Volltext: Tribus, 10.1961,N.F.

Buchbesprechungen 
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ren gegeben hat, vielleicht sogar in eigen 
ständiger Entwicklung. Er billigt dieser Ware 
(die vor allem in Nordwesteuropa und Süd 
rußland auftritt) aber keine allzu große Be 
deutung für die Geschichte des Neolithikums 
zu. — Andererseits gibt es weite Gebiete, 
in denen ein präkeramisches Neolithikum 
über lange Zeit hinweg existiert haben muß, 
nämlich im südlichen Balkan, in Vorder 
asien, Süd- und Ostasien und im westlichen 
Amerika. Offenbar liegt die eigentliche 
„Neolithisierung“, der Beginn von Pflanzen- 
und Tierzucht, vor einer weltweiten Aus 
breitung der Töpferei, die aus dem östlichen 
Sudan stammen könnte und wahrscheinlich 
erst größere Bedeutung erlangte durdi die 
jetzt aufkommende Vorratswirtschaft und 
durch das Auftreten neuer Nahrungsmittel 
und die Notwendigkeit, diese durch Kochen 
für den menschlichen Genuß zu erschließen. 
Smolla wendet sich dann dem Steinschliff 
und verwandten Techniken zu. Er stellt fest, 
daß der Schliff in Ansätzen bereits im Jung- 
paläolithikum geübt wurde, wo vor allem 
Knochen- und Horngeräte angeschliffen 
wurden. Während er für die Keramik die 
Frage nach der ein- oder mehrmaligen Er 
findung offen lassen muß, nimmt er für den 
Steinschliff die Möglichkeit mehrmaliger Ent 
wicklung mit ziemlicher Sicherheit an. Vor 
allem an Hand ethnographischen Materials 
untersucht er die Funktionen verschiedener 
Beilformen und kommt zum Schluß, daß 
Beile schon in der vorneolithischen Zeit vor 
allem zum Fällen von Bäumen und zur Holz 
bearbeitung gedient haben müssen, in der 
neuen Wirtschaftsform und bei zunehmender 
Bewaldung aber eine immer wichtigere Rolle 
zu spielen hatten. Es fällt auf, daß alle vom 
Autor untersuchten Beilformen (Walzenbeil, 
Schuhleistenkeil, Kern- und Scheibenbeil, 
Spitzhacke) frühneolithisch sind und außer 
dem Walzenbcil alle mesolithische oder jung- 
paläolithische Vorgänger in Knochen, Horn 
oder Stein haben. Der Autor sagt, daß die 
Wurzeln des Steinschliffs weithin unabhängig 
seien von der neolithischen Wirtschaftsform, 
daß diese aber bessere Voraussetzungen für 
die Herstellung von geschliffenen Felsgestcin- 
beilen und einen größeren Bedarf an Beilen 
überhaupt mit sich bringe: Rodung und Haus 
bau verlangten brauchbare Geräte und ver 
banden so das Beil eng mit dem Neolithikum, 
enger noch als die Keramik, die doch viel eher 
ein Kind des Neolithikums sei. 
Im anschließenden Kapitel beschäftigt sich 
Smolla mit der neolithischen Silexindustrie 
und der Möglichkeit einer Kontinuität seit 
dem Jungpaläolithikum. Er zeigt hier, daß 
die oft betonte Übereinstimmung jungpaläo- 
lithischen und neolithischen Silexmaterials 
sich auch ohne Annahme waghalsiger Hypo 
thesen aus der Funktion der Geräte und den 
Gegebenheiten des Werkstoffs erklären läßt, 
daß zum anderen ein grobgerätiges Meso 
lithikum mit Kernbeilen als vorneolithische 
Schicht wahrscheinlich eine größere Ausdeh 
nung und Bedeutung hatte. Diese Industrie 
könnte von Gruppen getragen worden sein, 
die den wahrscheinlich hochspezialisierten 
Mikrolithikern gegenüber in ihrer Wirtschaft 
breiter angelegt gewesen wären (evtl, auch 
Fischergruppen). 
Im nächsten Kapitel untersucht der Autor 
Verbreitung und Geschichte von Frauen 
statuetten, Spiralen und Mäandern. Er glaubt 
nicht, daß die Frauenidole des Neolithikums 
genetisch mit den Venusstatuetten des Magda- 
lenien und des östlichen Aurignacien Zusam 
menhängen, obwohl er die Möglichkeit nicht 
ausschließen kann. Seine „neolithische Idol 
region“ deckt sich mit dem „Raum der sich 
bildenden Hochkulturen“, die man bisher ge 
meinhin als Dorfkulturen im Alten Orient 
bezeichnete. Hier sollen die Idolplastiken zu 
den frühesten Ausdruckformen der sich bil 
denden Kultur gehören und könnten ihre un 
bestreitbare Ähnlichkeit mit den „Venus 
statuetten“ im wesentlichen der beidesmali 
gen Betonung der Polarität der Geschlechter 
verdanken, wobei sie in den beiden sicher 
verschiedenen Kulturgefügen durchaus ver 
schiedene Funktionen gehabt haben können, 
wie ja auch Handcar und Narr meinen. Ähn 
lich glaubt Smolla, daß auch die schon im 
Paläolithikum aufgetretenen Spiral- und 
Mäanderornamente genetisch nicht mit den 
frühesten neolithischen Spiralen und Mäan 
dern Zusammenhängen brauchen. 
Die Frage der Haustierzucht reiht sich an. 
Bei der Diskussion einer Renzucht im 
Paläolithikum stellt sich der Autor auf die 
Seite Jettmars. Obwohl er das örtliche Vor 
kommen einer Renhaltung im Jungpaläolithi 
kum nicht völlig ausschließen will, glaubt er 
dieser doch mit Recht keine Bedeutung für die 
spätere Entwicklung zubilligen zu können. 
Den Haushund leitet er (mit Boessneck) 
von kleinen indischen Wolfsrassen ab, läßt 
aber die Frage offen, ob durch Anregung von
	        
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