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2,u Iso Baumers Bemerkungen
pretation), um eine im vornhinein feststehende These zu stützen, tragen min
destens in meinem Fall nicht; im Gegenteil, sie bringen die These beträchtlich ins
Wanken. Nicht nur, daß die Wallfahrten bzw. die Heiligenverehrung gar nichts
verschleiern, sondern sie tragen sogar zur Ich-Bindung, zur Gruppen-Kohäsion
bei, was G. Korff einzig dem sozialistischen Personenkult Vorbehalten möchte.
Die Lösung der Probleme wird eben gar nicht „delegiert“, sondern im Verein
mit dem Heiligen, mit der Transzendenz, höchst konkret angepackt. Nicht die
Realität verflüchtigt sich ins Sakrale, sondern das Sakrale wird in die Realität
hereingenommen. Und wenn schon die Akzente jahrzehntelang etwas stark trans
zendental gewichtet erscheinen mögen, so wird man den Katholiken doch auch
jenes Durchgangsstadium zugestehen dürfen, das man den Lassalle-Anhängern
so bereitwilligst gewährt.
Wenn man die Entwicklung bis heute global betrachtet, hat man den Ein
druck, daß dort, wo sich Demokratie und Religionsfreiheit paaren, die soziale
Frage auf befriedigende Weise wenn nicht gelöst, so doch auf einen brauchbaren
Weg gebracht wurde; daß aber in totalitären Regimen (kombiniert mit Reli
gionsunterdrückung oder Indienstnahme der religiösen Strukturen) noch heute
die Verschleierung der Realität vermittels eines massiven Personen-( = Heiligen-^
Kultes nötig ist, um die Massen abzulenken. Korffs These kann also auch um
gekehrt gelesen werden. Aber so vertauschbar sagt sie nicht mehr viel Erhel
lendes aus.
Iso Baumer, Gümligen-Bern
Zu Iso Baumers Bemerkungen
1. Daß Herr Baumer sich in Trier gegen eine politische Interpretation der
jurassischen Wallfahrten gewehrt hat, ist mir bekannt. Aufgrund seiner detail
lierten Sachanalyse liegt diese Ausdeutung jedoch nach wie vor nahe. Daran
ändert auch die Unterscheidung von Denotation und Konnotation nichts; sie
bestätigt m. E. sogar, daß religiöse Symbolkomplexe und daraus abgeleitete
Handlungssysteme über sich hinausweisen in einen gesellschaftlichen und poli
tischen Zusammenhang. Je nach dem situativen Kontext folgt die Konnotation
anderen Bedingungen als die denotative Bedeutungsablagerung. Und wenn ich
das strukturalistische Interpretationsverfahren richtig verstanden habe — da
her stammt ja doch die Unterscheidung denotativ/konnotativ - dann können
sich Bedeutungs- und Symbolsysteme ändern, wenn ein oder mehrere Einzel-
element(e) ihre Funktion und Intention anderen Systembezügen anpassen. Die
Wallfahrten können so durchaus ihren bedeutungsmäßigen Akzent verlagern,
wenn in bestimmten sozial- oder kulturgeschichtlichen Situationen andere als
ausschließlich religiöse Erwartungen (wenn es diese überhaupt in Reinform ge
ben sollte) an sie herangetragen werden, d. h. sie können in ihrem Motivations
und Intentionsgefüge in politische Instrumente „mutieren“.
2. Nichts lag mir allerdings ferner, als Herrn Baumer in einen seiner Ansicht
nach nicht abstützbaren Theorie-Zusammenhang zu pressen. Ich bin lediglich
seiner publizierten Darstellung gefolgt, und da tauchen selbst Begriffe wie