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Objekt: Globus, 79.1901

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Prof. Dr. R. Fr. Kaindl: Aus der Volksüberlieferung der Bojken. 
Aus der Volksüberli 
Yon Professor Dr. R. Fr 
Im Verlaufe meiner Studien über die Huzulen, welche 
ich durch viele Jahre, und zwar zum Teil im Aufträge 
der Wiener Anthropologischen Gesellschaft betrieben 
habe 1 ), hatte ich auch Gelegenheit, den diesen Bergbe 
wohnern westlich benachbarten ruthenischen Stamm 
der Bojken kennen zu lernen. Über Nadworna ge 
langte ich nach Maniawa an der Maniawka, dann über 
Kryczka nach Jablinka, von hier die schwarze Bystrzyca 
aufwärts nach Porohy. Ferner kam ich nach Preslup- 
Lukwa * 2 ), von hier über Sliwki nach Jasien, dann zurück 
nach Niebylow und Perehinsko; die letztgenannten vier 
Orte liegen an der den Karpathen entströmenden Lom- 
nica. Ich habe also nur den östlichen Teil der Bojken 
kennen gelernt. Der Name dieses Völkchens hat zu 
mancherlei Kontroversen Veranlassung gegeben. Am 
wahrscheinlichsten ist die Auffassung 3 ), dafs der Name 
ähnlich wie jener der Huzulen (rumänisch hoc-ul = der 
Räuber) diesen Gebirgsbewohnern von ihren Nachbarn 
als Schimpfname beigelegt wurde. Danach würde der 
Name nicht auf die keltischen Bojer zurückzuführen 
sein, vielmehr würde sein Ursprung ähnlich zu erklären 
sein wie der Name der Lemken (ebenfalls ein Teil der 
galizischen Ruthenen). Wie diese nach ihrem beliebten 
Flickworte „lern“ genannt werden, so dürften die Bojken 
nach dem Ausdruck „boje“ = „denn es ist wirklich 
so“, den sie sehr häufig gebrauchen sollen, von ihren 
Nachbarn benannt worden sein. Bei den von mir be 
suchten Bojken habe ich zwar dieses Flickwort nicht 
bemerkt; es kann aber den gemeinsamen Namen das 
bei dem westlichen Teile (um Skole) allein gebrauchte 
Wort veranlafst haben. Dafs „Bojko“ ein beigelegter 
Schimpf- oder Spitzname ist, geht aus dem Umstande 
hervor, dafs diejenigen, denen er gilt, von ihm durchaus 
nichts wissen wollen. An der östlichsten Grenze geben 
sie sich für Huzulen aus, obwohl sie sich von ihnen 
klar abheben. Weiter leugnen sie ebenfalls den Namen 
Bojken ab und wollen nur Rusnaken genannt werden, 
wie sich die meisten „Ruthenen“ selbst zu nennen 
pflegen. 
Meine Aufgabe bestand vorzüglich in der Erforschung 
des Hauses und Hofes. Darüber habe ich bereits an 
anderer Stelle gehandelt. Hier wird es genügen festzu 
stellen, dafs die Hütte, ihr Bau und ihre Einrichtung, 
ferner auch die Tracht vielfach den in diesen Blättern 
bereits beschriebenen der Huzulen und Rusnaken gleicht 4 ). 
Ich habe aber auch mancherlei Interessantes aus der Volks 
überlieferung der Bojken aufgezeichnet, das der Mittei 
lung wert ist. Dazu füge ich noch einige Notizen hinzu, 
die ich einem seltenen, 1811 erschienenen Büchlein 
x ) Vgl. aufser anderen Schriften besonders „Die Huzulen“ 
(Wien, Holder, 1894), „Haus und Hof bei den Huzulen“ 
(1896), „Bei den Huzulen im Prutthal“ (1897), „Ethnographi 
sche Streifzüge in den Ostkarpathen (1898). 
2 ) In Jablinka fand ich in Herrn Pfarrer N. Rudnicki 
und in Lukwa in Herrn Pfarrer W. Lewicki treffliche För 
derer meiner Studien. 
3 ) Man vgl. J. Werchratsky, „Woher stammt der Name 
Bojki?“ (Arch. f. slav. Philologie, Bd. 16, S. 591 bis 594), und 
W. Ochrymovyc und J. Franko, „Zwidky wziala sia 
nazwa Bojky?“ (Woher kam die Bezeichnung Bojken?) in 
Zytie i Slowo, B. 3, p. 143 — 149. 
4 ) Vgl. besonders meine Aufsätze: „Neue Beiträge zur 
Ethnologie und Volkskunde der Huzulen“ (Glohus, Bd. 69, 
Nr. 5 u. 6) und „Haus und Hof bei den Rusnaken“ (Globus, 
Bd. 71, Nr. 9). Beide Studien sind illustriert. 
eferung der Bojken. 
■. Kaindl. Czernowitz. 
entnehme, und notiere die Ergebnisse zweier neuerer 
Arbeiten. 
Wie anderwärts bei den Ruthenen werden auch hier 
(Preslup) mancherlei Zaubermittel angewendet, um dem 
Hause Glück zu sichern und Unglück von dem 
selben fern zu halten. So werden beim Bau des 
Hauses auf die Ecken der Unterlagshölzer Brote gestellt. 
Zwischen den Zapfen oder Lagern der Hölzer werden 
Knoblauch, allerlei Kräuter, besonders Basilicum, end 
lich auch Geldstücke gelegt. Entsprechen diese Mittel, 
besonders die Anwendung zauberkräftiger Kräuter, den 
in diesen Gegenden noch überall erhaltenen heidnischen 
Gebräuchen, so kommt in dem Besprengen mit Weih 
wasser und der Aufstellung eines Holzkreuzes auf dem 
Bauplatze christliche Sitte zur Geltung. Die Ceremonie 
bei der Legung der Grundbalken heilst „zakladeny“. 
Zu Anfang dieses Jahrhunderts wird über die Bauopfer 
in diesen Gegenden folgendes berichtet 5 ): Sobald die 
Unterlagshölzer gelegt sind, legt man auf ihre Ecken 
für die Nacht je ein Stück Brot. Am nächsten Morgen 
wird nachgesehen, ob von irgend einer Ecke das Brot 
verschwand. Ist dies der Fall, so gilt das als Unglück 
verheilsendes Zeichen, und dem Hause muls eine andere 
Lage gegeben werden. Niemals darf ein Haus an einer 
Stelle erbaut werden, über die ein Weg hinwegging, 
denn man könnte sonst „auf die Spur des Teufels 
stofsen“. Vom Sturm niedergeworfene Holzstämme dür 
fen zum Bau nicht verwendet werden, weil der Sturm 
ein Werk des Teufels ist, jenes Holz also gewissermalsen 
schon unrein wäre. Der herkömmliche Bauplan dürfe 
niemals in der Weise eine Änderung erfahren, dafs man 
in der Breite der Hütte irgend einen Zubau sich ge 
statte: dies würde Tod oder doch Krankheit des Wirtes 
zur Folge haben; gestattet sei dagegen ein Zubau in 
der Länge der Hütte. Nachdem die Hütte gebaut ist, 
bleibt über dem Vorhause das Dach unbedeckt („wird 
mit Stroh nicht benäht“), „damit durch diese Lücke 
alles Böse herausfliege“. Bevor das Haus bewohnt wird, 
mufs zuvor ein Hahn für eine Nacht in demselben unter 
gebracht werden 6 ); kräht der Hahn in gewohnterWeise, 
so ist dies ein gutes Zeichen; unterläfst er sein Krähen, 
so deutet dies Übles an, offenbar hat ihn der Teufel er 
schreckt. Wurde eine Hütte abgetragen, so scheut sich 
jedermann, den Ofen zu zerstören 7 ). 
Um vom Hause während des Jahres das Böse fern 
zu halten, mufs man besonders an gewissen Tagen aller 
lei Gebräuche beachten. Am Vortage des Jordan 
festes (drei Könige) wird bei der Vesper Wasser „für 
den häuslichen Gebrauch“ geweiht. Jeder füllt sich 
sodann mit demselben ein Gefäfs, das mit Haferähren, 
Immergrün und Basilienkraut geschmückt ist. Sobald 
6 ) Ich entnehme diese und andere im folgenden als aus 
dem Anfang des Jahrhunderts herstammend bezeichneten 
Gebräuche der Schrift „Okolica Za-Dniestrska miedzy Stryiem 
i Lomnica“ von J. L. Czerwiiiski (Lemberg 1811), von der 
mir Herr Pfarrer B. Niebylowiec in Perehinsko ein leider 
unvollständiges Exemplar zu verschaffen die Güte hatte. 
6 ) Ähnliches gilt auch bei den anderen Ruthenen. Vgl. 
z. B. meine Schrift „Die Ruthenen in der Bukowina“ I 
(Czernowitz 1889). Übrigens sind Bauopfer bei allen Ru 
thenen noch üblich. 
7 ) Denselben Aberglauben beobachtete ich auch in Czer 
nowitz. Als daselbst vor etwa 15 Jahren in meinem väter 
lichen Garten (Neueweltg. 58) ein altes „walachisches“ Haus 
abgetragen wurde, wollten die damit beschäftigten Leute den 
offenen, im Vorhaus stehenden Herd nicht abtragen. 
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