Georg Gerland: Bannn und die Afghanen.
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und Pogge, von Rohlfs und Nachtigall seinem überreichen
Besitze jüngst einverleibt hat, gewinnt von Jahr zu Jahr
für die Völkerkunde an Werth und Bedeutung als Speci-
mina wirklich einheimischer Fabrikation, die binnen Kurzem
ihre Ursprünglichkeit eingebüßt haben wird.
Auf die Schilderungen von Sitten und Gebräuchen we
nig bekannter Völkerstämme sowie von Gegenden in allen
Theilen der Welt, von den Tropen bis zu den antarktischen
Regionen, legt auch das Spry'sche Buch besonderes Gewicht,
und auch in dieser Hinsicht bietet es eine reiche Fülle von
Belehrung und angenehme Unterhaltung. Durch die zuvor
kommende Freundlichkeit der Hirt'schen Verlagsbuchhandlung,
der wir hier nochmals unsern besten Dank aussprechen, sind
wir in der Lage, unseren Lesern eine Anzahl von Abbildun
gen vorzulegen, welche das Werk in großer Menge zieren.
Die Auswahl derselben spricht für sich selbst; voran der
Capitän des „Challenger", George S. Rares (jetzt Sir
Rares), welcher das Schiss während des schwierigern Theils
der Reise befehligte und es erst am 10. December 1874
verließ, um das Commando der englischen Nordpolarexpedition
(„Alert" und „Discovery") zu übernehmen und dieselbe
glücklich durchzuführen (s. „Globus" XXX, S. 333, XXXI,
S. 137, 152 und 171).
Es folgt die Abbildung einiger Einwohner von Tonga-
tabu, mit deren König das deutsche Reich unlängst einen
Frenndschaftsvertrag abschloß (s. „Globus" XXXI, S. 256),
welcher namentlich in Australien und auch sonst so nnnöthig
viel publicistischen Staub aufgeworfen hat. Schließlich sind
es einige Bilder von den Admiralitäts-Inseln, land
schaftlicher und ethnographischer Natur, welche wir als treff
liche Illustrationen zu den Aufsätzen „Die Admiralitäts-
Inseln und ihre Bewohner" (auf S. 201 der Nro. 13 des
laufenden Bandes) und „Miklucho-Maklay's Reisen im
westlichen Mikronesien" (S. 295 der Nro. 19) zu betrachten
bitten.
Bannn und die Afghanen.
Von Prof. Georg Gerland in Straßburg.
IV.
Afghanen. Inder. Kasirs.
In unseren vorhergehenden Betrachtungen haben wir die
nationale Stellung der Afghanen noch nicht besonders ins
Auge gefaßt. Freilich zeigten uns ihre politisch-socialen
Verhältnisse sowie ihr ganzes Leben und Sein nichts, was
gegen ihre cranische Herkunft spräche; allein eranische und
indische Nationalität sind nahe mit einander verwandt und
nur eine directe Untersuchung wird darüber entscheiden kön
nen, ob die Afghanen ein Uebcrgangsvolk oder nicht, ob sie
Eranier oder Inder oder — was doch auch möglich wäre —
keins von beiden sind.
Bei dieser Untersuchung müssen wir in erster Linie die
Sprache berücksichtigen; wir müssen ferner von den ältest
erreichbaren Zuständen anhebend der Entwickelung der Völker
durch den Lauf der Jahrhunderte nachgehen, um zu lernen,
ob sich schon in ältester Zeit eine solche Uebergangsstellung
zeigt oder sich die ethnologisch vermittelnden Züge erst mit
der Zeit herausgebildet haben, sei cs durch innere Entwicke
lung oder durch äußerliche Entlehnung, welche letztere natür
lich für unsere Frage keinen Werth hat. Zugleich aber
müssen wir die indogermanischen Nachbarstämme, welche
weder Eranier noch (im strengen Wortsinne) Inder sind,
heranziehen, da auch ihre Art vielfach zugleich an indisches
und afghanisches Leben anrührt, die Völker, welche die schwer-
zugänglichen Gebirgsgegenden zwischen Kabul, Kaschmir und
dem Hindukusch bewohnen und von Lettner I als Dardu
zusammengefaßt werden. Von diesen werden uns hauptsäch
lich die Siah-posch oder Kasirs interessiren, da diese sich, wie
sie am fernsten wohnen, am reinsten von allen fremden Ein
flüssen gehalten haben, während umgekehrt die Bewohner von
Dardistan bei ihrem Hebertritt zum Islam, bei zahlreicheren
Berührungen mit Indien diese Reinheit nicht bewahren
konnten. lind da sehen wir gleich zunächst eine auffallende
Erscheinung: während die Sprachen Kafiristans und Dar-
^Leitner, Results of a tour in Dardistan, Kashmir,
Little Tibet, Ladak, Zanskar etc. Vol. I. Lahore and Lon
don 1873.
Globus XXXI. Nr. 23.
distans, soweit sie bekannt sind, sich sehr nahe an die heuti
gen indischen Sprachen anschließen, zeigen die Bewohner
Kafiristans ein durchaus eigenthümliches, von dem neu- und
altindischen abweichendes Leben. Dagegen steht die Sprache
der Afghanen den indischen Sprachen viel ferner, und den
noch zeigt sich eine so vollkommene Aehnlichkeit der heutigen
roheren (also unberührteren) Afghanenstämme mit den alten
vedischen Indern, daß jene auch heute noch den Bildungs
stand, welchen die letzteren etwa 2000 Jahre vor Christus
hatten, völlig bewahrt zu haben scheinen.
Jene Uebergangsstellung zwischen Indien und Eran ist
nun zunächst von der afghanischen Sprache behauptet
worden, und zwar von einem der besten Kenner derselben,
welcher sie an Ort und Stelle scharf und vortrefflich beob
achtet hat, von Dr. Ernst Trumpp. Dieser um die Wissen
schaft hochverdiente Gelehrte nennt das Afghanische oder
Pashto „keineswegs ein Prakritidiom wie das Sindhi, Pan-
jabi u. s. w., vielmehr eine alte unabhängige Sprache, welche
den ersten Uebergang von der indo-arischen zu der eranischen
Familie bildet und deshalb an den Eigenthümlichkeiten bei
der Theil hat, wobei jedoch die Prakritzüge — d.h.die
Aehnlichkeiten mit den neuindischen, den sogenannten prakriti-
schen Sprachen — immer vorherrschen. Hierzu stimmt
die geographische Stellung des Pashto zwischen indischen und
iranischen Idiomen völlig." Die Prakritzüge, welche die
Specialverwandtschaft des Pashto mit den neuindischen Spra
chen ausniachen, sieht Trumpp zunächst in den Cerebrallauten,
welche das Afghanische wie die prakritischen Sprachen zeigen,
ferner in dem Umstand, daß eine Menge Pashtoworte direct
von den angrenzenden Prakritidiomen, namentlich dem Sindhi,
minder dem Panjabi „abgeleitet" seien, sowie endlich
darin, daß die ganze Bildung des Declinations- und Con
jugationsprocesses die genaueste Analogie zum Sindhi zeige,
ja Einzelnes, wie die ganze Structur des afghanischen activen
und passiven Verbs in den Zeiten der Vergangenheit, nur
aus dem Sindhi erklärt werden könne.
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