Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Inhalt / Download : Globus, 31.1877

Georg Gerland: Bannn und die Afghanen. 
361 
und Pogge, von Rohlfs und Nachtigall seinem überreichen 
Besitze jüngst einverleibt hat, gewinnt von Jahr zu Jahr 
für die Völkerkunde an Werth und Bedeutung als Speci- 
mina wirklich einheimischer Fabrikation, die binnen Kurzem 
ihre Ursprünglichkeit eingebüßt haben wird. 
Auf die Schilderungen von Sitten und Gebräuchen we 
nig bekannter Völkerstämme sowie von Gegenden in allen 
Theilen der Welt, von den Tropen bis zu den antarktischen 
Regionen, legt auch das Spry'sche Buch besonderes Gewicht, 
und auch in dieser Hinsicht bietet es eine reiche Fülle von 
Belehrung und angenehme Unterhaltung. Durch die zuvor 
kommende Freundlichkeit der Hirt'schen Verlagsbuchhandlung, 
der wir hier nochmals unsern besten Dank aussprechen, sind 
wir in der Lage, unseren Lesern eine Anzahl von Abbildun 
gen vorzulegen, welche das Werk in großer Menge zieren. 
Die Auswahl derselben spricht für sich selbst; voran der 
Capitän des „Challenger", George S. Rares (jetzt Sir 
Rares), welcher das Schiss während des schwierigern Theils 
der Reise befehligte und es erst am 10. December 1874 
verließ, um das Commando der englischen Nordpolarexpedition 
(„Alert" und „Discovery") zu übernehmen und dieselbe 
glücklich durchzuführen (s. „Globus" XXX, S. 333, XXXI, 
S. 137, 152 und 171). 
Es folgt die Abbildung einiger Einwohner von Tonga- 
tabu, mit deren König das deutsche Reich unlängst einen 
Frenndschaftsvertrag abschloß (s. „Globus" XXXI, S. 256), 
welcher namentlich in Australien und auch sonst so nnnöthig 
viel publicistischen Staub aufgeworfen hat. Schließlich sind 
es einige Bilder von den Admiralitäts-Inseln, land 
schaftlicher und ethnographischer Natur, welche wir als treff 
liche Illustrationen zu den Aufsätzen „Die Admiralitäts- 
Inseln und ihre Bewohner" (auf S. 201 der Nro. 13 des 
laufenden Bandes) und „Miklucho-Maklay's Reisen im 
westlichen Mikronesien" (S. 295 der Nro. 19) zu betrachten 
bitten. 
Bannn und die Afghanen. 
Von Prof. Georg Gerland in Straßburg. 
IV. 
Afghanen. Inder. Kasirs. 
In unseren vorhergehenden Betrachtungen haben wir die 
nationale Stellung der Afghanen noch nicht besonders ins 
Auge gefaßt. Freilich zeigten uns ihre politisch-socialen 
Verhältnisse sowie ihr ganzes Leben und Sein nichts, was 
gegen ihre cranische Herkunft spräche; allein eranische und 
indische Nationalität sind nahe mit einander verwandt und 
nur eine directe Untersuchung wird darüber entscheiden kön 
nen, ob die Afghanen ein Uebcrgangsvolk oder nicht, ob sie 
Eranier oder Inder oder — was doch auch möglich wäre — 
keins von beiden sind. 
Bei dieser Untersuchung müssen wir in erster Linie die 
Sprache berücksichtigen; wir müssen ferner von den ältest 
erreichbaren Zuständen anhebend der Entwickelung der Völker 
durch den Lauf der Jahrhunderte nachgehen, um zu lernen, 
ob sich schon in ältester Zeit eine solche Uebergangsstellung 
zeigt oder sich die ethnologisch vermittelnden Züge erst mit 
der Zeit herausgebildet haben, sei cs durch innere Entwicke 
lung oder durch äußerliche Entlehnung, welche letztere natür 
lich für unsere Frage keinen Werth hat. Zugleich aber 
müssen wir die indogermanischen Nachbarstämme, welche 
weder Eranier noch (im strengen Wortsinne) Inder sind, 
heranziehen, da auch ihre Art vielfach zugleich an indisches 
und afghanisches Leben anrührt, die Völker, welche die schwer- 
zugänglichen Gebirgsgegenden zwischen Kabul, Kaschmir und 
dem Hindukusch bewohnen und von Lettner I als Dardu 
zusammengefaßt werden. Von diesen werden uns hauptsäch 
lich die Siah-posch oder Kasirs interessiren, da diese sich, wie 
sie am fernsten wohnen, am reinsten von allen fremden Ein 
flüssen gehalten haben, während umgekehrt die Bewohner von 
Dardistan bei ihrem Hebertritt zum Islam, bei zahlreicheren 
Berührungen mit Indien diese Reinheit nicht bewahren 
konnten. lind da sehen wir gleich zunächst eine auffallende 
Erscheinung: während die Sprachen Kafiristans und Dar- 
^Leitner, Results of a tour in Dardistan, Kashmir, 
Little Tibet, Ladak, Zanskar etc. Vol. I. Lahore and Lon 
don 1873. 
Globus XXXI. Nr. 23. 
distans, soweit sie bekannt sind, sich sehr nahe an die heuti 
gen indischen Sprachen anschließen, zeigen die Bewohner 
Kafiristans ein durchaus eigenthümliches, von dem neu- und 
altindischen abweichendes Leben. Dagegen steht die Sprache 
der Afghanen den indischen Sprachen viel ferner, und den 
noch zeigt sich eine so vollkommene Aehnlichkeit der heutigen 
roheren (also unberührteren) Afghanenstämme mit den alten 
vedischen Indern, daß jene auch heute noch den Bildungs 
stand, welchen die letzteren etwa 2000 Jahre vor Christus 
hatten, völlig bewahrt zu haben scheinen. 
Jene Uebergangsstellung zwischen Indien und Eran ist 
nun zunächst von der afghanischen Sprache behauptet 
worden, und zwar von einem der besten Kenner derselben, 
welcher sie an Ort und Stelle scharf und vortrefflich beob 
achtet hat, von Dr. Ernst Trumpp. Dieser um die Wissen 
schaft hochverdiente Gelehrte nennt das Afghanische oder 
Pashto „keineswegs ein Prakritidiom wie das Sindhi, Pan- 
jabi u. s. w., vielmehr eine alte unabhängige Sprache, welche 
den ersten Uebergang von der indo-arischen zu der eranischen 
Familie bildet und deshalb an den Eigenthümlichkeiten bei 
der Theil hat, wobei jedoch die Prakritzüge — d.h.die 
Aehnlichkeiten mit den neuindischen, den sogenannten prakriti- 
schen Sprachen — immer vorherrschen. Hierzu stimmt 
die geographische Stellung des Pashto zwischen indischen und 
iranischen Idiomen völlig." Die Prakritzüge, welche die 
Specialverwandtschaft des Pashto mit den neuindischen Spra 
chen ausniachen, sieht Trumpp zunächst in den Cerebrallauten, 
welche das Afghanische wie die prakritischen Sprachen zeigen, 
ferner in dem Umstand, daß eine Menge Pashtoworte direct 
von den angrenzenden Prakritidiomen, namentlich dem Sindhi, 
minder dem Panjabi „abgeleitet" seien, sowie endlich 
darin, daß die ganze Bildung des Declinations- und Con 
jugationsprocesses die genaueste Analogie zum Sindhi zeige, 
ja Einzelnes, wie die ganze Structur des afghanischen activen 
und passiven Verbs in den Zeiten der Vergangenheit, nur 
aus dem Sindhi erklärt werden könne. 
46
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.