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Volltext: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde, 4.1958

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Emmy Lehmann 
Dann gab wohl der Packmeister dieses Betriebes dem jüngsten Lehrbuben den über- 
schüssigen Karton mit strenger Miene in die Hand und grollte: „So, den trägst jetzt 
du nüber nach Amerika!“ 
Die Wachspuppe 
Wenn auch früher schon hie und da einige Sonneberger Bossierer kleine Puppen 
stuben- oder Patenpuppen aus Wachs bossiert hatten, so wurde dieses Material doch 
erst seit 1851 von Bedeutung für die Puppenherstellung. Der erste Wachskopf wurde 
nicht für eine Puppendame, sondern für ein Puppenkind hergestellt, für den berühmt 
gewordenen „Finger’schen Täufling“. FINGER war der Modelleur, der mit diesem 
Puppenkopf ein echtes Kleinkindporträt schuf, mit dem unbewußten, unbegreifen- 
den und doch souveränen Gesichtsausdruck des erst wenige Wochen alten Säuglings- 
Der Blick der blauschimmernden Glasaugen schien aus dem Nichts zu kommen und 
im Unfaßbaren zu versinken. Der Körper war in den richtigen kindlichen Proportio 
nen gehalten und besaß bewegliche Arme und Beine, an denen wiederum bewegliche 
Händchen und Füßchen hingen und die weichen schlenkernden Bewegungen der 
Babyglieder nachahmten. Was an dieser Puppe störte, war lediglich die in das Bäuch 
lein eingearbeitete Quietschstimme. 
Aber die Zeit war wohl noch nicht reif für diese Kleinkindpuppe, jedenfalls fand 
sie keinen dauernden Erfolg. Dagegen waren die Puppen mit wachsbossiertefl 
Damenköpfchen trotz ihres hohen Preises in der Zeit von 1855 bis 1885 stark begehrt- 
Ihrem vornehmen Gesichtsausdruck entsprechend bekamen sie modische Kleidung 
aus feinsten Stoffen, Glasaugen mit Strahlen-Iris und kunstvolle Frisuren aus echtem 
Menschenhaar oder Mohair. Bis 1850 hatte man für die Frisuren nur Flachs, Wolle 
und Menschenhaar verfüglich gehabt. Dann kam das zwar teure, aber außerordentlich 
ergiebige Mohair in die Fabrikation, das über England bezogen werden mußte- 
England hatte das Ausfuhrmon»pol für dieses persische Produkt. Es ist Angora- 
Ziegenhaar, sehr weich, leicht, von seidigem Glanz, gut wasch- und färbbar und 
wurde in der für Puppenperücken geeigneten Länge von 18 — 30 cm geliefert. Von 
der besten Qualität kostete ein Zentner 1100 bis 1200 Mark. Um 1900 wurden 
jährlich hunderte von Zentnern davon in der Sonneberger Puppenindustrie ver 
arbeitet. 
Wenn man bedenkt, daß für die anspruchsvollen Wachspuppendamen gebraucht 
wurden: Schafleder aus Australien für ihre zarte Körperhaut, schmiegsame Rentief- 
haare aus Lappland zu ihrer faltenlosen Ausfüllung, feinstes Ziegenhaar aus Persiet 1 
für die Frisur nach letzter Pariser Mode, dazu Batist, Spitzen, Samt und Seide für die 
„Dessous“ und die schleppenden Roben, so kann man die hohen Preise verstehet 1 » 
die für diese Puppen verlangt wurden, und auch den Namen, den ihnen der Volks- 
mund gab: „Staatsdamen“. 
Ausgezeichnete Wachspuppenmacher waren die Bossierer Peter Hetzel, Heinrich 
und Georg Stier, Rudolf Wegner, Neumeister und F. M. Schilling, dessen Wachs- 
puppen auf der Jubiläums-Weltausstellung in Chikago 1893 mit der bronzene^ 
Columbus-Medaille ausgezeichnet wurden.
	        
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