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B. Referate. Ethnologie.
Die bisherigen Nachforschungen haben die Anwesenheit des Menschen in
den älteren Abschnitten der Quaternärzeit noch nicht nachzuweisen vermocht;
erst gegen Ende derselben, in der Epoche von Madeleine, hat man die Spuren des
Menschen in Gestalt seiner Werkzeuge, nicht jedoch Skelettreste desselben an
getroffen. Indessen ist anzunehmen, dass die damalige Bevölkerung der Schweiz
mit der der Troglodyten Frankreichs, der sog. Rasse von Laugerie-Basse und
Chancelade identisch war. Ebenso wahrscheinlich ist, dass diese Rasse sich zum
mindesten bis in die neolithische Zeit hinein erhalten hat, gerade so wie in Frank
reich als Rasse von Baumes-Chaudes und Cromagnon. — Aus der jüngeren Stein
zeit besitzen wir dagegen eine Reihe von Skelettresten aus den Kirchhöfen von
Auvernier, Chamblandes sous Lausanne, Chätelard und Montagny sur Lutry. Hier
treten uns neben Langschädeln bereits Kurzköpfe entgegen, und zwar kommen
die letzteren vorwiegend in den älteren Niederlassungen vor. Charakteristisch für
diese Brachykephalen sind folgende Eigenschaften: Kephalindex 80—81,57, rund
licher, kugeliger Schädel, in ihrer oberen Partie verbreiterte, steile Stirn, vorspringende
Wangenbeine, mehr oder weniger breite Nase, niedrige Augenhöhlen, breites,
niedriges Gesicht, kleiner Wuchs (1,50—1,60 m). Diese Brachykephalen kamen
aus dem Osten her und dürften uro-altaischer Abstammung sein. Man hat sie
als Protobrachykephalen, identisch mit der Rasse von Grenelle, bezeichnet; andere
nennen sic die ligurische, resp. liguro-keltischo oder rlietischc Rasse, was Pitard
lieber auf die Neobrachykephalen der Bronzezeit angewandt wissen will. In den
Stationen (Auvernier, Bevais, Chevroux im Neuenburger See, Sutz und Fenil im
Bienner See) und Grabstätten der späteren ncolithischen Zeit (Chamblandes, Chätelard,
Montagny) treten neben den brachykephalen Elementen noch dolichokephale auf.
Es scheinen Einwanderer aus dem Norden gewesen zu sein, die sich friedlich
neben den ersteren nicderliessen. Für ihren nordeuropäischen Ursprung spricht
das Vorkommen von Bernsteinperlen (Sutz, Meilen), Lignit und Jet (Chamblandes)
in den Gräbern. Ihr physischer Typus war charakterisiert durch einen Kephalindex
von 66,84—76,81, langes, schmales Gesicht, schmale, lange Nase und mässig hohe
Augenhöhlen; es ist dieses der Hohbergtypus von Hiss und Rütimeyer
der Reihengräbertypus Eckers, der Typus der Neodolichokephalen Herves. Aus
der Mischung dieser langköpfigen nordeuropäischen Einwanderer, vielleicht aber
auch der bereits aus der Madeleine-Epoche her noch ansässigen Dolichokcphalen,
den Menschen von Baumes-Chaudes-Cromagnon, mit den kurzköpfigen Asiaten
gingen mesokephale oder subdolichokcphale Elemente hervor (Sutz, Chamblandes,
Montagny, Greng, Chavannes) hervor, d. h. die Vertreter des Sion-Typus von Hiss
und Rütimeyer.
Aus der Bronzezeit sind bisher gegen 80 Schädel auf uns gekommen. Die
aus den ältesten Pfahlbauten dieser Periode (Wollishofen bei Zürich, Nidau im
Bienner See, Corcelette, Auvernier, Estavayer in dem Neuenburger See, desgleichen
die Gräber zu Montreux) stammenden Schädel sind vorwiegend rein dolichokephal
und stimmen mit den Neodolichokephalen des vorausgehenden Zeitabschnittes