I. Das Lochgebirgshaus.
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Zu diesem Zwecke hielt ich es für das Richtigste, gleich dem
Zeichner, welcher die Blattformverschiedenheiten irgend einer Pflanze
solange studiert hat, bis er aus ihnen zu einer grundlegenden und
allgemein giltigen Idealform gelangt ist, und dann das „stilisierte
Blatt" entwirft, auf Grund meiner Erfahrungen unb zahlreichen
Messungen das auf den Tafeln III und IV dargestellte „typische
Äochgebirgshaus" zu entwerfen. — Ehe wir das Äaus „aufzu
bauen" beginnen, sei noch zu seiner allgemeinen Charakterisierung
nachgetragen, daß das Lochgebirgshaus in seinem Grundrisse eine
überraschende Übereinstimmung mit dem fränkischen Bauernhause zeigt,
welche sich bis auf den Standort des Äerdes und der Einrichtungs
stücke der Stube erstreckt.
Ist das fast immer mehr oder weniger — oft auch nach zwei
Richtungen abschüssige Terrain planiert und der Bauplatz abgesteckt,
so wird mit der Aushebung der Erde für die Grundmauern und
die Kellergrube begonnen.
Das Material des Mauer Werkes war und blieb
naturgemäß überall der hier vorkommende Gneis und (seltener) Granit.
(Gneis- und Granitfelsen ragen vielfach aus dem Boden, die Rodung
fördert noch immer nicht nur Feldsteine, sondern auch mächtige Fels
blöcke zutage, welche guten Bruchstein geben, und an den Grenzen
zwischen Grundabteilungen zu hohen und breiten Mauern geschlichtet,
einer Verwendung harren.)
Sind die Grundmauern, welche wegen der Erdbodenneigung
verschieden tiefe Sohle und verschiedene Äöhe erhalten, über den
Boden herausgediehen, so können wir auch schon die Dimensionen
der einzelnen Räumlichkeiten feststellen.
Die Gesamtlänge des Wohnhauses samt Stall und „Gsott-
kammer" ') (welche letztere jedoch keinerlei Grundmauern besitzt und
nur aus Äolz erbaut wird,) richtet sich nach den Vermögensver
hältnissen, insbesondere aber nach dem bereits vorhandenen oder noch
anzuhoffenden Viehstande. Als Maximum fand ich bisher für die
Gesamtlänge und zwar beim Korbischhofe in Tafelhütten, (am Fuße
des Kubany) 38 m; in der Regel beträgt diese jedoch bloß 20—25 m
und die Breite 10'/ 2 —12 m.
Die Mauern sind zumeist 85 cm stark. Die Wohnstube mißt
in der Regel 6X6 oder 6X5, die anstoßende Kammer 6 oder
5X23 bis 3'/ 2 m. Der Gang ist gewöhnlich 2 1 /, bis 3 m
breit und reicht dieses Vorhaus bis zur Sommerküchenwand. Der
bald ein- bald zweiräumige Stall ist im Durchschnitte 9 m breit
0 Ge sott: zum Absieden oder Abbrühen als Viehfutter geeig
neter Getreideabfall oder Spreu. (Schmeller, Bayrisches Wörterbuch
2, 340.)