Aus dem südlichen Indien.
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mals das Heiligenthmn verlassen; dann werden die Statuen
auf ein mit Stricken versehenes Floß gebracht und mittels
der Stricke von der an fünfzig Tausend Gläubige zählenden
Menge unter entsetzlichem Geschrei auf dem See spazieren
gefahren; endlich wird das Floß aus einander genommen
und jeder Bcthciligte eignet sich ein Stück davon an. Zum
Schluß folgte ein wohl arrangirtes Feuerwerk, das Haupt
stück des Ganzen.
In der Frühe des anderen Morgens reiste Guimet
nach Tritschinapali weiter. Der Charakter der
Landschaft war ein sehr wechselnder, da sich stellenweise
durch künstliche Be
wässerung außer
ordentliche Frucht
barkeit, und anderswo
wieder wüste Sand
flächen zeigten; mit
ten in einer solchen
liegt Tritschinapali,
schon von Weitem
kenntlich an dem
inmitten der Stadt
emporragenden ho
hen Felskcgel. Von
Bett, Stuhl oder
Möbel überhaupt
war natürlich in den
Gastzimmern des
kleinen Hotels, in
welchem die beiden
Reisenden abgestie
gen waren, keine
Rede, und obgleich
der Wirth selbst vor
dem Schlafen in den
Zimmern zu ebener
Erde wegen der darin häufigen Schlan
gen warnte, so zogen die Reisenden
diese doch vor wegen ihrer größeren
Kühle. Nach einem leidlichen Mittags
mahle ging cs unter Leitung eines
Führers an die Besichtigung der Stadt.
So groß diese zu sein scheint, so sind
doch eigentliche Wohnhäuser nur um
den inmitten derselben sich erhebenden
Felskegel wahrzunehmen, während man
sonst nur Bäume, leere Plätze und einige kleine Heiligen
häuschen mit Götzenbildern sieht. An den Felsen und den
von ihm getragenen Tempeln, sowie an dem großen Bade
teiche vorüber gelangte man an den Fluß Kaweri, in \
welchem auf der Insel Seringam die beiden Tempel des
Wischnu und des Siva liegen; seine reich bewaldeten Ufer
mit ihren Tempeln, Kolonnaden und breiten Stufen, belebt
von dunkelfarbig gekleideten Eingeborenen mit weißem Tur
ban, bilden ein feenhaftes Panorama! Das ist das In
dien, welches man sich im Traume ausmalt!
Ueber eine schöne Stcinbrücke hin die Insel betretend,
begaben sich Guimet und Rügamey zunächst zu dem größe
ren Tempel des Wischnu, der von siebenfachen Mauer- >
ringen eingeschlossen einer wahren Festung gleicht; Mauern
und Thürme sind mit Zinnen und Einschnitten zum Zwecke
der Vertheidigung versehen, ein Beweis dafür, daß sie in
einer Periode religiöser Zwistigkeiten erbaut worden sind.
Bei dem ersten nicht ganz ausgebauten Thurme oder
Gopuram vorbei gelangt man in einen Hof, durch den eine
förmliche Straße von Kauflüden zu dem Prachtvollen zweiten
Gopuram führt. In einem Winkel lag ein mit Asche
bedeckter Mann wie todt auf dem Rücken — ein Bettler,
der für freigebige Pilger Buße that, wofür ihm Geld in
ein aus seinem Bauche stehendes Gefäß geworfen wurde.
Die Thürme und Höfe weiter durchschreitend fand Guimet
auch hier einen Tanscndpfeilersaal, der wie in Madura
hauptsächlich zur Beherbergung von Gläubigen bei großen
Festen dient, sowie auch als Faxade die gewaltigen steinernen
Reiter auf sich bäumenden Rossen, die ihm schon am Tschultry
in Madura aufgefallen und offenbar dort denen in Tritschi
napali nachgebildet waren. An Festtagen werden die
Götterbilder auf enormen in Stein ausgehauenen Wagen
umher gefahren, ein Anlaß größter Freude für die Tau
sende von Pilgern, die sich davorspannen und die schwere
Last in Bewegung setzen.
Da der Eintritt in den innersten Hof Europäern
verboten ist, so suchten die Reisenden von den Dächern
aus noch einen Ueberblick über diese Unzahl von Kuppeln,
Thürmen und Terrassen zu gewinnen, zwischen denen
die Höfe glcichsanl Abgründe bildeten. In der Ferne
ragte der Felsen von Tritschinapali über Bäumen empor,
der an seinem einen Abhange ungeheuere rothe und
weiße vertikale Streifen trägt, wie
sie auch an den Priesterwohnungen
angebracht sind.
Uebrigens zeichnet sich einer der
Gopurams durch eine ganz beson
ders sorgfältige Skulpturarbeit aus;
man könnte ihn nach den ihn von
oben bis unten bedeckenden Darstel
lungen den Thurm
der Liebe nennen, da
dies Alles Liebcs-
seenen, wenn auch
in durchaus decentem
Tone gehaltene, sind.
Man erkennt dar
unter die schöne
Lakschmi, die indische
Venns, den bogen
spannenden Kama,
Wischnu mit seinen
vier Armen und
Betende mit gefal
teten Händen. Gleich
neben diesem sonder
baren Monumente
ist eine kleine Kna
benschule , deren
Schüler einen recht
guten Eindruck in
Bezug auf Erzie
hung und Manieren
Bajaderen. machen; ihr Lehrer
spricht etwas eng
lisch. Als die Rei
senden den Tempel wieder verlassen wollten, bemerkte Guimet,
im Begriffe, den letzten Gopuram zu passiren, eine plötz
liche Unruhe unter den Eingeborenen entstehen, und sah
diese Alle Hals über Kopf flüchten, so daß er und sein
Gefährte Rsgamey allein zurückblicken. Mit Entsetzen sieht
er die Ursache der Panik, zwei riesige heilige Elephanten,
auf sich losgestürzt kommen und er hat eben noch Zeit,
hinter einen Kaufladen zu springen, als die Elephanten vor
demselben Halt machen und ihm ihre Ehrfurcht bekundeten.
Jetzt erst sah er die Treiber auf den Köpfen der Thiere