GLOBUS.
ILLUSTRIERTE ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDER- UND VÖLKERKUNDE.
VEREINIGT MIT DER ZEITSCHRIFT „DAS AUSLAND“.
HERAUSGEBER: Dr. RICHARD ANDREE. >§{#4 VERLAG von FRIEDR. VIEWEG & SOHN.
ßd. LXXIV. Nr. 19. BRAUNSCHWEIG. 19. November 1898.
Nachdruck nur nach Übereinkunft mit der Verlagshandlung gestattet.
Der Codex Borgia.
Von Dr. Ed. Seler.
I.
Vor wenigen Jahren ist der vierhundertjährige Ge¬
denktag der Entdeckung Amerikas mit mehr oder minder
Pomp überall auf dieser und jener Seite des Océans ge¬
feiert worden. Es hat indes nicht an Stimmen gefehlt,
die es eigentlich bedauerten, dafs Amerika so zeitig
entdeckt worden ist, dafs seine Entdeckung in eine Zeit
fiel, wo man für die berechtigten Eigentümlichkeiten
fremder Völker noch weniger Verständnis hatte als
heute, und dafs die amerikanische Menschheit nicht noch
ein paar Jahrhunderte länger Zeit gehabt hat, die ihr
eigene Kultur selbständig weiter zu entwickeln. Ganz
besonders mag!' man es bedauern, dafs die Ansätze zu
einer Gedankenmitteilung durch die Schrift, die wir bei
den centralamerikanischen Völkern finden, nicht zur
weiteren Ausgestaltung gelangt sind. Dem Umstande,
dafs zur Zeit, als Amerika entdeckt wurde, doch nur
erst Ansätze zu einer solchen Mitteilung vorhanden
waren, ist es jedenfalls zuzuschreiben, dafs so wenig
von der alten Litteratur, der alten Geschichte und der
alten Wissenschaft dieser Stämme aufgezeichnet worden
ist, und dafs wir auch das Wenige von dem Wenigen,
was auf uns gekommen ist, noch lange nicht vollständig
und mit Sicherheit zu deuten verstehen. Immerhin ge¬
hören die spärlichen Proben der einheimischen schrift¬
lichen Litteratur, die ein gütiges Geschick uns erhalten,
hat, zu den interessantesten Denkmälern der alten Kultur
jener Stämme.
Merkwürdigerweise ist es nicht die Heimat der Ent¬
decker und Eroberer Amerikas, wo die interessantesten
Reste der altamerikanischen Civilisation sich erhalten
haben. Die wenigen Erzeugnisse der kunstvollen alt¬
mexikanischen Federarbeit, die bis in unsere Zeiten sich
gerettet haben, befinden sich in Wien. Was von den
farbenprächtigen Mosaikinkrustationen übrig geblieben
ist, mufs man in Italien, in Deutschland und in Eng¬
land suchen. Die schönste, umfangreichste und ihrem
Inhalte nach bedeutendste yukatekische Handschrift liegt
in der Bibliothek in Dresden. Und die schönsten und
interessantesten der eigentlich mexikanischen Hand¬
schriften sind in den Büchereien Italiens zu finden.
Unser grofser Landsmann Alexander v. Humboldt war
es, der zuerst die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf
diese merkwürdigen Denkmale lenkte und in dem Atlas
zu seinen Vues des Cordillères et Monuments des peuples
indigènes de l’Amérique Proben von ihnen gab. Nachmals
sind, mit den anderen damals bekannten mexikanischen
Bilderschriften, auch die drei italienischen Handschriften
in die grofse Sammlung aufgenommen worden, die Lord
Kingsborough unter dem Titel Mexican Antiquities her¬
ausgab. Es war das ein hochbedeutsames Unternehmen,
und der Herausgeber, sowie die Künstler, die die Ko-
pieen herstellten, haben sich den bleibenden Anspruch
auf die Dankbarkeit aller für diese Wissenschaft Inter¬
essierten erworben. Immerhin begreift man, dafs auch
der beste Wille und das bedeutendste Können nicht aus¬
reichten, um diese Fülle fremdartiger Formen und
krauser Symbole unter allen Umständen richtig wieder¬
zugeben. Es ist deshalb mit aufserordentlicher Freude
zu begrüfsen, dafs ein hochherziger Förderer amerika¬
nischer wissenschaftlicher Bestrebungen, Seine Excellenz
der Herzog von Loubat, es unternahm, von den drei be¬
rühmten, in den italienischen Bibliotheken aufbewahrten
mexikanischen Bilderschriften eine Faksimile - Ausgabe,
wie sie die Mittel unserer heutigen photographischen
Technik ermöglichen, auf seine Kosten herstellen zu
lassen. Nachdem schon im vergangenen Jahre der
Codex Vaticanus Nr. 3773 — die in der Regel als Codex
Vaticanus B. angeführte Handschrift — in dieser Weise
veröffentlicht und mit grofser Liberalität an öffentliche
Institute und an Fachgelehrte verteilt worden ist, ist
jetzt in ähnlicher Vollendung eine Faksimile-Ausgabe
des Codex Borgia erschienen und zur Austeilung gelangt.
Und der Codex Bologna wird binnen kurzem folgen.
Auf welchem Wege diese drei Bilderschriften nach
Italien gelangt sind, darüber ist nichts bekannt. Von
dem Codex Vaticanus hat der Präfekt der vatikanischen
Bibliothek, P. F. Ehrle, nachgewiesen, dafs seiner schon
in einem Inventar Erwähnung geschieht, das in den
Jahren 1596 bis 1600 geschrieben worden ist. Von
dem Codex Bologna giebt Humboldt an, dafs auf seinem
ersten Blatte sich der Vermerk befindet, dafs er am
26. Dezember 1665 von dem Grafen Valeriano Zani an
den Marchese Caspi verkauft worden ist. Und von dem
Codex Borgia berichtet ebenfalls Humboldt, dafs er der
Familie Giustiniani gehört zu haben scheint, dafs er
durch irgend einen unglücklichen Zufall der Dienerschaft
dieses Hauses in die Hände gekommen ist, die ihn den
Kindern zum Spielen gaben. Den Händen der Kinder,
die schon versucht hatten, ein paar Blätter anzubrennen,
entrifs der Kardinal Borgia das kostbare Manuskript,
das seitdem einen Hauptschatz erst des Privatmuseums
des Kardinals und dann der Bibliothek der Congregatio
de propaganda fide bildete. Der P. Ehrle hält diese
Geschichte für durchaus zuverlässig, da einerseits er-
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Globus LXXIV. Nr. 19.