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Objekt: Globus, 75.1899

H. Seidel: Spaltenbildungen und Landverlust auf Hiddensee. 
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nicht vorkam, an der Iiüftschnur festgebunden. Dieser 
Modus stellt ein bemerkenswertes Mittelding dar zwischen 
dem einfachen Einbinden des unbedeckten Präputiums 
an die Hüftschnur und dem frei aufsitzenden Futteral 
aus Palmblatt. 
•Die letzte Skizze, Abbild. 10, veranschaulicht eine 
Scene aus dem Tanz, den die Bororö auf der Fa- 
Abbild. 10. Tanzende Bororö. 
zenda vorführten — vorher reichlich mit Branntwein 
bewirtet und „fast betrunken“. Sie standen in weitem 
Kreise und stampften wechselweise mit rechtem und 
linkem Fufse auf, in getragenem Rhythmus mit tiefer, 
heiserer Stimme singend und den Takt mit den Händen 
klatschend. Plötzlich stiefsen sie ein lautes Gebrüll aus 
und sprangen umher, die einen den Körper verdrehend, 
die anderen mit offenen Armen und wirrem, gen Himmel 
gerichtetem Blick oder auch sich bückend, als ob sie 
niederhocken wollten. Dann erneuerte sich wieder der 
monotone Stampftanz. Die übliche Vorbereitung zur 
Jagd auch am S. Lourengo. Florence schildert, wie zwei 
Individuen in den Kreis traten und ein Ameisenbären 
intermezzo zum besten gaben. Der eine, ein Kind auf 
dem Rücken und auf allen Vieren kriechend, war die 
Ameisenbärin mit ihrem Jungen; sie wurde von dem 
anderen mit einer Stange an der Nase gekitzelt und 
suchte sich dessen mit den charakteristischen trägen 
Bewegungen der krummen Klauen, die einmal Erfafstes 
niemals loslassen, zu wehren. Ähnliche Tanzmotive er- 
giebt der Kampf mit dem Jaguar, die Jagd auf den 
Tapir, den Wolf, das Reh u. s. w. Wenn der Häuptling 
im Bororodorf des S. Lourengo für den nächsten Morgen 
eine Jagd ansagte, wurde die ganze Nacht hindurch 
unermüdlich gesungen, gestampft und gerasselt: es war 
also schlechterdings unmöglich, den Aufbruch zu ver 
schlafen. 
Spaltenbildungen und Landverlust auf Hiddensöe. 
Von H. Seidel. Berlin. 
Die neuerdings öfter besuchte und wegen ihrer eigen 
artigen Schönheit mehr gewürdigte Insel Hiddensöe 
besteht aus zwei gänzlich verschiedenen Teilen, nämlich 
aus dem hohen diluvialen Oberlande oder dem 
Dornbusch im Norden und aus dem flachen alluvialen 
Unterlande im Süden, das sich lang und schmal bis 
in die Nähe von Kap Barhöft auf Neu Vorpommern er 
streckt. Parallel zum Unterlande streicht der gleichfalls 
alluviale, aber kürzere Alt-Bessin, ein sandiger, immer 
noch wachsender Haken, der unfern des Entendornes 
am Nordostfufse der Kernmasse wurzelt und weit in den 
Vitter Boden hinabreicht. Das Oberland stellt sich als 
ein massiger, aufsen stark gegliederter Höhenrücken dar, 
dessen bewegte Formen schon beim Vorüberfahren jeden 
Reisenden fesseln. Noch anziehender und vielgestaltiger 
wird das Bild, wenn man beim Dorfe Kloster das Schiff 
verläfst und nun zu Fufs den Fahrweg zum Leucht 
turm bergan wandert. Gleich hinter den Gebäuden des 
groisen Pachthofes Kloster öffnet sich ein anfangs 
mäfsig aufsteigender Thalgrund, der rechts und links 
von zahlreichen, ziemlich steilen Kuppen umrahmt ist. 
Nach Nordosten, in der Richtung auf das Dorf Grieben 
zu, bleiben diese Kuppen sanfter, die Abhänge breiter 
und flacher, so dafs hier, unterstützt durch den besseren 
Boden, seit alters ein ziemlich ergiebiger Feldbau ge 
trieben wird. Vor und um uns dagegen starrt der 
gelbbraune, häufig kiesige, von Geschieben erfüllte, 
magere Decksand des oberen Diluviums. Nur ein dünnes, 
ärmliches Pflanzenkleid hüllt notdürftig dies Ödland ein, 
das eben noch den genügsamen Schafen leidliche Weide 
bietet. Hoch oben am letzten Saume der Höhen tritt 
ernster Fichtenwald auf und ladet uns in sein friedliches 
Reich. 
Je länger wir steigen, desto seltsamer entwickelt sich 
die Scenerie. Die vorher massig erscheinenden Kuppen 
lösen sich in eine Fülle kleinerer Buckel und Kegel auf, 
die eng miteinander verwachsen sind. Eine Weg 
kürzung, die wir durch einen Schrägmarsch auf den 
Leuchtturm zu erzielen hoffen, kostet uns auf der glatten, 
kurzen Pflanzennarbe manch mühseligen Schritt berg 
auf und bergab. Endlich haben wir das künstlich aus 
geebnete Plateau des Leuchtturmes erreicht und ge 
winnen nun den ersten freien Rundblick über die ganze 
Insel. 
Die Karte S. 10 lehrt, dals der Dornbusch in maximo 
nur 3 km lang und nicht mehr als IV 2 km breit ist. 
Aber kaum wird man im Bereiche des norddeutschen 
Flachlandes ein Terrain finden, das auf so beschränktem 
Raume so viele Unebenheiten zeigt und in gleicher 
Weise den Eindruck der Wirrnis und Unruhe in dem 
Beschauer hervorruft. Man zählt vom Leuchtturme 
über 30 gröfsere Kuppen, von den vielen sekundären 
Höckern ganz abgesehen, zwischen denen eine Menge 
engsohliger Thäler oder wannenartiger Gründe einge 
bettet ist. Wir stehen hier inmitten einer typischen 
Moränenlandschaft, wo Hoch und Tief in schneller 
Folge wechseln, wo jede Regelmälsigkeit schwindet, und 
alles greifbar deutlich von der Zeit der Eiswirkung 
redet, in der diese Formen teils durch die chaotische 
Ablagerung des Glacialmaterials, teils durch die Spül- 
und Strudelthätigkeit der Gletscherwässer erzeugt wurden. 
Fast no'ch bunter und verwickelter erscheint die 
Skulptur, wenn wir, statt vom Kloster, erst vom Rettungs 
hause an zur Höhe des Diluvialkernes emporsteigen. Da 
sehen wir uns auf dem Wege zum Schulter Berge in ein 
wunderliches Geliügel versetzt, das zunächst an mächtige, 
vollkommen abgeglättete Maulwurfskegel erinnert, deren 
jeder den Fufs seines Nachbarn berührt, so dafs man 
in einem fortwährenden Auf und Ab bleibt und froh ist, 
wenn man dies Durcheinander hinter sich hat. Der 
Geologe Dr. Günther, der im Spätsommer 1890 die 
Bodenverhältnisse Hiddensöes genauer studiert hat, er 
klärt 1 ) das Gebiet zwischen „Vorlege und Hucke“ als 
ein „Trümmerfeld“, entstanden durch den Zusammen 
bruch gröfserer Diluvialschollen, deren Liegendes in 
sinkende, aber ungleichmäfsige Bewegung geraten sein 
soll. Auf ähnliche Vorgänge, die Günther „post- 
glaciale Dislokationen“ nennt, sucht dieser Be 
obachter des weiteren die gesamten Lagerungsverhält- * 
D In seiner Inaugural-Dissertation : DieDislokationen 
auf Hiddensöe, Rostock 1891, mit 8 Ansichtstafeln und 
einer Karte des Dornbusches.
	        
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