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Volltext: Zeitschrift für Ethnologie, 125/126.2000/01

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Zeitschrift für Ethnologie 125 (2000) 
Dem DDR-Sozialismus unterstellt er in seinen Alltagsvorstellungen und im Grundgedan 
ken des Revolutionsmodells eine Erlösungshoffnung, die 1948 schon Popper (Die offene Ge 
sellschaft und ihre Feinde) in ihren totalitären und inhumanen Konsequenzen enthüllt hatte. 
Das vorliegende Buch hingegen fordert und exemplifiziert eine vorbehaltlose Sicht auf Men 
schen und Probleme, wobei der Erkenntnisgewinn durch das Zurücktreten von gewohnten 
Denkmustern und eigenen kulturellen Gewohnheiten gesteigert wird. So erscheint mir das 
vom Autor praktizierte Beharren auf einer kulturellen Vielfalt in einer Zeit, in der nicht nur 
die sozialistischen Gesellschaften als Antithese des herrschenden Kapitalismus gefallen sind, 
sondern dieser selbst sich zu einer weiteren Intensivierung der Globalisierung, der Vereinheit 
lichung anschickt, heilsam und notwendig. 
Wer sich im Ausland in ein Gespräch mit anderen, womöglich jungen und alternativ ge 
stimmten Deutschen einlässt, wird oft darauf gestoßen, wie sehr das eigene Land als kalt, 
dumpf, gar faschistoid empfunden wird, wobei allenfalls praktische Erwägungen den Aus 
schlag dafür geben, dass man es dort überhaupt aushält. Wolf Wagner macht deutlich, wie an 
deutsche Städte und Landschaften ganz spezielle Erwartungen und Beurteilungskriterien her 
angetragen werden, die sich mit der deutschen Gesellschaft für wenig verbunden halten. Im 
mer wieder macht das Buch deutlich, wie sehr die deutsche Vereinigung bisher geliebte Denk 
gewohnheiten und Kulturmuster gefährdet, angefangen von der Zumutung, jetzt darüber nach 
zudenken, was Deutschland ist oder sein könnte. Wagner erwähnt die Distanz zu den eigenen 
Eltern, die in Westdeutschland in bestimmten Kreisen zum guten (?) Ton gehört - ein zweifel 
haftes Erbe der 1968er Bewegung. Diese Haltung ist in Ostdeutschland keineswegs die Norm, 
vielmehr ist die Familie positiv konnotiert, wofür Wagner einleuchtende Gründe im gesell 
schaftlichen Leben der DDR aufzeigt. 
Wolf Wagner geht der Frage nach, inwieweit sich sozialistische Sehnsüchte und Reform 
hoffnungen im wirklichen sozialen Leben der DDR vorfinden ließen und bis heute nachwir 
ken. Er kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass sehr viel mehr Sozialismus im Sinne 
ganzheitlicher Produktionsmethoden und Gleichheit der Menschen verwirklicht war, als er 
vermutet hatte. Die Nowendigkeit, angesichts knapper Ressourcen ständig zu improvisieren, 
wirkte der Arbeitsteilung entgegen; ebenso entwickelte sich ein Tauschhandel unter den Be 
trieben im Schatten der Geldwirtschaft. Diese vor- oder nachkapitalistischen Erscheinungen 
kamen hinter dem Rücken der Herrschenden als nicht intendierte Wirkungen zustande. Auch 
hatte die DDR ein völlig ungebrochenes Verhältnis zum sozialistischen Elitebegriff, das einer 
egalitären Gesellschaft schlecht ansteht. Wagner macht nicht viel Hoffnung, dass bewahrens- 
werte Restbestände aus der DDR-Zeit in die neue Gesellschaftsordnung hinüberwachsen könn 
ten. Ihrer normgebenden Elite beraubt, so Wagners Analyse, mutierte die ostdeutsche Gesell 
schaft frühzeitig in ein geschlossenes System, das soziale Abweichungen sanktionierte, Aufstieg 
und Kreativität ziemlich sinnlos erscheinen ließ und eher als Nebeneffekt eine relative Gleich 
heit der Bürgerinnen bzw. Einebnung sozialer Hierarchien produzierte. Er macht deutlich, 
unter welchen Voraussetzungen die Begegnung von Angehörigen verschiedener Kulturen zu 
vermehrtem Verständnis führen kann. Eine Entkrampfung erhofft er sich dort, wo sich zwi 
schen Westdeutschen und Ostdeutschen Zielsetzungen und Themen entwickeln, die quasi 
grenzübergreifend für beide Teile Anziehungskraft entwickeln. 
Am Schluss macht das Buch sogar gelinde Hoffnung. Im Kapitel Verständigung nennt der 
Autor diejenigen Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit Kontakt zwischen verschiede 
nen Kulturen nicht in Aggression, sondern in Verständigung mündet. Er führt uns dabei noch 
einmal in das Kaleidoskop der kursierenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen,
	        
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