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Zeitschrift für Ethnologie 125 (2000)
(Hindutum) Ideologie und ihrem Anspruch, primordiale Loyalitäten einer ursprünglichen
und dem Prinzip nach unveränderlichen Hindu-Tradition zu vertreten, die jedoch selbst Er
gebnis des modernen nationalistischen Diskurses sind. Die Genese des indischen Kom
munalismus im Sinne einer Konstruktion von einer kollektiven, auf Kaste oder Religion grün
denden Identität, führt zur Kritik an den Kategorien der britischen Kolonialadministration,
deren Sinn für zählbare Einheiten und klare Ordnungen, ihre moderne Rationalität, sich so
wohl in den Gegenentwürfen von Hindutva als auch in den sozialwissenschaftlichen Objekti
vierungen von Kultur wiederfinden lassen. Jamal Malik untersucht umgekehrt „Elemente
ethnopolitischen Konflikts“ in der im 19. Jahrhundert mit dem Ziel der Restauration des
Moghulreiches gegründeten Organisation des „Rates der Islamgelehrten“ (Nadwa). In der
Gegenwart tritt die Nadwa als Dachverband eines weiteren Netzes von Schulen in Indien,
Pakistan und Nepal auf. Malik verfolgt die Geschichte der Nadwa und ihre gegenwärtigen
Verbindungen zu anderen islamischen Organisationen in Südasien und in den Arabischen
Staaten. Der Rektor des Gelehrtenrates gehört zu den „populärsten Gelehrten der islamischen
Welt“ und steht für die Vereinigung und Integration der indischen Muslims. Aus dieser Rolle
ergeben sich für die Nadwa und ihre öffentliche Selbstdarstellung zahlreiche Widersprüche,
wie z.B. die Billigung der Heiligenverehrung, die jedoch von der Islamischen Weltliga streng
abgelehnt wird, oder die Unterstützung der Forderung anderer islamischer Organisationen
nach dem Wiederaufbau der Babri Masjid, womit „Ol in das kommunalistische Feuer“ ge
schüttet wird. Hierin liegt jedoch nach Malik das „Dilemma indischer Moslems“.
Einem Dilemma anderer Art ist auch Christine Oesterheld auf der Spur, die untersucht,
wie Erfahrungen der politischen Teilung des Subkontinentes in der Urdu-Literatur verarbeitet
wurden. Langjährige menschliche Beziehungen zwischen Hindus und Muslims verlieren mit
der Gründung von separaten Staaten für Muslims und Hindus ihre Selbstverständlichkeit und
schlagen in plötzliche Gewalt um.
In den gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslims sieht Christophe
Jaffrelot (aus dem Französischen von Harald Fischer-Tine) jedoch keine „spontanen und plan
losen“ Ausbrüche, sondern das Ergebnis von „rationalen Strategien“. Diese entstehen aus dem
Zusammenwirken von ökonomischen Interessen und religiösen Ritualen.
Für Georges Kristoffel Lieten (aus dem Englischen von Evelin Hust) geht es dagegen um
die feine Unterscheidung zwishen „Religion als Opium des Volkes“ und „Religion als Opium
für das Volk“, letztere im Dienste der Ausbeutung und Unterdrückung durch die herrschende
Klasse (S. 128). Mit einer Art Meinungsumfrage und der statistischen Auswertung der Ant
worten nach Kastenzugehörigkeit - z.B. „Politik sollte auf Religion basieren“ ja oder nein? —
soll der kritische Leser davon überzeugt werden, dass die niederen Kasten (von Lieten mit
Klassen gleichgesetzt) die Hindutva Bewegung - wegen ihres richtigen Klassenbewusstseins -
zurückweisen. Nicht recht glauben will man es, wenn man etwa an die in den Slums von
Bombay herrschende Begeisterung für die Shiv Sena denkt.
Insgesamt stellt das vorliegende Buch jedoch einen begrüßenswerten Versuch dar, Hinter
grundinformationen mit theoretischen Analysen zu verbinden und zugleich einen Eindruck
von den vielfältigen und heterogenen Sichtweisen des indischen Kommunalismus zu vermit
teln.
Helene Basu
Institut für Ethnologie, Freie Universität Berlin