Erhard Riemann
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In sehr vielen Berichten hören wir, daß man nicht nur ein einziges Stahl-
bzw. Eisengerät vor die Schwelle legte, sondern verschiedene Dinge mit
einander vereinigte, wodurch man die Abwehrkraft der Zaubermittel zu
verstärken glaubte. Als Beispiel hierfür darf der oben angeführte Bericht
aus Erfde Kr. Schleswig gelten, wo man Beil, Feuerzange und Hufeisen
gemeinsam als Abwehrmittel beim Viehaustrieb verwendete.
Die Begründungen, die für diese Stahlbräuche gegeben werden, sind
unterschiedlich, wiederholen sich aber immer wieder. Die jüngsten und
blässesten Erklärungen sind wohl solche: „Dat schull Glück bringen“,
„Denn harrn se beter Glück in de Weid“, „Denn geev dat keen Unglück“,
„Denn harr he keen Malör mit de Käuh“ oder „Denn schull dat Veehwark
ni to Schaden kamen“. Ein Gewährsmann aus Norden auf Nordstrand
(geboren 1852), der innerlich bereits von allem Aberglauben abgerückt ist,
bemerkt allerdings kritisch, daß oft gerade das Gegenteil der beabsichtig
ten Wirkung eintrat:
„Dat schull gut wesen gegen Malör. De Köh leepen de Warf dal un hemm en
Been braken.“
Sehr häufig erklärt man diese Stahlbräuche ausdrücklich als Abwehr
maßnahmen gegen die Hexen: „Dat Veeh schall ni behext ward’n“, „Dat
weer, damit de Hexen ehr nix andohn kunn’n“, „Dat schall de Hexen
afholen“, „. . . de bösen Lö (= Leute) künnt er nix anhebb’n“, „. . . und
se kunn’n er ok nix andon“. Auch wo man die Hexen nicht mehr erwähnt,
denkt man an irgendwelche schädigenden Mächte, die Unfälle, Krankhei
ten oder unruhiges Verhalten des Viehs bewirken. Aus dieser Haltung
heraus kommen folgende Begründungen: „Denn broken se keen Been op
de Weid“, „dat de Tiern ni de Been affbroken, wenn se rutkeem’n“, „Denn
schulln se sommerdags ni hinken ward’n“, „. . . se bleeben gesund“, „De
Käuh schüllt de ,Grousen c16 ni kriegen, wenn se in’t junge Gras kamt;
denn ward se stief un kriegt dat in’t Beenwark“, „Denn versetten se nich
(= verkalben sie nicht)“, „dat se sik ni verfangen dön“ (unter „Verfan
gen“ versteht man eine Aufblähung des Bauches mit gleichzeitiger Beklem
mung der Brust und der Atmungsorgane, hervorgerufen durch zu schnelles
Fressen von frischem Klee 29 ), „Denn schulln de Köh ni afbreken (= mit
der Milch nachlassen 6 )“, „dat se ni utbreken schulln“, „Denn güng’n se ni
von de Koppel“, „Denn güng’n de Köh sommerdags ni af“, „Denn güng’n
se nich af, denn toben (= bleiben) se op de Koppel“, „Denn güng’n de
Köh ni dör (= durch)“. In einem Bericht wird eine Begründung vom Ver
wendungszweck des Beils her versucht:
Luschendorf Kr. Eutin: „. . . mit dat Biel wörn de Tunpahln inslagen: denn
güng’n de Köh ni dör.“
29 Mensing, SHWb. 5,378 f.