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Der hier nur kurz zusammengefaßte Fall zei gt al-
les, worauf es KAKAR ankommt: eine enge Mutter-
Kind-Beziehung, einen spät in die Erziehung ein-
greifenden Vater und die als traumatisch empfunde-
ne „zweite Geburt‘, die Sehnsucht nach der unge-
trübten frühen Kindheit, die Identifikation mit der
passiven Mutter und die sich daraus ergebende un-
terwürfige Haltung gegenüber dem Vater, der zeitle-
bens emotional distanziert bleibt und auf das (sexu-
elle) Selbstbewußtsein kastrierend wirkt, so daß ge-
rade die Heirat zum Ausbruch solcher Krisen und
Krankheiten führt.
KURTZ (1992: 191ff) sieht jedoch andere Gründe
für den Ausbruch der Depression. Nach ihm sind
diejenigen, die nicht oder nicht früh genug von ihrer
natürlichen Mutter entwöhnt wurden, die nicht in
multipler Mutterschaft aufgewachsen sind, mehr ge-
fährdet als andere. Tatsächlich zeigt sich in der Bio-
graphie des Patienten, daß er die ersten drei Jahre
mit der Mutter als einziges Kind im Haus des Groß-
vaters mütterlicherseits verbrachte, bevor die Eltern
zusammenzogen. Nach KURTZz ist diese Biographie
ungewöhnlich und pathogen, weil ihm in seiner
Kindheit die Verwandten aus der väterlichen Linie
fehlten, die normalerweise eine zu enge emotionale
Beziehung zur Mutter immer wieder unterbrechen.
Die Großeltern der Mutter würden hingegen eine
solche Beziehung intensivieren, wodurch der späte-
re Übertritt in die Welt der Väter erschwert würde.
Der Patient sei daher für diese Reifung nicht präpa-
riert gewesen und deshalb erkrankt: “D. never really
had a chance to experience the complex and neces-
sary tensions between natural and in-law parents.
He lived either with his mother without paternal in-
laws (in early childhood) or with in-laws without his
mother and father (in early adolescence). Therefore,
D.'s problems are not, as KAKAR treats them, a slight
exaggeration of the typical Hindu pattern. Rather,
D.'s difficulties stem from the fact that in his case the
typical mechanisms of Hindu socialization were ne-
ver put in place” (KURTZ 1992: 193). KAKAR habe
dies nicht gesehen, weil seine psychoanalytische
Theorie in der Folge FREUDs individualistisch sei,
damit aber nicht die grundlegend andere Sozialisati-
on in Indien angemessen berücksichtige.
Während nach KAKAR der unzuverlässige und
abwesende Vater für die Depression mitverantwort-
lich ist, ist es für KURTZ der Mangel an Müttern aus
der väterlichen Linie in der frühen Kindheit, die den
sozial notwendigen Rückzug von der leiblichen
Annette Wiemann-Michaels
Mutter hätten vorbereiten können, um so dem Jun-
zen zu ermöglichen, ohne traumatische Wunden in
die Welt der Väter einzutauchen. Nach KAKAR ist
die durch den Vater ausgelöste traumatische Tren-
nung von der Mutter krankheitsauslösend, nach
XURTZ die nicht erfolgte Trennung von der Mutter
zugunsten der Gruppe.
Depressionsforschung und die Empirie
Es ist schwer, zwischen diesen Theorien ohne weite-
es empirisches Material zu entscheiden. Auch
wenn man geneigt ist, KURTZs Interpretation zu fol-
zen, weil sie vielleicht weniger eurozentrisch ist,
»leibt das Faktum, daß der Patient nach KAKARs
\ngaben durch die Analyse geheilt wurde. Noch
mmer gilt: Wer heilt, hat recht. Meines Wissens
‘;ehlt es an Psychoanalysen, die sich einer Theorie
»edienen, wie sie Kurtz entwickelt hat. Dies wäre
ler nächste Schritt, und wie es aussieht, müssen die
»ntsprechenden Verfahren eher familien- als indivi-
Jualtherapeutischen Modellen folgen.
In jedem Fall wird aber in beiden Theorien der
Mutterbindung in der Entwicklung des Kindes zu
ıohes Gewicht beigemessen. KAKAR und KURTZ
jeruhen zu einem großen Teil, wenn auch nicht im-
ner explizit, auf den alten Bindungstheorien von
<LEIN und WINNICOT, die wiederum geprägt sind
/on GOLDFARB, SPITZ und BOWwLBY (s. Nachweise
ınd Literaturüberblick in ERNST & VON LUCKNER
1985: 3-22). Hervorgegangen sind diese Arbeiten
3aauptsächlich aus Deprivationsforschungen an hos-
Jitalisierten Kindern, wonach Mutterentbehrungen
.n der Frühkindheit bleibende intellektuelle, emotio-
1ale und sogar körperliche Störungen verursachen.
Nun haben CECILE ERNST und NIKOLAUS VON
_UCKNER (1985) zwar nachgewiesen, daß die Mo-
1otropie-Hypothese BOWLBYs, nach der es für die
»sychische Entwicklung des Kindes förderlich ist,
2s ausschließlich durch die Mutter oder einer Be-
zugsperson betreuen zu lassen, nicht haltbar ist. Zu-
gleich wurden aber von ERNST & VON LUCKNER
auch die alten Bindungstheorien in Frage gestellt.
Nicht die frühe Bindung zwischen Kind und Mutter
>»zw. Müttern ist für die psychische Erkrankung al-
‚es entscheidend und schon gar nicht ein Trauma in
ziner kritischen Periode von drei Monaten bis 3-4
‚ahren, sondern mehrere Faktoren prägen die Per-
;önlichkeit gleichermaßen. Dazu gehören geneti-
Curare 19(1996)2: 323.329