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Editorials aus den Curare-Jahrgängen 1(1978) bis 3(1980)
Individuen beschreibt [Kulturwandel, (Wieder-)
Anpassung und psychische Störung am Beispiel
von Patienten der Großen Kabylei, Nordalgerien,
dt. und franz., S. 50-561, skizziert der Kieler Philo-
soph Hermann SCHMITZ, was das durch Sachen de-
terminierte „Klima“, in diesem Fall die Wohnwelt,
für die seelische Gesundheit leistet (Was leistet das
Wohnen für die emotional Stabilität, S. 57-63).
Beide Autoren beschäftigen sich zwar unabhängig
von Michael Wirschings Akzentsetzung, aber be-
wusst im selben Themenrahmen mit dem (noch)
konsistentesten „Raum“ menschlichen Umgangs,
der Familie nämlich, und sie kommen implizit auch
zu demselben Schluss, dass Ethnomedizin hier be-
sondere Aufgaben zu erfüllen habe, wenn sie eine
praktisch relevante Perspektive anstreben möchte.
Demnach kann dieses Editorial nur mit der Auf-
forderung abschließen, unserer Arbeitsrichtung
noch mehr Praxisbezug im Sinne eines konsequen-
ten Transfers von Erkenntnissen und Kenntnissen in
kritisches Handeln zu verschaffen. Curare ist auch
dafür gemacht worden, diesen Transfer zu doku-
mentieren.*
Dr. med. GERHARD RUDNITZKI, Zentralinstitut für
Rehabilitationsabklärung und Rehabilitations-
förderung, Neckargemünd.
gen Ländern Afrikas dieses Verhältnis nicht höher
als 1:2. Letztlich wird die Dramatik der Situation
durch die Tatsache unterstrichen, dass am Ende des
Jahrhunderts ein Drittel der Weltbevölkerung durch
jene Kinder gebildet sein wird, die zwischen 1979
und 2000 geboren werden — Alarmsignal für alle,
denen es mit Beschwörungen um das Wohl des Kin-
des ernst ist.
Von den Beiträgen dieses Heftes nehmen einige
in nachdrücklicher und gewichtiger Weise zu diesen
Problemen Stellung; wenn sich dieses Editorial vor-
nehmlich auf diese konzentriert, dann um der Sache
willen. Im Übrigen gibt es in dieser Welt nichts,
was nicht zwangsläufig auf das schwächste Glied
der Gemeinschaft zurückschlägt — in diesem Sinne
gehören die meisten Beiträge dieses Heftes in die
gleiche Linie.
Als Wulf Schiefenhövel im vergangenen Jahr auf
dem Freiburger Pädiater-Kongress über das Kind
bei Naturvölkern berichtete und Wolfgang Wolfers
in der gleichen Sitzung seine eindrucksvollen Daten
über die Pädiatrie in der Dritten Welt vorlegte, be-
merkte ein Diskussionsteilnehmer sinngemäß, hier
sei der Ansatzpunkt für eine Kinderheilkunde neuer
Art. Dies kann nicht nur meinen, die (mit weniger
als 10% aller Kinder ebenfalls minimale) Zahl der
Schutzimpfungen zu erhöhen, sondern es ist ein
Aufruf, der Phänomenologie des Kindesalters durch
eine umfassendere Art des Verstehens und des Um-
gangs mit Kindern gerechter zu werden.
WuLF SCHIEFENHÖVEL macht mit Recht darauf
aufmerksam, dass seit Margret Mead die Soziali-
sationsforschung erheblich differenziertere Ansätze
gewonnen hat, vor allem in der Interpretation der
Befunde (Das Kind bei den Naturvölkern und bei
uns, S. 79-86). Dass ein zugewandtes Sorgeverhal-
ten gegenüber dem schutz- und sprachlosen Neu-
geborenen und Kleinkind offenbar in allen Ethnien
das elementar Menschliche ist, trägt dabei ebenso
sehr Herausforderungscharakter wie die Häufung
der Befunde über die Verhaltensunsicherheiten- und
-störungen im Laufe der weiteren Entwicklung.
Es wird schwer sein — auch die Beiträge dieses
Heftes geben davon Zeugnis — sich von der Gefahr
der Überinterpretation frei zu halten, gerade im
Falle kindlicher Phänomene innerhalb vorrationa-
ler Kulturen. Wie glücklich ein Papua-Kind lebt,
können wir nur mühevoll und mit allen Vorbehalten
ablesen, da wir selbst immer nur Erwachsenenfra-
gen stellen können und uns selbst die Erwachsenen-
Editorial in Curare 2(1979)2: 67-68
Alle pflichtgemäßen und gutwilligen, sachkun-
digen und ignoranten Erwachsenenbeiträge zum
Jahr des Kindes 1979 werden an unüberhörbaren
Zahlen gemessen werden müssen, die am 7. April
1979 von der WHO publiziert worden sind: 12 Mil-
lionen Neugeborene des Jahres 1978 werden vor
der Vollendung ihres ersten Lebensjahres sterben,
davon 77% in Afrika und Südasien. Von den 1%
Milliarden Kindern auf der Welt leben 81% (122C
Millionen) in Entwicklungsländern. Ihre Lebens-
welt ist charakterisiert durch Mangel an Ernährung.
Sauberkeit, Lebensraum, Pflege und Zuwendung.
Der Sterblichkeit der Säuglinge in Schweden
— das Land mit der niedrigsten Mortalität — liegt
bei 8,3:1000; in einigen Ländern der Dritten Welt
müssen dagegen 200:1000 angenommen werden.
Während ein Kind in den Industrieländern mit einer
Chance von 1:40 damit rechnen kann, das Kindes-
und Jugendalter gesund zu überstehen. ist in eini-
/WR -— Verlag für Wissenschaft und Bildung