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wie der historischen Nachrichten, namentlich aus Indien, be-
weist, wodurch es auch allein möglich war, den Gegenstand
so gründlich zu erschöpfen, wie es dem Verfasser in präciser
Gedrängtheit gelingt. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich
mit den Principien der Bildung der Zifferschrift, die auch in
siner Tabelle veranschaulicht werden, Aus den mannigfaltigen,
unzweckmässigen, Zeit und Mühe raubenden Methoden, die
in schrittweiser Verbesserung der schriftlichen Notirung von
Zahlen und der mit ihnen zu vollziehenden Operationen dienten,
sticht die nun auch allgemein von uns durch arabische Ver-
mittlung acceptirte indische Ziffernschrift auf das Vortheil-
hafteste hervor, was uns sonst gewöhnlich kaum mehr bewusst
ist. Mit Recht nennt sie ScHuserTt „eine der schönsten Früchte
menschlichen Scharfsinnes, eine der wichtigsten Erfindungen
in der ganzen Culturgeschichte“. Man muss die zahlreichen
übrigen Systeme von Ziffernschriften kennen, um die indische
Erfindung in ihrer ganzen Grösse und weittragenden Bedeu-
tung zu übersehen. Nach ihr ist eine Verbesserung nicht mehr
denkbar. Haberlandt,
98.
Cecchi Antonio. Da Zeila alle frontiere del Caffa,
Vol. III. con 4 Tavole ed una carta. Roma. Erw.
LOESCHER & Co. 1887. 636 pp. 8°.
Nur mit einem Anhange dieses ausschliesslich linguisti-
schen Bandes haben wir es hier zu thun, nämlich mit einigen
Erzählungen und Fabeln aus dem Munde der Armaris, Oromos
und Caffas, die Czcenr aufgezeichnet hat und in italienischer
Sprache wiedergibt. Gleich in dem ersten, als abessinisch
bezeichneten Thierschwank: „Die Sprache der Thiere“ erkannte
Referent eine Erzählung aus dem persisch-türkischen Tuti-
nameh: „Papageienbuch“ (27. Abend: „Der Rath des Widders“
3d. Rosen, II. p. 236), das bekanntlich auf die indische
Märchensammlung: „Cukasaptati“, d. i. „70 Erzählungen eines
Papageis“ zurückgeht. Die Veränderung des Textes in der
abessinischen Fassung bezieht sich fast nur auf die Einleitung
der Geschichte, deren Pointe und anderweitige Führung sonst
sehr genau erhalten ist. Das Gleiche gilt von Fabel III der
Oromos: „Die Maus und der Elephant“, die jedenfalls durch
arabische Vermittlung, und zwar durch das Fabelwerk: „Kalilah
u Dimnah“ aus Indien, woselbst es ein sehr bekanntes und
althergebrachtes Märchen ist, entlehnt ist. Die zweite Fabel:
„Der Esel, Wolf und Fuchs“ vermag Referent im Augenblicke
wohl nicht auf eine arabische resp. indische Fabel zu beziehen,
sie macht aber durch ihre ganze Fassung, durch die scherzhafte
Processform und die "ganz orientalische Charakteristik der
Thiere diesen Ursprung in hohem Grade wahrscheinlich. Es
ist gewiss interessant, in diesen wenigen Proben populärer
abessinischer Unterhaltungsliteratur die arabische Cultureinwan-
derung so deutlich angezeigt zu sehen, Wir können nur wünschen,
dass uns bald mehr Stoff als in der vorliegenden kleinen Probe
Jargeboten werde. Haberlandt.
99.
Schröder, Dr. L. v. Indiens Literatur und Cultur
in historischer Entwicklung. Ein Cyclus von 50 Vor-
lesungen, Leipzig. Verlag von H. Hassse.. 1887.
Das letzte Jahrhundert hat uns eine Literatur und damit
ainen Culturkreis erschlossen, die bislang so gut wie unbe-
cannt, unbedenklich der klassischen Civilisation des Alter-
hums an die Seite zu setzen sind, die Sanskrit-Literatur,
lie altindische Civilisation. Die mit immer grösserem Eifer
ınd bedeutenderen wissenschaftlichen Mitteln fortgesetzte Er-
orschung des indischen Alterthums in allen seinen Zweigen
st nun heute bereits auf den Punkt gediehen, wo eine Ueber-
hau, ein Zusammenfassen und Durchsichten des ganzen Stoffs
iüicht nur möglich, sondern sogar erwünscht ist, um in vor-
äufiger Hauptgliederung und Gruppirung das Fortschreiten
er Detailforschung in die richtigen Bahnen zu leiten und
ıberhaupt die Masse der Einzeluntersuchungen eine zeitlang
x tragen, bis deren Resultate künftighin wieder nöthigen
verden, einen neuen Grundplan zu zeichnen, die geänderten
inien des Bildes einzutragen und damit wieder eine allge-
neine, aber um so viel correctere Basis zu schaffen. Dies ist
a doch der hauptsächlichste Zweck und Nutzen solcher Com-
‚endien, wie das vorliegende, für die betreffende Wissenschaft
elbst. Freilich, für das grössere Publicum Derjenigen, welche
ılcht Fachleute sind, bedeutet solch ein Werk, wo alles
Nissenswerthe über indische Literatur und ihren Zusammen-
1ang mit der allgemeinen Cultur des Volkes, beisammensteht,
nit allen nöthigen Quellenangaben und kritischen Winken,
ı1och bedeutend mehr, bedeutet es speciell in unserem Falle
an werthvolles Hand- und Nachschlagebuch über ein zu immer
;‚rösserer Wichtigkeit gelangendes Capitel der Weltgeschichte
nd Weltcultur. Namentlich der Ethnograph, von dem sans-
ritische Fachkenntnisse nicht vorausgesetzt werden können,
er vergleichende Literaturhistoriker, dem die riesenhaften
nd so eigenartigen Verhältnisse der indischen Literatur inter-
ssant sein müssen, der Historiker, der Philologe, kurz alle
telehrten, die sich irgendwie mit dem Menschen als histo-
ischem Wesen beschäftigen, werden ScHrRönEr’s Werk — ganz
bgesehen von der Tiefe oder Seichtigkeit seiner Auffassung —
ut Freude begrüssen und mit grossem Vortheil benützen
Önnen, Sie können dies mit vollster Beruhigung thun. ScHRÖDER
;t ein besonnener, kritisch verfahrender Autor, der alles
'weifelhafte, alles noch in Discussion Stehende als solches
ennzeichnet und sein Werk zumeist nur aus ganz sicheren
nd endgiltig geprüften Bausteinen aufbaut. Auch die erreichte
"ollständigkeit lässt nichts zu wünschen übrig. Sowohl die
an literarischen Gebiete, wie die wichtigsten culturellen Er-
cheinungen, namentlich auf religiösem Boden, finden ihre
rschöpfende Darstellung. Als für den Ethnographen besonders
nteressante und wichtige Ausführungen seien die nachfol-
‚enden Partien des umfangreichen Werkes namhaft gemacht:
J)ie Periode der indopersischen Einheit, besprochen p. 21
is 28. Die Culturverhältnisse der Rigveda-Zeit, p. 32—44.
ie Mythologie der Veden, mit der Dreitheilung in Götter der
ichterscheinungen, des Luftraums und der Erde, p. 45—82,
amentlich der Forschung des Ethnologen zu empfehlen Ge-
talten, wie die der Ribhu’s, Parjanya’s, des Regengottes, der
\ranyäni, einer „Waldfrau“, der Marut’s etc., p. 65 ff, Sodann die
ehr ausführliche Darstellung des indischen Opfers mit seinem
‚omplieirten Ritual nach dem Yajurveda, p. 97—145, wozu
uch p. 161f., wo die materiellen Vortheile der Priester vom
)pfer behandelt sind, zu ziehen ist. Der für die ethnologische
"orschung so wichtige, und wenn erst durch eine vollständige
ınd verlässliche Uebersetzung für weitere wissenschaftliche
(reise aufgeschlossen, zu seiner vollen Bedeutung gelangende
\tharvaveda findet in der zwölften Vorlesung p. 172—178