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Objekt: Curare, 19.1996

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Der hier nur kurz zusammengefaßte Fall zei gt al- 
les, worauf es KAKAR ankommt: eine enge Mutter- 
Kind-Beziehung, einen spät in die Erziehung ein- 
greifenden Vater und die als traumatisch empfunde- 
ne „zweite Geburt‘, die Sehnsucht nach der unge- 
trübten frühen Kindheit, die Identifikation mit der 
passiven Mutter und die sich daraus ergebende un- 
terwürfige Haltung gegenüber dem Vater, der zeitle- 
bens emotional distanziert bleibt und auf das (sexu- 
elle) Selbstbewußtsein kastrierend wirkt, so daß ge- 
rade die Heirat zum Ausbruch solcher Krisen und 
Krankheiten führt. 
KURTZ (1992: 191ff) sieht jedoch andere Gründe 
für den Ausbruch der Depression. Nach ihm sind 
diejenigen, die nicht oder nicht früh genug von ihrer 
natürlichen Mutter entwöhnt wurden, die nicht in 
multipler Mutterschaft aufgewachsen sind, mehr ge- 
fährdet als andere. Tatsächlich zeigt sich in der Bio- 
graphie des Patienten, daß er die ersten drei Jahre 
mit der Mutter als einziges Kind im Haus des Groß- 
vaters mütterlicherseits verbrachte, bevor die Eltern 
zusammenzogen. Nach KURTZz ist diese Biographie 
ungewöhnlich und pathogen, weil ihm in seiner 
Kindheit die Verwandten aus der väterlichen Linie 
fehlten, die normalerweise eine zu enge emotionale 
Beziehung zur Mutter immer wieder unterbrechen. 
Die Großeltern der Mutter würden hingegen eine 
solche Beziehung intensivieren, wodurch der späte- 
re Übertritt in die Welt der Väter erschwert würde. 
Der Patient sei daher für diese Reifung nicht präpa- 
riert gewesen und deshalb erkrankt: “D. never really 
had a chance to experience the complex and neces- 
sary tensions between natural and in-law parents. 
He lived either with his mother without paternal in- 
laws (in early childhood) or with in-laws without his 
mother and father (in early adolescence). Therefore, 
D.'s problems are not, as KAKAR treats them, a slight 
exaggeration of the typical Hindu pattern. Rather, 
D.'s difficulties stem from the fact that in his case the 
typical mechanisms of Hindu socialization were ne- 
ver put in place” (KURTZ 1992: 193). KAKAR habe 
dies nicht gesehen, weil seine psychoanalytische 
Theorie in der Folge FREUDs individualistisch sei, 
damit aber nicht die grundlegend andere Sozialisati- 
on in Indien angemessen berücksichtige. 
Während nach KAKAR der unzuverlässige und 
abwesende Vater für die Depression mitverantwort- 
lich ist, ist es für KURTZ der Mangel an Müttern aus 
der väterlichen Linie in der frühen Kindheit, die den 
sozial notwendigen Rückzug von der leiblichen 
Annette Wiemann-Michaels 
Mutter hätten vorbereiten können, um so dem Jun- 
zen zu ermöglichen, ohne traumatische Wunden in 
die Welt der Väter einzutauchen. Nach KAKAR ist 
die durch den Vater ausgelöste traumatische Tren- 
nung von der Mutter krankheitsauslösend, nach 
XURTZ die nicht erfolgte Trennung von der Mutter 
zugunsten der Gruppe. 
Depressionsforschung und die Empirie 
Es ist schwer, zwischen diesen Theorien ohne weite- 
es empirisches Material zu entscheiden. Auch 
wenn man geneigt ist, KURTZs Interpretation zu fol- 
zen, weil sie vielleicht weniger eurozentrisch ist, 
»leibt das Faktum, daß der Patient nach KAKARs 
\ngaben durch die Analyse geheilt wurde. Noch 
mmer gilt: Wer heilt, hat recht. Meines Wissens 
‘;ehlt es an Psychoanalysen, die sich einer Theorie 
»edienen, wie sie Kurtz entwickelt hat. Dies wäre 
ler nächste Schritt, und wie es aussieht, müssen die 
»ntsprechenden Verfahren eher familien- als indivi- 
Jualtherapeutischen Modellen folgen. 
In jedem Fall wird aber in beiden Theorien der 
Mutterbindung in der Entwicklung des Kindes zu 
ıohes Gewicht beigemessen. KAKAR und KURTZ 
jeruhen zu einem großen Teil, wenn auch nicht im- 
ner explizit, auf den alten Bindungstheorien von 
<LEIN und WINNICOT, die wiederum geprägt sind 
/on GOLDFARB, SPITZ und BOWwLBY (s. Nachweise 
ınd Literaturüberblick in ERNST & VON LUCKNER 
1985: 3-22). Hervorgegangen sind diese Arbeiten 
3aauptsächlich aus Deprivationsforschungen an hos- 
Jitalisierten Kindern, wonach Mutterentbehrungen 
.n der Frühkindheit bleibende intellektuelle, emotio- 
1ale und sogar körperliche Störungen verursachen. 
Nun haben CECILE ERNST und NIKOLAUS VON 
_UCKNER (1985) zwar nachgewiesen, daß die Mo- 
1otropie-Hypothese BOWLBYs, nach der es für die 
»sychische Entwicklung des Kindes förderlich ist, 
2s ausschließlich durch die Mutter oder einer Be- 
zugsperson betreuen zu lassen, nicht haltbar ist. Zu- 
gleich wurden aber von ERNST & VON LUCKNER 
auch die alten Bindungstheorien in Frage gestellt. 
Nicht die frühe Bindung zwischen Kind und Mutter 
>»zw. Müttern ist für die psychische Erkrankung al- 
‚es entscheidend und schon gar nicht ein Trauma in 
ziner kritischen Periode von drei Monaten bis 3-4 
‚ahren, sondern mehrere Faktoren prägen die Per- 
;önlichkeit gleichermaßen. Dazu gehören geneti- 
Curare 19(1996)2: 323.329
	        
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