Die Nubi Ostafrikas: Ethnische Prozesse in kolonialer
und postkolonialer Zeit
Von Jürgen Jensen
Einleitung
Die Untersuchung ethnischer Prozesse wie: Ethnogenese, Assimila
tionen, Überlagerungen, die Gestaltung interethnischer Beziehungen
u. a. bilden mindestens seit den einschlägigen Arbeiten von Shiroko-
goroff (1935) und Mühlmann (1938; 1964) in Ergänzung zur Kulturfor
schung einen wesentlichen Bereich der Ethnologie. Neuerdings ist die
ses Problemfeld wieder mehr in den Vordergrund des Interesses gerückt
und zwar z. T. in Zusammenhang damit, daß auch in der Öffentlichkeit
bewußt wird, daß ethnische Komponenten oft wesentliche Aspekte poli
tischer Entwicklungen in vielen Teilen der Welt darstellen. Dabei
möchte ich behaupten, daß bisher weder eine überzeugende Systematik
der wirkenden Faktoren in ethnischen Prozessen noch eine brauchbare
Typologie ethnischer Phänomene vorliegt; auch eine klare Begrifflich-
keit, die Phänomene deutlich abzugrenzen erlaubt, fehlt bisher, wie
Rudolph deutlich gemacht hat (Rudolph 1983: 61 ff.). In dieser Situation
ist es wichtig, daß bisher wenig diskutierte Phänomene an Einzelfällen
untersucht werden, um breitere Grundlagen für die Erarbeitung all
gemeiner Systematiken und Typologien zu schaffen. Eines der wenig
diskutierten Phänomene, das überhaupt erst in letzter Zeit erkannt
wurde, ist die teilweise Verschränkung ethnischer Prozesse mit dem
Militärwesen komplexer pluraler Gesellschaften 1 . Hierzu möchte die
vorliegende Untersuchung einen Beitrag liefern. Es geht um den Fall
der Nubi Ostafrikas, die in Zusammenhang mit dem kolonialen Mili
tärwesen überhaupt als ethnische Einheit erst existent geworden sind
1 Siehe die Ausführungen von Hansen dazu (Hansen 1977: 9 - 15). *
Anmerkung des Herausgebers: Die Verfasser der Aufsätze, der Buchbespre
chungen und sonstigen Mitteilungen tragen
allein die Verantwortung für die von ihnen
vorgebrachten Auffassungen.
Editor’s note: The responsibility for opinions expressed in
the articles, book reviews, and other Commu
nications published herein rests entirely with
the authors.