Buchbesprechungen
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städtischen Ballungsräumen darstellt: “if we don’t practise (our culture) it will get lost” (231,
v gl. auch 173).
Das Bild, das uns Tio Carlos von der Kultur der zentralspanischen Gitanos zeichnet, frap
piert durch die Stringenz der gelebten kulturellen Tradition, obwohl sie offensichtlich die eige-
ne traditionelle Sprache, das zuletzt stark spanisch beeinflusste Calo, nicht mehr sprechen.
Nur im Zusammenhang mit dem Pferdehandel erwähnt er eine eigene Sprache, “in our language”
( v gl. 22), doch der Kontext macht klar, dass damit nur die Händlersprache gemeint ist, mit der
bestimmte Sachverhalte während des Handels geheimgehalten werden sollen. Kirsten Wang,
die Initiatorin der Autobiographie, versäumt es jedenfalls, hier nachzufragen, obwohl sie sich
sonst bemüht, alle kulturellen Bereiche mit ihren Fragen abzuarbeiten. In der Literatur spricht
man davon, dass das Calo im Aussterben begriffen sei (Vossen 1983), nach der Kenntnis dieses
Textes führt Sprachverlust nicht ohne weiteres zum Kulturverlust.
Erich Renner
Insheim
Weiß, Christian; Weichen, Tom; Hust, Evelin; Fischer-Tine, Harald (Hg.): Religion - Macht
~ Gewalt. Religiöser Fundamentalismus und Hindu-Moslem-Konflikte in Sudasien. 237 Sei
ten. Frankfurt/M: IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1996.
Unlängst machte Indien, das ansonsten relativ selten in deutschen Medien auftaucht, durch
e ine erschreckende Nachricht von sich reden: ein christlicher Missionar war mit seinem Sohn
v °n „hinduistischen Fundamentalisten“ ermordet worden. Es scheint, dass wir hier mit einer
neuen Dimension von religiösen Nationalismen in Südasien konfrontiert sind, deren promi
nenteste Spielart noch immer in gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und
Muslims besteht. Darum geht es in dem vorliegenden Sammelband, dessen erklärtes Ziel es
ist, die Genese und widersprüchlichen Manifestationen des indischen „Kommunalismus un
seiner Vordenker einem breiteren deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.
Das Buch ist aus einem 1995 von der Heidelberger Südasiengruppe veranstalteten Symposi
um hervorgegangen und enthält insgesamt neun Beiträge. In der Einleitung erhalt der Leser
eine gute Übersicht über die Geschichte der islamischen Herrschaft in Indien und die histo-
risch wechselhaften Beziehungen zwischen Hindus und Muslims bis zur Gegenwart, die sic
in der Konfrontation mit der englischen Kolonialmacht erstmalig zu politischen Interessen
verbänden auf religiöser Grundlage (Moslem Liga, Hindu Mahasabha) organisierten. Die Er
fahrung von territorialer und ideologischer Invasion durch die britischen Kolonialherren führ-
te zur Schaffung von Gegenentwürfen und Reformbewegungen, in denen indische Intellektu-
e He mit der Herausforderung des britischen Anspruchs, eine überlegene Zivilisation zu vertre-
ten > fertig zu werden suchten. In dem berühmten Roman des bengalischen Schriftstellers
Bankimchandra Chatterjee (1838-94) wird die indische Nation als Kind der „Muttergöttin
dargestellt, deren rechtmäßige Herrschaft es wiederherzustellen galt. In Leben und Werk von
Bankimchandra Chatterjee, der als Vordenker des heutigen Hindu-Nationalismus von BJP
tmd Shiv Sena gilt, führt der Beitrag von Hans Harder ein, während Harald Fischer-Tine das
Verhältnis des Arya Samaj zur westlichen Kultur, Islam und „orthodoxem“ Hinduismus unter
sucht.
Shalini Randeria und Jamal Malik verbinden überzeugende Argumentation mit der Bear
beitung neuen Materials. Randeria befasst sich mit den zentralen Konstruktionen der Hindutva