Professor Virchow "... die hier weilenden Feuerländer den Mitgliedern der An-
thropologischen Gesellschaft vor, welche mit ihren Damen sich zu der sehr inter-
essanten außerordentlichen Sitzung zahlreich eingefunden hatten"88, Die
"Echtheit" der Feuerländer leitete er von "ihre(r) erstaunliche(n) Fähigkeit im Er-
tragen aller Unbilden der Witterung” und den Angaben der Führer ab, woraufhin
er sich den geographischen Verhältnissen des Feuerlands sowie dessen Popula-
tion im allgemeinen zuwandte. Diese Angaben der Führer verdienten aber
Virchows Vertrauen nicht, denn sie waren — wie bereits erwähnt — falsch, was
auch durch die mitgebrachten ethnographischen Gegenstände zu belegen ist.
Von der beobachteten Körpergröße der Yamanas allgemein ging Virchow
zur Körpergröße der von ihm nunmehr vermessenen Kaweshkar/Yamanas über,
um sich daraufhin ausführlich mit deren Füßen zu beschäftigen. Von den Füßen
über die Beine gelangte er schließlich zu seinem Spezialgebiet, dem Schädel. Er
stellte Vergleiche an über die Meßergebnisse an insgesamt drei — in europäischen
Museen aufbewahrten — Feuerländer-Schädeln und denen der anwesenden
Feuerländer und kam zu dem Ergebnis, daß die Feuerländer mesocephale Schädel
besäßen, also weder lang- noch kurzschädelig waren. Von der nicht geringen
Größe der Schädel ausgehend schloß er, daß die "Rasse" der Feuerländer eigent-
lich gute Entwicklungsvoraussetzungen gehabt hätte, durch die klimatischen Be-
dingungen aber auf der "untersten Stufe" der menschlichen Entwicklung verblie-
ben sei. Daraufhin wandte er sich den Meßergebnissen der einzelnen Teile des
Gesichtes wie Augen, Nase, Ohr, Mund und Unterkiefer zu. Und schließlich
wurden Haut und Haare der damals gebräuchlichen Farbtafel entsprechend nu-
merıert.
Zu den sozialen Verhältnissen konnte Virchow — nach eigenen Angaben —
nur wenig sagen, "weil keinerlei Unterhaltung mit ihnen möglich ist"89, doch hielt
er es für erwähnenswert, daß "nach den Angaben der Führer ... sich auch in den
Beziehungen der Geschlechter zu einander ein vollkommener Communismus
geltend"90 mache. Ähnlich wie über die geographischen Verhältnisse hatten frü-
here Forschungsreisende auch immer wieder Bemerkungen über die gesellschaft-
liche Verfaßtheit der Feuerländer gemacht, so beispielsweise James Wedell nach
seiner Reise 1822-1824. Während Virchow aber naturwissenschaftliche Berichte
wie den von Musters zu Rate zog, ignorierte er entsprechende Berichte ethnologi-
schen Charakters
Im weiteren Verlauf des Vortrags stellte Antonio unter den Augen des ge-
lehrten Publikums aus einem Glasscherben eine Pfeilspitze her, und Virchow
S8Ebd. Mittwoch, den 16. November 1881
89Virchow, Die Feuerländer, a.a.O., S. 384
I0Ehd S 390