 19); die des letzteren ist an

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ler Innenseite @ und der Aussenseite b mehrfach ausxebuchtet,
 und sie zeigt die Tendenz, die Kaufläche
des Zahnes zu vergrössern. Die beiden Schmelzschlingen
an der Innenwand € und Aussenwand d am zweiten
Prämolarzahn des Schafes sind eines der wesentlichsten
Unterscheidungsmerkmale von dem Gebiss der Ziege,
an dem diese Schmelzschlingen fehlen. Ohne hier die
Frage entscheiden zu wollen: ob das Schaf oder die
Ziege früher in den Hausstand des Menschen eingetreten
ist, will ich nur die Thatsache feststellen: dass das
Schaf weit mehr dem Einflusse der künstlichen Züchtung
des Menschen unterworfen ist als die Ziege, und dass
dieser Einfluss sich dahin geltend gemacht hat: das
Schaf an ein mehr trockenes und rohfaserreiches Futter
zu gewöhnen, als es die Ziege und selbst das Renthier
aufnimmt. Weil das Schaf unter der Herrschaft des
Menschen mehr trockenes und hartes Futter zu kauen
hat als die beiden anderen Hausthiere, so hat sich
auch sein Prämolargebiss durch Vergrösserung der Kauläche
 der ihm aufgenöthigten Function angepasst.
Während das Gebiss durch den Einfluss der Lebensweise
 im Verlaufe der paläontologischen Entwicklung
zusammengesetztere Formen angenommen hat, ist der
Fuss durch den gleichen Einfluss vereinfacht worden.
Diesen Vorgang erkennen wir am deutlichsten an der
Form der Mittelfussknochen (Metacarpus und Metatarsus).
 Beim Pferde hat sich der dritte oder mittlere
Mittelfussknochen auf Kosten der seitlichen derart verzrössert,
 dass er ganz allein die Stütze des Gliedes
1) Er ist in dem vorliegenden Unterkiefer ungewöhnlich
weit vorgerückt.

ildet, was schon bereits bei Hipparion der Fall war.
Nachdem die ersten und fünften Zehen mit ihren Mittelussknochen
 an jedem Fusse schon bei den pferdeartigen
Thieren der eocänen Periode sich verloren hatten, sind
ım Fusse des gegenwärtigen Pferdes auch die zweiten und
rierten Zehen verschwunden, deren Mittelfussknochen aber
ıoch als Knochensplitter geblieben; sie sind als sogeıannte
 „ Griffelbeine“ an jedem Mittelfusse mit dem dritten
Aittelfussknochen (dem „Röhrenbeine“) verwachsen.
Bei unseren gegenwärtig lebenden Wiederkäuern
tützen sich die Glieder auf die Klauen der dritten und
jerten Zehen; die zweiten und fünften Zehen bestehen
«ur noch als Afterklauen, welche den Boden nicht mehr
yjerühren und denen keine Mittelfussknochen (bis auf
lie verkümmerten Reste der Griffelbeine) mehr ent-«prechen,
 Die Mittelfussknochen der dritten und vierten
Zehen sind zu einer einzigen Röhre zusammengewachsen,
leren Verwachsungsrinne man noch bei allen Wiedercäuern
 erkennen kann, wie die vorgewiesenen Mustertücke
 vom Kalbe und Schafe, von der Antilope und
lem Renthiere beweisen !). Bei dem letzteren ist die
Verwachsung eigentlich nur an dem vorderen Umfange
ler Mittelfussknochen eingetreten; der hintere Umfang
zeigt deutlich die Umrisse zweier Mittelfussknochen,
welche durch eine tiefe Rinne von einander getrennt sind,
Die gegenwärtig lebende Familie der Suiden besitzt
ın jedem Fusse vier Zehen, von denen die beiden mitteren
 — der dritte und vierte — dem Gliede zur
Stütze dienen, während die zweiten und fünften Zehen
ıur mit der Spitze ihrer Klauen den Boden berühren,
»s sei denn, dass der Boden sehr weich wäre, in welchem
Talle auch beide Afterklauen auf demselben eine Fährte
ıinterlassen. Bei dem europäischen Wildschweine und
lem Hausschweine sind alle vier Mittelfussknochen jedes
7Tusses von einander getrennt, und je die dritten und
rierten sind stärker und etwas länger als je die zweiten
ınd fünften. Bei dem südamerikanischen Pekari aber sind
lie dritten und vierten Mittelfussknochen am oberen Ende
‚erwachsen und die zweiten und fünften sind im Verıältniss
 zu jenen schwächer entwickelt als beim Schweine.
Wir haben also in dem Pekari einen Pflanzenfresser
aus einer omnivoren Familie) vor uns, der in der Gegenvart
 — gleichsam vor unseren Augen — in Folge seiner
‚ebensweise ?) seinen Fuss vereinfacht, wie dies in voryeschichtlicher
 Zeit bei allen Wiederkäuern geschehen ist

Erklärung der Figuren.
"ig. 2. Dritter Molarzahn des linken Oberkiefers von Hipparion
 mediterraneum.
1. Zahnbein; 2. Schmelz; 3. Cement, « Vorderjoch,
5 Hinterjoch, c mittlere Schmelzfalte der Aussenwand,
d Vorderjoch, e Hinterjoch, f Basalsäule der Innenwand,
g vordere Marke, % hintere Marke, £ Zahnhöhlen des
Vorderioches, & Zahnhöhlen des Hinterjoches.
1) Ich unterlasse, diese Verhältnisse durch Abbildungen
x erläutern, weil solche in jedem Handbuche der Veterinär-\natomie
 zu finden sind.
?) Die Gründe, welche dafür sprechen, sind von KowALEVSKY
— in dem Eingangs citirten Werke — ausführlich erörtert
worden, weshalb ich davon absehe, die in meinem Vortrage
ıngeführten Ursachen für die Vereinfachung des Fusses in
liesem Berichte zu wiederholen.
            
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