Buchbesprechungen
Studies Honouring the Centennial of Universitets Etnografiske Museum.
Oslo 1857—1957. Publication aided by a grant from Norges Almen-
vitenskapeligen Forskningsrä. Fbrenede Trykkerier.
Vol. I: Gutorm Gjessing, „Socio-Culture. Interdisciplinary Essays on
Society and Culture“. 314 S. Vol. II: Frederik Barth, „Indus and Swat
Kohistan, an Ethnographie Survey“. 98 S. Vol. III: Arne Martin Klausen,
„Basket-Work Omamentation among the Dayaks“. 106 S. Vol. V: Gutorm
Gjessing og Marie Krekling Johannessen, „De hundre är — Universitetets
Etnografiske Museums Historie 1857—1957“. 179 S., sämtlich Oslo 1956/57.
Die auf geführten Arbeiten wurden zur Hundertjahrfeier des Osloer Ethno
graphischen Museums herausgegeben. Der vierte Band der Reihe wurde
aus unbekannten Gründen nicht zur Besprechung mit eingereicht.
Im ersten Band stellt sich Professor Gjessing die Aufgabe, Anregungen
für die Ausrichtung und Vereinheitlichung der weiteren theoretischen For
schung der „Anthropologie“ — nach angelsächsischem Sprachgebrauch —
zu geben. Er postuliert, wie schon der Titel „Socio-Culture“ andeutet, einen
grundlegenden Dualismus der das menschliche Leben und Zusammenleben
beherrschenden Triebkräfte. Einer als „sozial“ bezeichneten Komponente,
die im wesentlichen imbewußt, gemeinschaftsbezogen und statisch-traditional
ist, steht die „kulturelle“ Komponente gegenüber, die die Basis der be
wußten bzw. „pseudo-bewußten“ — d. h. im menschlichen Bewußtsein den
tatsächlichen Situationen und wirkenden Kräften nicht voll entsprechen
den —i mehr individuumsbezogenen und dynamischen Tendenzen ist. Diese
kulturelle Komponente wird im letzten Grunde durch das nach Aktivität
drängende biologisch-individuelle Streben nach Triebbefriedigung gespeist,
aber auch die soziale Komponente wurzelt nach der Meinung des Verfassers
weit stärker in naturgegebenen menschlichen Strebungen, als es die
Darwinsche Auffassung des Existenzkampfes, so wie sie gemeinhin ver
standen wird, ausdrückt.
Gjessing lehnt sich theoretisch und terminologisch vornehmlich an die
englische „Social Anthropology“ an, wenn er sich auch nicht mit ihr identi
fiziert. Man könnte vielleicht von einem Versuch sprechen, Malinowskis
Theorien der letztlich entscheidenden individuell-biologischen Notwendig
keiten mit Radcliffe-Browns Theorien der letztlich entscheidenden sozialen
Notwendigkeiten zu verbinden. Er zieht hierbei, wie Bibliographie und
zitierte Textstellen beweisen, vor allem die relevante angelsächsische und
skandinavische Literatur heran.
Die vorgetragenen Gedanken sind für alle „Anthropologen“ — im oben
erwähnten Sinne verstanden — interessant und anregend. Abgesehen von
Einzelpunkten, deren Aufzählung zu weit führen würde, scheint aber ein
grundsätzlicher Einwand gegen Anlage und Durchführung der Arbeit an
und für sich notwendig zu sein. Die einzelnen Abschnitte sind vom Autor
selbst als „Essays“ bezeichnet. Das ist insofern nicht ganz zutreffend, als
es sich nicht um jeweils eigenständige Abhandlungen handelt, sondern um
Kapitel einer in sich zusammenhängenden theoretischen Gedankenführung,
deren letzte man nicht voll verstehen kann, ohne die ersten gelesen zu haben.
Die Probleme werden meist nur in großen Zügen abgehandelt, so wie sie
dem Autor besonders wichtig erscheinen. Gjessing macht auf diesen Um
stand ausdrücklich aufmerksam, um etwaige Einwände in Einzelheiten von
vornherein zu entkräften. Da die gesamte Arbeit aber einen stark philoso
phisch orientierten, wissenschaftstheoretischen Charakter hat, beeinträch
tigen gewisse, nicht in ihrer ganzen Komplexität diskutierte Punkte der
ersten „Essays“ naturgemäß Ausführungen in den späteren „Essays“. So
wird durch die Überfülle der in jedem 1 Kapitel neu hinzutretenden Probleme