Frauen, die Geister beherrschen
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Anthropos 98.2003
tige Bevorzugung eines der beiden Geschlechter
im Schamanismus feststellen.
Wissenschaftlich lassen sich weder alle Mög
lichkeiten der Schamanen im Einzelnen noch die
Wirksamkeit schamanistischer Praktiken exakt be
weisen. Es wäre aber falsch, alles, was unser ra
tional geschulter Verstand gegenwärtig nicht oder
besser noch nicht versteht, zu leugnen.
Die Ursprünge des Schamanentums reichen
weit zurück, wahrscheinlich bis ins zirkumpolare
Paläolithikum, und hier in der Taiga im Gro
ßen Amurbogen war es mir noch vergönnt, quasi
in letzter Sekunde, zu einer der Wurzeln dieser
Kulturerscheinung vorzudringen und Erkenntnisse
über wichtige Zusammenhänge zu erlangen.
Die Beschäftigung mit dem Thema hat ins
besondere am Beispiel der letzten rentier-ewen-
kischen Schamanin Njura gezeigt, dass Schama
nen als die wichtigsten Glieder ihrer Jäger- und
Rentierhaltergesellschaft und als Kulturträger ih
res Volkes gelten, dass sie andererseits aber ein
schwieriges Leben durchleiden, oft am Rande des
Todes, was aus den echten Schamanen und Scha-
maninnen geradezu tragische Gestalten macht,
auch unter politischen Gesichtspunkten, wie die
Unterdrückung des Schamanismus und der Scha
manin Njura in der Zeit der sog. Kulturrevolu
tion gezeigt hat. Gleichzeitig stellt der Schamanis
mus der chinesischen Rentier-Ewenken auch ein
wichtiges und markantes Element ihrer ethnischen
Identität dar und zeigt seine Anpassungsfähigkeit
an Veränderungen innerhalb und außerhalb der
rentier-ewenkischen Gesellschaft. Der Schamanis
mus prägte die rentier-ewenkische Stellung zur
Wirklichkeit, zur Familie und zur Natur, und der
Schamane bzw. die Schamanin gehörte bis zuletzt
als Mittler zwischen den Welten fest zum Alltag
der Menschen hier am nördlichsten Rande Chinas.
Es hat sich aber auch gezeigt, z. B. durch die Inte
grierung von Ikonen in den ma/w-Geisterkomplex,
dass in der letzten Zeit Christentum und Scha
manismus eine Symbiose eingegangen sind, und
dies sogar gegen den staatlich vorgeschriebenen
Atheismus der chinesischen Machthaber und ihres
massiven gewalttätigen Umerziehungsdrucks auf
die kleine Waldjägergruppe in den sechziger und
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