H. Seidel: Spaltenbildungen und Landverlust auf Hiddensee.
9
nicht vorkam, an der Iiüftschnur festgebunden. Dieser
Modus stellt ein bemerkenswertes Mittelding dar zwischen
dem einfachen Einbinden des unbedeckten Präputiums
an die Hüftschnur und dem frei aufsitzenden Futteral
aus Palmblatt.
•Die letzte Skizze, Abbild. 10, veranschaulicht eine
Scene aus dem Tanz, den die Bororö auf der Fa-
Abbild. 10. Tanzende Bororö.
zenda vorführten — vorher reichlich mit Branntwein
bewirtet und „fast betrunken“. Sie standen in weitem
Kreise und stampften wechselweise mit rechtem und
linkem Fufse auf, in getragenem Rhythmus mit tiefer,
heiserer Stimme singend und den Takt mit den Händen
klatschend. Plötzlich stiefsen sie ein lautes Gebrüll aus
und sprangen umher, die einen den Körper verdrehend,
die anderen mit offenen Armen und wirrem, gen Himmel
gerichtetem Blick oder auch sich bückend, als ob sie
niederhocken wollten. Dann erneuerte sich wieder der
monotone Stampftanz. Die übliche Vorbereitung zur
Jagd auch am S. Lourengo. Florence schildert, wie zwei
Individuen in den Kreis traten und ein Ameisenbären
intermezzo zum besten gaben. Der eine, ein Kind auf
dem Rücken und auf allen Vieren kriechend, war die
Ameisenbärin mit ihrem Jungen; sie wurde von dem
anderen mit einer Stange an der Nase gekitzelt und
suchte sich dessen mit den charakteristischen trägen
Bewegungen der krummen Klauen, die einmal Erfafstes
niemals loslassen, zu wehren. Ähnliche Tanzmotive er-
giebt der Kampf mit dem Jaguar, die Jagd auf den
Tapir, den Wolf, das Reh u. s. w. Wenn der Häuptling
im Bororodorf des S. Lourengo für den nächsten Morgen
eine Jagd ansagte, wurde die ganze Nacht hindurch
unermüdlich gesungen, gestampft und gerasselt: es war
also schlechterdings unmöglich, den Aufbruch zu ver
schlafen.
Spaltenbildungen und Landverlust auf Hiddensöe.
Von H. Seidel. Berlin.
Die neuerdings öfter besuchte und wegen ihrer eigen
artigen Schönheit mehr gewürdigte Insel Hiddensöe
besteht aus zwei gänzlich verschiedenen Teilen, nämlich
aus dem hohen diluvialen Oberlande oder dem
Dornbusch im Norden und aus dem flachen alluvialen
Unterlande im Süden, das sich lang und schmal bis
in die Nähe von Kap Barhöft auf Neu Vorpommern er
streckt. Parallel zum Unterlande streicht der gleichfalls
alluviale, aber kürzere Alt-Bessin, ein sandiger, immer
noch wachsender Haken, der unfern des Entendornes
am Nordostfufse der Kernmasse wurzelt und weit in den
Vitter Boden hinabreicht. Das Oberland stellt sich als
ein massiger, aufsen stark gegliederter Höhenrücken dar,
dessen bewegte Formen schon beim Vorüberfahren jeden
Reisenden fesseln. Noch anziehender und vielgestaltiger
wird das Bild, wenn man beim Dorfe Kloster das Schiff
verläfst und nun zu Fufs den Fahrweg zum Leucht
turm bergan wandert. Gleich hinter den Gebäuden des
groisen Pachthofes Kloster öffnet sich ein anfangs
mäfsig aufsteigender Thalgrund, der rechts und links
von zahlreichen, ziemlich steilen Kuppen umrahmt ist.
Nach Nordosten, in der Richtung auf das Dorf Grieben
zu, bleiben diese Kuppen sanfter, die Abhänge breiter
und flacher, so dafs hier, unterstützt durch den besseren
Boden, seit alters ein ziemlich ergiebiger Feldbau ge
trieben wird. Vor und um uns dagegen starrt der
gelbbraune, häufig kiesige, von Geschieben erfüllte,
magere Decksand des oberen Diluviums. Nur ein dünnes,
ärmliches Pflanzenkleid hüllt notdürftig dies Ödland ein,
das eben noch den genügsamen Schafen leidliche Weide
bietet. Hoch oben am letzten Saume der Höhen tritt
ernster Fichtenwald auf und ladet uns in sein friedliches
Reich.
Je länger wir steigen, desto seltsamer entwickelt sich
die Scenerie. Die vorher massig erscheinenden Kuppen
lösen sich in eine Fülle kleinerer Buckel und Kegel auf,
die eng miteinander verwachsen sind. Eine Weg
kürzung, die wir durch einen Schrägmarsch auf den
Leuchtturm zu erzielen hoffen, kostet uns auf der glatten,
kurzen Pflanzennarbe manch mühseligen Schritt berg
auf und bergab. Endlich haben wir das künstlich aus
geebnete Plateau des Leuchtturmes erreicht und ge
winnen nun den ersten freien Rundblick über die ganze
Insel.
Die Karte S. 10 lehrt, dals der Dornbusch in maximo
nur 3 km lang und nicht mehr als IV 2 km breit ist.
Aber kaum wird man im Bereiche des norddeutschen
Flachlandes ein Terrain finden, das auf so beschränktem
Raume so viele Unebenheiten zeigt und in gleicher
Weise den Eindruck der Wirrnis und Unruhe in dem
Beschauer hervorruft. Man zählt vom Leuchtturme
über 30 gröfsere Kuppen, von den vielen sekundären
Höckern ganz abgesehen, zwischen denen eine Menge
engsohliger Thäler oder wannenartiger Gründe einge
bettet ist. Wir stehen hier inmitten einer typischen
Moränenlandschaft, wo Hoch und Tief in schneller
Folge wechseln, wo jede Regelmälsigkeit schwindet, und
alles greifbar deutlich von der Zeit der Eiswirkung
redet, in der diese Formen teils durch die chaotische
Ablagerung des Glacialmaterials, teils durch die Spül-
und Strudelthätigkeit der Gletscherwässer erzeugt wurden.
Fast no'ch bunter und verwickelter erscheint die
Skulptur, wenn wir, statt vom Kloster, erst vom Rettungs
hause an zur Höhe des Diluvialkernes emporsteigen. Da
sehen wir uns auf dem Wege zum Schulter Berge in ein
wunderliches Geliügel versetzt, das zunächst an mächtige,
vollkommen abgeglättete Maulwurfskegel erinnert, deren
jeder den Fufs seines Nachbarn berührt, so dafs man
in einem fortwährenden Auf und Ab bleibt und froh ist,
wenn man dies Durcheinander hinter sich hat. Der
Geologe Dr. Günther, der im Spätsommer 1890 die
Bodenverhältnisse Hiddensöes genauer studiert hat, er
klärt 1 ) das Gebiet zwischen „Vorlege und Hucke“ als
ein „Trümmerfeld“, entstanden durch den Zusammen
bruch gröfserer Diluvialschollen, deren Liegendes in
sinkende, aber ungleichmäfsige Bewegung geraten sein
soll. Auf ähnliche Vorgänge, die Günther „post-
glaciale Dislokationen“ nennt, sucht dieser Be
obachter des weiteren die gesamten Lagerungsverhält- *
D In seiner Inaugural-Dissertation : DieDislokationen
auf Hiddensöe, Rostock 1891, mit 8 Ansichtstafeln und
einer Karte des Dornbusches.