180 Herta Haselberger
Tätowierung
Die Tätowierung war bis vor kurzem in Mali noch weit verbreitet. Heute
findet man eine reiche Körpertätowierung gewöhnlich nur mehr an älteren
Leuten. Über die Herkunft der Gepflogenheit zu tätowieren gibt es eine ganze
Anzahl Legenden: bei den Bambara ist die Rede von einem Kampf zwischen
ihren Landsleuten und den Sarakolle, in dem die ersten Schmucknarben angebracht
worden sein sollen. Verbreitet ist bei ihnen nach S. Dembele aber auch
eine Geschichte, in der erzählt wird, daß ein Medizinmann, um ein krankes
Kind zu heilen, die ersten Tätowierungen ausführte. Andererseits wird Kumbana
oder Kunatigi, ein mythischer Ahne der Bambara, der oft an Speichern
dargestellt ist, als erster Tätowierer verehrt.
Ähnliche Überlieferungen der Khassonke gibt D. Sissoko wieder. Die Tätowierungen
sind in ganz Südwest-Mali recht einheitlich. Meist bestehen sie
aus einer größeren Zahl kurzer, gerader Striche, die zu mehr oder weniger
komplizierten Mustern auf Gesicht, Körper und bisweilen auch den Armen
zusammengesetzt sind. Bei manchen Bambaragruppen, bei den nördlichen Senufo
und den Marka werden die Zeichnungen teilweise dunkelblau eingefärbt.
Diese Färbung erzielt man u.a. durch das Einreiben mit Holzkohlenstaub.
Die Einschnitte wurden in den letzten Jahrzehnten gewöhnlich mit Messern
oder mit Rasiermessern gemacht. S. de Ganay berichtet aber, daß die Bambara
früher mit Eidechsenschwänzen, Sorghumstroh und Holzmessern geschnitten
hätten. Damit die Wunden rascher zuheilen, reibt man Holzkohle und verschiedene
Pflanzensäfte hinein. Bei den Bambara wurde übrigens das Blut, das beim
Tätowieren der jungen Mädchen floß, von deren weiblichen Verwandten zu
Riten in Zusammenhang mit Geschlecht und Fruchtbarkeit verwendet. Bei den
Bambara sollen Markafrauen und Schmiede tätowiert haben und bei den Diawara
schnitten die Frauen der Schmiede den Kleinkindern die Schmucknarben
ins Gesicht. M. Delafosse erwähnt 1911 wandernde Somono-Sohun-Somorho
als Tätowierer ,,sumuniba'' bei den Bwa und den Marka.
Die Bambaramádchen wurden früher je einmal in einer Siebenjahr-Periode
tátowiert. Diese Tátowierungen hatten, wie erwáhnt, religióse Bedeutung. Die
islamischen Tukulór, die im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts das Bambaraland
regierten, bestraften deshalb Leute, die sich oder ihre Kinder entgegen
der Anordnung der muslimischen Regierung tátowieren liefen, sehr streng.
Die Tátowierungen der Bambaramádchen sollten nach S. de Ganay Schmerzen
im Zusammenhang mit Geburt und Menses verhindern. Andere Tátowierungen
zeigten an, daB die Tátowierten in Trauer waren, daD ein Kind in einen Brunnen
gefallen war, daB jemand krank war etc.; meist aber wiesen sie auf die
Stellung des Tátowierten in der Gesellschaft hin. Heute sind die meisten Tátowierungen,
die man sieht, rein dekorativ.
Die Narbenbezeichnungen werden u.a. genannt: ,,dji-da, ngenge, ninye,
tama-wara, tchiwara-ti" bei den Bambara; ,,boloti diawarate, hakhototi, nakhoto,
sumballo" bei den Khassonke; ,bombu khotote, tafara, teng dji" bei den
Marka; ,geng-se, gong-tena, ng'anya" bei den Minianka; ,pessobe" bei den
Peul; ,,barai" bei den Sarakolle; ,nang-sa, bang-sang, ba-samma, ba-sang, bassa,
beng-sa, beng-se' bei den Senufo-Pomporo, etc.
Literatur:
Delafosse, M.
1912 Haut Senegal —Niger, Paris.
Dembele, S.
o.J. Bambara du Cercle de San et Segou, Cahier W. Ponty XI-So 426, Manuskript
im IFAN, Dakar.