II. Kolloquium Balticum Ethnographicum
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reich, da die Reihenfolge der Komponentennennung innerhalb der von mir oben ge
nannten Definition - ein lettischer Dialekt, angereichert mit litauischen und deutschen
Sprachelementen - geradezu auf den Kopf gestellt wird. Die kleine Geschichte nennt
das Merkmalhafte, und das ist die fremde deutsche Sprache, zu allererst und das Merk-
niallose, Usuelle, Alltägliche, das kurseniek- Element (— aus dem Kurländischen Her
rührende), zuletzt. Wichtig ist zu unterstreichen, daß sich die Nehrungskuren dieser
drei Elemente ihrer Muttersprache (um nicht das ungewöhnliche, jedoch präzisere Wort
Mutterdialekt zu gebrauchen) voll bewußt sind.
In baltistischer Sicht kann von einem Mischmasch, einer Mischsprache im Sinne der
allgemeinen Sprachwissenschaft, beim Nehrungskurischen keine Rede sein. Der Grund
charakter ist lettisch. Das Nehrungskurische hat bis zum heutigen Tag die Kraft, litaui
sche, selbst deutsche Sprachelemente zu lettonisieren, in das nehrungskurische Sprach
system zu integrieren.
Die Zeitebene, über die ich im folgenden vor allem handle, sind die ersten drei
Jahrzehnte dieses Jahrhunderts. In diesen drei Jahrzehnten haben unsere wichtigsten
Gewährsleute (W. Rudolphs - und nun auch meine - nämlich Fritz Peleikis, 1904-1984,
und Johann Kuhr, geb. 1901) noch auf der Kurischen Nehrung gelebt, aus dieser Zeit
haben sie den damaligen Sprachzustand in ihrem Gedächtnis erstaunlich gut konser
viert, was leicht an zwei grundlegenden Neuerscheinungen zu überprüfen ist, nämlich
dem Kurischen Wörterbuch von Paul Kwauka und Richard Pietsch (Berlin [West] 1977)
und dem Band Fischerleben auf der Kurischen Nehrung von Richard Pietsch (Berlin
[West] 1982), die den entsprechenden Sprachzustand, hauptsächlich die Niddener Mund
art, analog widerspiegeln. Das wesentliche Vergleichswerk von Juris Plä^is, Kursenieku
v aloda (Riga 1927), reflektiert einen etwas älteren Sprachzustand, obwohl der Autor
seine Feldforschungen erst um die Mitte der zwanziger Jahre hauptsächlich in Nidden
(ü. Nida, nkur. Nide) durchgeführt hat. Historisches, Geographisches muß ich aus Zeit
gründen vor diesem Kreis hier voraussetzen. Ich spreche hier hauptsächlich vom Neh
rungskurischen in den Dörfern Nidden, Preil (li. Preila, nkur. Prèle) und Perwelk (li.
Pervalka, nkur. Pêrvêlke).
3. Mehrsprachigkeit auf der Kurischen Nehrung
Besteht überhaupt Mehrsprachigkeit auf der Kurischen Nehrung? Nach allem, was
die Literatur darüber berichtet, hat es im besagten Zeitraum zwar eine Dreisprachig
st auf der Kurischen Nehrung gegeben, jedoch nur eine Dreisprachigkeit in der
Region: alle drei Sprachen (Nehrungskurisch, Litauisch, Deutsch) sind auf der Kuri
schen Nehrung und ihrem Umfeld (am Ost-, Nord-, Südufer des Kurischen Haffs)
gesprochen worden, während ich von einer Dreisprachigkeit des Ethnos der Nehrungs
kuren - wenigstens für den in Rede stehenden Zeitraum - nicht glaube sprechen zu
dürfen, sondern nur von Diglossie oder Zweisprachigkeit. Zu dieser Zeit (in den ersten
30 Jahren des 20. Jahrhunderts) sind nur das Nehrungskurische als Muttersprache in
der Familie und im Fischergewerbe, innerhalb der Nehrungsbewohnergemeinschaft,
sowie das Deutsche frei gesprochen worden. In Litauisch war den Nehrungskuren die
Verständigung nur auf einfachster Ebene, bei der Bewältigung der Marktsituation, in
der Verständigung beim Anbieten, Verkaufen und Kaufen, möglich. Eine Verständi-
Sungsmöglichkeit in einer dritten Sprache, wie wir es etwa heute noch als Auslands
touristen erahnen können, hat bestanden. Meine Gewährsleute könnten sich jedoch nicht
litauisch unterhalten oder gar ins Litauische übersetzen. Allerdings erkennen sie sofort,