Die kulturhistorishe Wurzel der Shamanenskelettierung
Von
H. Nachtigall
Während die menschheitsgeschichtliche Erforschung der tropischen und
subtropischen Pflanzervôlker vorwiegend an Hand des Formenreichtums ihrer
materiellen Kultur erfolgte, hat die eingehendere Erforschung der kultur-
geschichtlich älteren Jägervölker aus Mangel an hervorstechendem dinglichen
Gut hauptsächlich mit deren geistigen Lebensäußerungen begonnen. Unter den
Gelehrten, die sich mit ihnen in Feldforschung und Schreibtischarbeit befaßt
haben, wurde besonders von den Erforschern der sibirischen Völker Ent-
scheidendes zur Kenntnis ihres Lebens und Denkens beigetragen.
Auch der Gegenstand dieser Untersuchung gehört dem Bereich der
sibirischen Völkerkunde an. Eines seiner meistbehandelten Probleme ist der
Schamanismus, dessen Diskussion neben seinem psychologischen!) und sozio-
logischen?) Aspekt vorwiegend die Frage nach seiner kulturgeschichtlichen
Wurzel umfaßt. Eine Entstehung aus dem Jágertum haben u.a. W. Bogoras,
W. Jochelson, A. Ohlmarks, H. Findeisen und A. Friedrich herausgearbeitet ?),
wáhrend S. M. Schirokogorow und besonders die „Wiener Schule‘ die Wurzel
des Schamanismus im Pflanzertum des Südens sehen 2):
Neben einer Untersuchung der kulturhistorischen Zuordnung einzelner
Elemente im Schamanismus scheint mir für die Klärung seiner kulturgeschicht-
lichen Wurzel die Skelettierung des angehenden Schamanen in seiner Werde-
zeit von besonderer Bedeutung. Diesem Phänomen hat Alexander Gahs sein
Augenmerk in einer Studie gewidmet. Auf sie soll im folgenden zunächst ein-
gegangen sein ?).
A. Gahs nennt die Zerstückelung des Schamanenkandidaten eine Erschei-
nung, die auch auBerhalb Nordasiens den Schamanismus und die dem agra-
rischen Menschenopfer zugrunde liegende Mythologie miteinander verbindet
und in den Riten der meisten Geheimgesellschaften ihre ersten Vorbilder
besitzt. Hierzu gehórten als deren letzte Entwicklungsphase auch einzelne
Riten des alten tibeto-indo-iranischen Tantrismus und der orientalisch-
griechischen Mysterien, in denen sich das ganze Erbe der primitiven Geheim-
gesellschaften, der manistisch-agrarischen Menschenopfer und des Schamanis-
mus deutlich widerspiegele. Weiterhin bringt A. Gahs mit der Zerstückelung
des Schamanenkandidaten sowohl die Zerstückelung eines mythischen Ur-
wesens bei den Pflanzervölkern in Verbindung, aus dessen Körper alle Kultur-
und Nutzpflanzen entstanden sind, als auch Idee und Darstellung des Sterbens
und Wiederauflebens der Initianden bei den Reifeweihen und in den Geheim-
gesellschaften. Genau so, wie es sich bei den Reifeweihen um die Dramatisie-
rung einer alten Mondmythologie handele, nach der die Menschen zwar sterben
müssen, aber — wie der Mond — bald darauf wiederaufleben werden, so sei
auch das Vorbild für die Schamanenzerstückelung der Mond.
1) Äke Ohlmarks, Studien zum Problem des Schamanismus. Lund 1939, Vgl. besonders die Ab-
schnitte: Begriffsbestimmung des Schamanismus und Beurteilung der „arktischen Hysterie“, und: Die
psycho-pathologische Grundlage des Schamanismus, S. 5—38.
?) Vgl. Willy Schulz-Weidner, Die soziale Funktion und Stellung des Schamanen in Sibirien.
Diss Mainz 1947. (Schreibmaschinen-Exemplar.)
3) W. Bogoras, The Chukchee, The Jesup North Pacific Expedition. vol. 7. S 413 ff; W. Jochelson,
The Koryak. The Jesup North Pacific Expedition. vol. 6. S. 48; À Ohlmarks, S. 58 ff; A. Friedrich,
Afrikanische Priestertümer. Stuttgart 1929. S. 325.
^| S. M. Shirokogoroff, Psychomental complex of the Tungus. London 1935. S. 276—287; Alexander
Gahs, Blutige und unblutige Opfer bei den altaischen Hirtenvólkern. Internationale . Woche für
Religionsethnologie 1925. S. 222 f; ders.: Kopf-, Schädel- und Langknochenopfer bei Renfiervélkern. Fest-
Schrift für Wilhelm Schmidt. 1928. S. 231 ff. Als neuere, zusammenfassende Stellungnahme vgl.
À. Ohlmarks.
5) Die Gahssche Originaluntersuchung ,Zum Ursprung des (blutigen!) Menschen- und Tieropfers"
ist mir leider nicht zugánglich. Ich zitiere nach W. Koppers, der die Ergebnisse der genannten Arbeit
recht ausführlich zusammenfaBt in: Pferdeopfer und Pferdekult der Indogermanen. Wiener Beiträge zur
Kulturgeschichte und Linguistik. B. 4. 1936. S. 315—317.