Peter W. Schienerl
Das marokkanische Amulett fulet khamsa
Die große magische Bedeutung, die der Hand und deren bildlicher Wiedergabe zu allen
Zeiten beigemessen worden ist, kann hier als bekannt vorausgesetzt werden. Sie hat sich
sowohl im christlichen (Hansmann/Kriss-Rettenbeck 1966: 192 ff.) als auch im jüdi
schen magischen Brauchtum (Josephy 1975) erhalten und fand besonders im Schmuck-
und Amulettwesen des islamischen Raumes ihren Niederschlag (Champault/Verbrugge
1965).
Während sich in den meisten Tellen der islamischen Welt die Hand als ein sehr wichti
ges, aber keinesfalls als dominierend anzusehendes Motiv im Schmuck- und Amulettwesen
manifestiert, muß sie im nordafrikanischen Raum, im Maghreb, als das vorherrschende
magische Dekormotiv betrachtet werden. Dies dürfte einerseits mit der bereits in kartha
gischer Zeit zu beobachtenden Vorliebe im Zusammenhang stehen, Handdarstellungen
zusammen mit anderen Symbolen der Göttin Tanit auf Steinstelen anzubringen (Harden
1971: 91, fig. 25; Gautier 1942: 148), andererseits wird dabei auch die Tatsache eine
Rolle spielen, daß in Nordafrika die Verarbeitung von Edelmetallen vorwiegend von
jüdischen Handwerkern betrieben wurde, für die ja gleichfalls die Handdarstellung mit
magischen Vorstellungen verbunden gewesen ist. Zweifellos bedarf es aber noch eingehen
derer Untersuchungen, bevor die Gründe für das offenkundige Vorherrschen des Hand
motivs im nordafrikanischen Schmuck- und Amulettwesen überzeugend dargelegt werden
können. Mit dem bloßen Hinweis auf altägyptische Vorbilder, die den islamischen Hand
amuletten zugrunde liegen sollen (Kriss 1962: II, 1; Hansmann/Kriss-Rettenbeck 1966:
192), ist in diesem Zusammenhang nur sehr wenig anzufangen: erstens sind Handamu
lette im pharaonischen Ägypten keineswegs so häufig, wie allgemein vermutet zu werden
scheint, und zweitens nehmen gerade im vermeintlichen Ursprungsland der Handamulette
diese nur eine vergleichsweise untergeordnete Stellung im rezenten Schmuck- und Amu
lettwesen ein.
Falls die handgestaltigen Amulette im nordafrikanischen Raum aber tatsächlich auf in
früher Zeit übernommene altägyptische Vorstellungen zurückgehen sollten (eine An
nahme, die mir vor allem aus den obengenannten Gründen unwahrscheinlich vorkommt),
so bliebe immer noch die Frage, warum sie in den Maghrebländern zu einer so dominie
renden Stellung gelangten, während sie in Ägypten lediglich einen unter vielen Amulett
typen darstellen.
Doch nicht der Ursprung des Handmotivs selbst, sondern nur eine vermeintliche
Variante dieses Motivs, die in Marokko gebräuchlich ist, soll hier kurz untersucht wer
den. Außer sehr naturalistischen Wiedergaben von Händen begegnen uns in Nordafrika
zahlreiche amulettwertige Schmuckstücke, bei denen das zugrunde liegende Handmotiv bis
zur Unkenntlichkeit stilisiert ist oder mit anderen apotropäischen oder glückbringenden
Motiven kombiniert ist. Es seien hier nur einige der möglichen Motivkombinationen an
geführt. Die Verbindung der Hand mit dem Maskenmotiv, wie sie in Marokko auf
amulettwertigen Schmuckstücken festzustellen ist (Champault/Verbrugge 1965: Nr. 56;