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Volltext: Zeitschrift für Volkskunde, N.F.7=45.1935

Die Kunstform des Märchens. 
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bei einer auf trumpft und der andere ihn zu übertrumpfen weiß. Auch 
diese „geschichtlichen Sagen“ (z. B. von dem hart geschmiedeten Land 
grafen Ludwig und seinen Kämpfen mit dem aufrührerischen Adel oder 
von den Weibern von Weinsberg) wollen immer noch geglaubt sein. An 
die Stelle unheimlicher dämonischer Mächte sind da aber schon die über 
gewöhnlichen Kräfte der Seele oder die des Geistes getreten, die sich in 
überragenden Persönlichkeiten offenbaren. Von ähnlicher Art war ja auch 
die freilich ganz berufsständisch begründete und gefärbte Heldensage 
der Völkerwanderungszeit, in der das Mystische und Wunderbare mehr und 
mehr zurücktrat, während in großen Umwertungen, in dem Opfer des per 
sönlichen Willens zum Leben und zum Glück, die heroischen Kräfte des 
Willens sich frei entfalteten. Mit der Bewährung übermenschlicher Kräfte 
erinnert der „Held“ an seinen Genossen im „Märchen“, das gewissermaßen 
als volkstümlicher und volksmäßiger Ersatz der Heldensage oder als eine 
Sage von Helden im Geschmack des Volkes angesehen werden kann. Aber 
der Hauptunterschied bleibt bestehen. Auch die alte Heldensage der Wan 
derungszeit (ebenso wie die nordische Saga mit ihren Wikingergestalten 
und -crlebnissen) will als „wirklich wahr“ gelten und eben damit an der 
Erhöhung des seelischen Zustandes der Hörer arbeiten. Mit ihrem feier 
lichen Vortrage war doch eine Zweckform der Rede, wenn auch über alle 
gewöhnliche Zielsetzung hinausgehoben. 
Mit dieser „Abzweckung“ auf eine bestimmte Seelenhaltung ist die 
Sage in ihren höchsten Entfaltungen doch wieder dem „unglaubhaften“ 
Schwanke verwandt, dem Seemannsgarn und ähnlichen Erzählungen, 
die nur so tun, als ob sie auf Glauben Anspruch erhöben. Hier genießt 
die Seele sich selbst in ihrem freien Schweben über allen Gefahren des 
Lebens und über allem, was uns Ehrfurcht abnötigen, was unser Selbst 
gefühl beugen will. Mitten in der Abwehr und im Angriff aber zeigt der 
humoristische Schwank etwas von jener freudigen Lebensbejahung, die 
sich dann im Märchen frei entfaltet. Nur mit dem Unterschiede, daß der 
Schwankheld seinem Witze verdankt, was dem eigentlichen Märchenhelden 
die guten Geister verleihen müssen. Aber solche Typen wie das „tapfere 
Schneiderlein“ zeigen, wie eng sich beide berühren können. So führen 
mehrere Wege aus der Volksdichtung „gebundener“ Art zum freien, phan 
tastisch-kühnen Volksmärchen hinüber, das immer noch seine eigenen 
Züge bewahrt. 
Eine besondere Lebensstimmung will ja sich auch hier mit der Kraft 
einer eigenen Darstellungsweise entladen. Der Held, dem das Volk einmal 
se me Gunst geschenkt hat, gleichviel ob er nun im gewöhnlichen Sinne 
5 klug, schön oder gewandt ist, kurz der „Geliebte“ muß über List 
unc Gewalt siegen, muß die Braut oder das Reich gewinnen 1 ). Und da 
) ‘P er . >>gute“ Mensch im Sinne des Märchens braucht also nicht notwendig 
mora isc rein oder beispielhaft heroisch zu sein; es gibt Helden der Kraft, der Schön- 
eit, des Glückes, aber auch der List. Irgend etwas muß in ihm sein, was der Mann 
aus dem Volke als „richtig und wichtig“ ansieht; es ist ungefähr das, was Aristoteles 
m seiner Poetik (c. 15) m it dem Worte XP r l <JT( ^ bezeichnet.
	        
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