Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Volltext: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 17=32.1989

II. Kolloquium Balticum Ethnographicum 
157 
reich, da die Reihenfolge der Komponentennennung innerhalb der von mir oben ge 
nannten Definition - ein lettischer Dialekt, angereichert mit litauischen und deutschen 
Sprachelementen - geradezu auf den Kopf gestellt wird. Die kleine Geschichte nennt 
das Merkmalhafte, und das ist die fremde deutsche Sprache, zu allererst und das Merk- 
niallose, Usuelle, Alltägliche, das kurseniek- Element (— aus dem Kurländischen Her 
rührende), zuletzt. Wichtig ist zu unterstreichen, daß sich die Nehrungskuren dieser 
drei Elemente ihrer Muttersprache (um nicht das ungewöhnliche, jedoch präzisere Wort 
Mutterdialekt zu gebrauchen) voll bewußt sind. 
In baltistischer Sicht kann von einem Mischmasch, einer Mischsprache im Sinne der 
allgemeinen Sprachwissenschaft, beim Nehrungskurischen keine Rede sein. Der Grund 
charakter ist lettisch. Das Nehrungskurische hat bis zum heutigen Tag die Kraft, litaui 
sche, selbst deutsche Sprachelemente zu lettonisieren, in das nehrungskurische Sprach 
system zu integrieren. 
Die Zeitebene, über die ich im folgenden vor allem handle, sind die ersten drei 
Jahrzehnte dieses Jahrhunderts. In diesen drei Jahrzehnten haben unsere wichtigsten 
Gewährsleute (W. Rudolphs - und nun auch meine - nämlich Fritz Peleikis, 1904-1984, 
und Johann Kuhr, geb. 1901) noch auf der Kurischen Nehrung gelebt, aus dieser Zeit 
haben sie den damaligen Sprachzustand in ihrem Gedächtnis erstaunlich gut konser 
viert, was leicht an zwei grundlegenden Neuerscheinungen zu überprüfen ist, nämlich 
dem Kurischen Wörterbuch von Paul Kwauka und Richard Pietsch (Berlin [West] 1977) 
und dem Band Fischerleben auf der Kurischen Nehrung von Richard Pietsch (Berlin 
[West] 1982), die den entsprechenden Sprachzustand, hauptsächlich die Niddener Mund 
art, analog widerspiegeln. Das wesentliche Vergleichswerk von Juris Plä^is, Kursenieku 
v aloda (Riga 1927), reflektiert einen etwas älteren Sprachzustand, obwohl der Autor 
seine Feldforschungen erst um die Mitte der zwanziger Jahre hauptsächlich in Nidden 
(ü. Nida, nkur. Nide) durchgeführt hat. Historisches, Geographisches muß ich aus Zeit 
gründen vor diesem Kreis hier voraussetzen. Ich spreche hier hauptsächlich vom Neh 
rungskurischen in den Dörfern Nidden, Preil (li. Preila, nkur. Prèle) und Perwelk (li. 
Pervalka, nkur. Pêrvêlke). 
3. Mehrsprachigkeit auf der Kurischen Nehrung 
Besteht überhaupt Mehrsprachigkeit auf der Kurischen Nehrung? Nach allem, was 
die Literatur darüber berichtet, hat es im besagten Zeitraum zwar eine Dreisprachig 
st auf der Kurischen Nehrung gegeben, jedoch nur eine Dreisprachigkeit in der 
Region: alle drei Sprachen (Nehrungskurisch, Litauisch, Deutsch) sind auf der Kuri 
schen Nehrung und ihrem Umfeld (am Ost-, Nord-, Südufer des Kurischen Haffs) 
gesprochen worden, während ich von einer Dreisprachigkeit des Ethnos der Nehrungs 
kuren - wenigstens für den in Rede stehenden Zeitraum - nicht glaube sprechen zu 
dürfen, sondern nur von Diglossie oder Zweisprachigkeit. Zu dieser Zeit (in den ersten 
30 Jahren des 20. Jahrhunderts) sind nur das Nehrungskurische als Muttersprache in 
der Familie und im Fischergewerbe, innerhalb der Nehrungsbewohnergemeinschaft, 
sowie das Deutsche frei gesprochen worden. In Litauisch war den Nehrungskuren die 
Verständigung nur auf einfachster Ebene, bei der Bewältigung der Marktsituation, in 
der Verständigung beim Anbieten, Verkaufen und Kaufen, möglich. Eine Verständi- 
Sungsmöglichkeit in einer dritten Sprache, wie wir es etwa heute noch als Auslands 
touristen erahnen können, hat bestanden. Meine Gewährsleute könnten sich jedoch nicht 
litauisch unterhalten oder gar ins Litauische übersetzen. Allerdings erkennen sie sofort,
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.