Thomas Schweizer: Prozeßanalyse in der Ethnologie
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fischen Problemen der Datengewinnung: Feldforschungsuntersuchungen sind Zu-
standsanalysen par excellence. Es ist schwierig, die detaillierten Befunde aus dem eth¬
nographischen Präsens mit historischen Daten so zu verknüpfen, daß mittel- oder län¬
gerfristige Prozeßanalysen über mehrere Zustände des Systems ermöglicht werden.
Im Regelfall wird die Feldforschungs-Mikrostudie lediglich in einen historischen und
regionalen Kontext eingebunden. Selten finden sich darüber hinaus historische Daten
solcher Dichte und Qualität, die die Rekonstruktion früherer Systemzustände auf der
Mikroebene erlauben würden.
Neben diesem fachspezifischen Grund gibt es noch eine andere, generelle Ursache
für die Schwierigkeiten mit der Prozeßanalyse. Der kognitive Psychologe Dörner
(1989) hat in einer Serie von Experimenten erhärtet, daß Menschen allgemein Pro¬
bleme mit der gedanklichen Durchdringung komplexer Systeme haben und daß diese
Schwierigkeiten sich noch erhöhen, wenn es um die Erkenntnis von „Zeitgestalten"
geht (Dörner 1989: Kap. 6). Dörner kennzeichnet die Eigenschaften komplexer Sy¬
steme wie folgt (1989: 58-9).
„Die Systeme bestanden jeweils aus sehr vielen Variablen, die „vernetzt" sind, da
sie sich untereinander mehr oder minder stark beeinflussen; dies macht ihre Kom¬
plexität aus. Weiterhin sind die Systeme intransparent, zumindest teilweise; man
sieht nicht alles, was man sehen will. Und schließlich entwickeln sich die Systeme
von selber weiter; sie weisen Eigendynamik auf. Hinzu kommt, daß die Akteure
(also die Versuchspersonen) keine vollständigen Kenntnisse aller Systemeigen¬
schaften besaßen, ja sogar darüber falsche Annahmen hatten. Komplexität, In-
transparenz, Dynamik, Vernetztheit und Unvollständigkeit oder Falschheit der
Kenntnisse über das jeweilige System: dies sind die allgemeinen Merkmale der
Handlungssituationen beim Umgang mit solchen Systemen."
Dörners Charakteristik bezieht sich auf komplexe Handlungssituationen, die er in sei¬
ften Experimenten modellhaft nachbildet und durch Versuchspersonen in der Rolle
yon Planern beeinflussen läßt. Zweifelsfrei weisen viele Gegenstände, die die Ethnolo¬
gie untersucht, die typischen Merkmale komplexer Systeme auf. Nicht von ungefähr
Modelliert Dörner in einigen Experimenten die lokale Situation in Entwicklungslän¬
dern („Tanaland" als bekanntestes Beispiel, nämlich ein gedachtes Agrar- und Her¬
denhaltungssystem in Ostafrika, s. Dörner 1989: Kap. 2). Der Ethnologie dürfte es
nicht schwerfallen, diese Systemmodelle durch die Hinzunahme weiterer Variablen
und Vernetzungen realitätsnaher und darum noch komplexer zu gestalten (einführend
2ur ethnologischen Systemanalyse s. Lang 1981,1988). Die „Planer" in Dörners Expe-
umenten hatten bereits im Umgang mit den einfacheren, dennoch hinreichend kom¬
plexen Systemen Mühe, Fehlentwicklungen und Katastrophen abzuwenden. In der
ethnologischen Grundlagenforschung geht es „nur" um die gedankliche Durchdrin¬
gung realer komplexer Systeme; in der angewandten Forschung (action anthropology,
Entwicklungshilfe, Sozialarbeit) würden zu den Erkenntnis- noch die speziellen Pla¬
nungsschwierigkeiten hinzutreten (Dörner 1989: Kap. 7). Einige der im Umgang mit
komplexen Systemen entstehenden Probleme sind die folgenden: Handlungsziele