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Objekt: Zeitschrift für Volkskunde, 71/72.1975/76

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2,u Iso Baumers Bemerkungen 
pretation), um eine im vornhinein feststehende These zu stützen, tragen min 
destens in meinem Fall nicht; im Gegenteil, sie bringen die These beträchtlich ins 
Wanken. Nicht nur, daß die Wallfahrten bzw. die Heiligenverehrung gar nichts 
verschleiern, sondern sie tragen sogar zur Ich-Bindung, zur Gruppen-Kohäsion 
bei, was G. Korff einzig dem sozialistischen Personenkult Vorbehalten möchte. 
Die Lösung der Probleme wird eben gar nicht „delegiert“, sondern im Verein 
mit dem Heiligen, mit der Transzendenz, höchst konkret angepackt. Nicht die 
Realität verflüchtigt sich ins Sakrale, sondern das Sakrale wird in die Realität 
hereingenommen. Und wenn schon die Akzente jahrzehntelang etwas stark trans 
zendental gewichtet erscheinen mögen, so wird man den Katholiken doch auch 
jenes Durchgangsstadium zugestehen dürfen, das man den Lassalle-Anhängern 
so bereitwilligst gewährt. 
Wenn man die Entwicklung bis heute global betrachtet, hat man den Ein 
druck, daß dort, wo sich Demokratie und Religionsfreiheit paaren, die soziale 
Frage auf befriedigende Weise wenn nicht gelöst, so doch auf einen brauchbaren 
Weg gebracht wurde; daß aber in totalitären Regimen (kombiniert mit Reli 
gionsunterdrückung oder Indienstnahme der religiösen Strukturen) noch heute 
die Verschleierung der Realität vermittels eines massiven Personen-( = Heiligen-^ 
Kultes nötig ist, um die Massen abzulenken. Korffs These kann also auch um 
gekehrt gelesen werden. Aber so vertauschbar sagt sie nicht mehr viel Erhel 
lendes aus. 
Iso Baumer, Gümligen-Bern 
Zu Iso Baumers Bemerkungen 
1. Daß Herr Baumer sich in Trier gegen eine politische Interpretation der 
jurassischen Wallfahrten gewehrt hat, ist mir bekannt. Aufgrund seiner detail 
lierten Sachanalyse liegt diese Ausdeutung jedoch nach wie vor nahe. Daran 
ändert auch die Unterscheidung von Denotation und Konnotation nichts; sie 
bestätigt m. E. sogar, daß religiöse Symbolkomplexe und daraus abgeleitete 
Handlungssysteme über sich hinausweisen in einen gesellschaftlichen und poli 
tischen Zusammenhang. Je nach dem situativen Kontext folgt die Konnotation 
anderen Bedingungen als die denotative Bedeutungsablagerung. Und wenn ich 
das strukturalistische Interpretationsverfahren richtig verstanden habe — da 
her stammt ja doch die Unterscheidung denotativ/konnotativ - dann können 
sich Bedeutungs- und Symbolsysteme ändern, wenn ein oder mehrere Einzel- 
element(e) ihre Funktion und Intention anderen Systembezügen anpassen. Die 
Wallfahrten können so durchaus ihren bedeutungsmäßigen Akzent verlagern, 
wenn in bestimmten sozial- oder kulturgeschichtlichen Situationen andere als 
ausschließlich religiöse Erwartungen (wenn es diese überhaupt in Reinform ge 
ben sollte) an sie herangetragen werden, d. h. sie können in ihrem Motivations 
und Intentionsgefüge in politische Instrumente „mutieren“. 
2. Nichts lag mir allerdings ferner, als Herrn Baumer in einen seiner Ansicht 
nach nicht abstützbaren Theorie-Zusammenhang zu pressen. Ich bin lediglich 
seiner publizierten Darstellung gefolgt, und da tauchen selbst Begriffe wie
	        
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