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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 4=14.1884

Aber die Fragen : waren die germanischen Stämme,
als sie einwanderten, in Bezug auf ihre Schädelform
aäinheitlich organisirt oder nicht, und ist die Typenmehrheit
 erst in Folge späterer Kreuzung entstanden,
ferner, auf welche Elemente ist die Mehrheit der
Formen zurückzuführen, sind mehr als je Gegenstand
der Discussion *).
Als man anfing, den deutschen Schädel zu studiren,
stand die Angelegenheit recht einfach, denn es war die
Ansicht verbreitet, die Deutschen seien dolichocephal.
Gross, blond, blauäugig und langköpfig sollte
ler Germane sein. Dieser Glaube wurzelte so tief,
lass WELckKEer, der als Erster nachwies, dass unter
len modernen Deutschen nur mehr ein geringer
Bruchtheil dolichocephal, die Mehrheit hingegen
oreitköpfig ist, daran nicht zweifelte, er werde wegen
lieses seines Ausspruches Angriffen ausgesetzt sein.
Die moderne deutsche Bevölkerung enthält, schematisch
 aufgefasst, bekanntlich zwei Typen: einen

») Es wird von Manchen angenommen, dass neben
ler Kreuzung auch dem Wohnorte ein wesentlicher Einfluss
zuf die Bildung der Schädelform zukomme; so behauptet
J,. Ranzg (Beiträge zur phys. Anthrop. d. Bayern, München
1883), dass die Bewohner gebirgiger Gegenden durch den
Einfluss des Wohnortes zu einer gesteigerten Brachycephalie
hinneigen, und dass beispielsweise die Veränderung der
Schädelform in Süddeutschland seit der Reihengräberzeit zum
Theil auf dieses Moment zu beziehen sei. Es würde nun den
Rahmen dieses Berichtes überschreiten, wollte ich des Geaaueren
 auf diese Theorie eingehen, aber einige Bemerkungen
will ich vorbringen, um zu zeigen, dass der Ausspruch
Il. RaAnke’s zum Mindesten sehr gewagt ist.
Störungen in der Schläfengegend (Schläfenenge) und die
Persistenz der Stirnnaht sollen häufiger bei den Gebirgsgewohnern
 als bei den Flachländern vorkommen, und Ernährungsstörungen
 in Folge kümmerlicher Nahrung werden
ür diese Bildungen verantwortlich gemacht. Die durch solche
Störungen gesetzte Schläfenenge finde für einen Theil der Fälle
in der offen bleibenden Stirnnaht eine Compensation, und die
also entstandene frontale Brachycephalie vererbe sich später
mit oder ohne Persistenz der genannten Naht. Dem gegenüber
 ist zu bemerken:
Rang basirt seine Behauptung von der brachycephaleren
Beschaffenheit der Gebirgsbewohner auf eine Untersuchung
von 1722 resp. 653 Schädeln aus dem Flachlande und nur
‚60 Schädeln aus Gebirgsorten. Wenn’ ich nun von der Inz;ongruenz
 des verglichenen Materiales — 1722 Schädeln gegen
160 — absehe, so ist das Materiale doch zu gering, um auf
seiner Grundlage so weittragende Schlüsse aufzubauen. An
siner Stelle seines umfangreichen Werkes warnt er ganz richtig
davor, aus einer zu kleinen Anzahl von Schädeln Schlüsse
zu ziehen, und es ist zu bedauern, dass dieser Vorgang nur
für die Untersuchungen anderer Forscher Geltung haben soll.
Bei einer so geringen Anzahl von Schädeln geben wenige
Fälle schon einen grossen Ausschlag und die 83% mehr in

xleinen dunkelhaarigen Typus mit brachycephalem
5chädel und einen zweiten, grossen, hellfarbigen,
lolichocephalen Typus. Von den zum brünetten
Typus zählenden gehört, wie aus dem Vorherrschen
 der hellen Complexion der deutschen Kinder
zegenüber den Erwachsenen ersichtlich, ein entsprechender
 Theil zur Descendenz der blonden Rasse,
la bekanntlich das Auftreten heller Augen- und
Haarfarbe innerhalb einer unvermischt gebliebenen
orünetten Rasse zu den seltensten Erscheinungen
zählt.
Nachdem es feststand, dass unter den Schädeln
ler Deutschen neben Mittelformen mindestens zwei
[ypen existiren, war zu entscheiden, ob, und wenn,
welche von den Formen die ältere sei. Hierauf erhielt
man durch die Funde in den Reihengräbern, welche,
wie auf die Autorität LinDexschmm’s hin allgemein
angenommen wird, die irdischen Reste fränkischer
und alemannischer Krieger ') enthalten, bald Antwort.

len Gebirgsorten können ganz leicht auf Vererbung innerhalb
;»iner und derselben Familie zurückzuführen sein.
Auf die Aetiologie der gewöhnlichen Schläfenenge, auf
lie übertriebene Vorstellung von der Thätigkeit der Duraalten,
 darauf, dass ihre Gegenwart im Embryo nur allmälig
len Verschluss der Fossa Sylvii zulasse, währenddem nach
neiner Meinung diese Grube unabhängig von der Nachbar-:chaft,
 aus immanenten, vererbten Gründen den bekannten
intwicklungsgang nimmt, will ich mich nicht einlassen. Ich
rage nur, wohin kommen wir mit unseren Lehren, wenn
nan, die vergleichende Anatomie bei Seite schiebend, auch
ür den Stirnfortsatz der Schläfenschuppe keine Ausnahme
nacht und ihn hineinwirft in den Topf, in welchem Störungen
ler Ernährung als formbildendes Ferment die Hauptrolle
‚pielen ?
Unter dem Einflusse einer Localität auf die Umbildung
ner bestimmten Form kann ich nur den Einfluss des Wohnırtes
 an sich selbst verstehen; genauer ausgedrückt, von
;leich organisirten Wesen, die unter denselben Ernährungs-‚erhältnissen
 leben und von welchen eine Gruppe im Flachande
 verbleibt, während‘ die andere in’s Gebirge versetzt
zird, müsste die letztere eine somatische Aenderung erfahren.
jomatische Veränderungen aber, die in Folge von mangel-\after
 Ernährung entstehen, und wenn sie auch später vererbt
‚erden, können schon deshalb nicht mit der Localität in
'erbindung gebracht werden, weil sich ganz dasselbe auch
m Flachlande ereignet, wenn die Leute unter ungünstigen
T7erhältnissen das Leben fristen.
Solche auf schwachen Füssen stehende Theorien sollten
ıicht als bereits ausgemachte Dinge hingestellt werden, denn
lies schadet nur dem Fortschritte und untergräbt das Verrauen
 zur craniologischen Lehre.
1). Nach Hönper Arch. f. Anthrop. Bd. XII bildeten diese
iräber den Friedhof einer sesshaften Bevölkerung: der
7ranken, Alemannen, Burgunder, Angelsachsen, Niedersachsen,
"hüringer und Westnphalen.
            
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