Buchbesprechungen
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denen einstweilen noch immer neue hinzugefügt werden. 2 Dessen ungeachtet könnte die Hoff-
nung darin liegen, dass sich gemeinsame Ziele, Interessen und Probleme herausbilden, die zu
den alten Ost-West-Grenzen quer liegen und in beide Lager hineinreichen. Wenn interkulturelles
Lernen zwischen den Angehörigen weit entfernter Kulturen denkbar scheint, so sollte es auch
unter den verschiedenen deutschen Stämmen eine Möglichkeit darstellen. Das Mezzogiorno-
Modell, also die Vorstellung, dass Ostdeutschland dauerhaft zum deindustrialisierten Wurm
fortsatz der alten Länder werden könnte, erwähnt Wagner nicht. Fürs erste wird es das Beste
sei n, den von Wolf Wagner zitierten Humor zu bewahren bzw. zu entwickeln sowie Unter
schiede und Gemeinsamkeiten als soziales Kapitel aufzuspüren.
’ Den Versuch, die reichlich einseitigen Zumutungen des Vereinigungsprozesses nacherlebbar zu ma
chen, macht das Buch „Die rote Wende“ (Elefanten Press, Berlin 1994) von Reinhold Ändert. Dabei
w ird die wenig anziehende Vision entfaltet, die Vereinigung hätte andersherum stattgefunden und die
Westdeutschen müssten sich nunmehr mit dem Umbruch in den Sozialismus anfreunden.
Die Frage nach dem ost/westdeutschen Humor, den Lese- und Schreibgewohnheiten beschäftigt die
bedien immer wieder. Deutliche Unterschiede zwischen west- und ostdeutschem Sprachgebrauch för-
derte eine Linguistentagung in Potsdam zutage (Die Woche, 12.4.1996).
Eckhard Giese
Fachhochschule Erfurt, Fachbereich Sozialwesen
Wang, Kirsten: The Story ofTio Carlos. The autobiographyofaSpanish “gitano”. (Studien
zu r Tsiganologie und Folkloristik, Band 16, herausgeg. von Joachim S. Hohmann) 11 Fotos.
Frankfurt/M., Bern: Peter Lang, 1996.
Selbstzeugnisse von Sinti, Roma, Gypsies, Gitanos, von Zigeunern also, sind noch immer eine
große Seltenheit. Dennoch gibt es eine Handvoll Texte, in denen Angehörige der verschiede
nen Zweige dieses Volkes ihr Leben und ihre Kultur aus eigener Sicht darstellen. Beispiele sind
fü r die Sinti: Franz (1985), Krausnick (1983), Renner/Winterstein (1988 bzw. 1997); für die
ungarischen Roma: Lakatos (1979); für die kanadischen Roma: Lee (1980); für die sudanesi
schen Halab: Streck (1996). Daneben gibt es wenige autobiographische Publikationen von
adoptierten Nicht-Zigeunern, die interessante Innenperspektiven vermitteln: über die Roma
(Yoors 1970), über die Sinti (Adler 1957), über französische Manusch (Derlon 1984)
Die verdienstvolle wissenschaftliche Publikationsreihe „Studien zur Tsiganologie un Fo
loristik“ des Peter Lang Verlages, herausgegeben von J. S. Hohmann, macht es möglich, dass
die Autobiographie von Tio Carlos, einem Gitano aus Zentralspanien, in englischer Sprache
erscheinen konnte. Damit wird den Innenansichten der Kultur der europäischen Zigeuner ein
nichtiger Baustein hinzugefugt.
Die norwegische Sozialanthropologin Kirsten Wang hat viele Jahre mit einer Gruppe Gitanos
im Großraum Madrid zusammengelebt. Aus diesem intimen Kontakt resultiert die Lebensge
schichte des Tio Carlos. Forschungsmethodisch verwendet Wang eine halbstrukturierte Form
des biographischen Interviews, d. h„ sie befragt ihren Interviewpartner zu seinen und seiner
amilie Lebens- und Entwicklungsphasen sowie zu den verschiedenen Bereichen des kulturel-
len Spektrums. Obwohl die Initiatorin manchmal zu suggestiven Fragen neigt, lässt sie ihrem