Volltext: Baessler-Archiv, 10/13.1926/29

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BESPRECHUNGEN UND BÜCHEREINGÄNGE 
lustempfindlichsten Körperteils ist!“ (S. ioi bis 
102, die begeisterten Ausrufungszeichen stammen von 
Sydow.) 
Die Argumentationen des Kapitels über die zeichne 
rischen Künste sind eigentlich noch dürftiger und zu 
gleich willkürlicher als alle vorhergehenden: die von S. 
hervorgehobenen Eigenarten der Gravierungen, Zeich 
nungen und Malereien der Naturvölker gegenüber un 
seren, nämlich: Fehlen der Perspektive, Fehlen einer 
rahmenmäßigen Umgrenzung, Beschränkung auf die 
Darstellung einer einzelnen Figur (in den weitaus meisten 
Fällen), sind zweifellos richtig gesehen. Aber wenn S. 
daraus ein „Gesetz der Flächeneinheit“ herleitet („Die 
Figuration bildet selbst das Bildfeld, umschreibt es und 
füllt es aus“), ein besonderes „Streben nach einer 
Geschlossenheit der Fläche“ (S. 116) feststellt, und 
dann fragt: „Wie erklärt sich dieser langwährende 
Despotismus (!) der Grundsätze der Formgebung?“ 
(S. 123), so kann der Leser das nun Folgende nach dem 
bewährten Schema bereits selbst ausfüllen; „Sie durch 
geistige Bestimmtheit erläutern, würde auch hier die 
Problematik nicht erschöpfen. Sondern wir stellen die 
Frage auf das organische Prinzip ab, das jener künst 
lerischen Darstellungsart zugrunde liegen muß. Wir 
fragen also nach der erogenen Zone, die sich in 
den zeichnerisch-malerischen Arbeiten widerspiegelt“ 
(S. 122 und 123), d. h. wir fragen, „welche der drei 
allgemeinsten Gruppen erogener Zonen; Körperhaut, 
Genitalien, Schleimhaut, als Grundlage der zeich 
nerischen Künste in Frage kommen möchte. Es schei 
den zunächst die Genitalien aus, weil diese bereits für 
die Baukunst und Plastik die besonderen Impulse ge 
geben haben“ (S. 124) ■—- wirklich eine seltsame Art 
zu argumentieren! Für S. ist es klar, daß ,,.... die 
Körpermasse und die Hautoberfläche in einer 
engsten Beziehung zu den Darstellungen der primitiven 
zeichnerischen Kunst stehen. Denn der naturvölki 
sche Zeichner und Maler stellt die organische 
Gestalt in ihrer Ganzheit dar.“ (S. 125.) Jetzt ver 
steht man, weshalb S. sich veranlaßt sah, ein besonderes 
„Gesetz der Flächeneinheit“ aufzustellen! „So wird 
man von der erogenenZone der Hautbedeckung 
des Körpers her die zeichnerischen Künste 
abzuleiten haben“ (S. 125), wobei nicht ganz klar 
wird, wie aus der Tatsache, daß den Primitiven „augen 
scheinlich der Körper in seiner Gesamtheit seines flächen 
haften Umrisses interessiert“, und aus den angeblich 
sexuellen Motiven dieses Interesses das Ganze der zeich 
nerischen Künste, vor allem die geometrisch-ab 
strakten Zeichnungen, erklärt werden sollen. S. 
bleibt uns diese Erklärung auch schuldig. 
In dem Kapitel über die Körper-Kunst ist folgende 
Gedankenkette (auf S. 142 und 143) besonders ver 
blüffend (und zugleich typisch!): „Es erscheint eigentlich 
frappant, daß man nicht immer mit ornamentierten oder 
sonst kunstreich hervorgehobenen Penisstulpen usw. mit 
größerer Betonung auf das wichtigste Glied am männ 
lichen Körper hinweist. . . . Der Prozeß der Verdrängung 
der Sexualität .... ist es wohl, dem wir es zuschreiben 
müssen, daß mit besonderer Hartnäckigkeit dem männ 
lichen Geschlechtsorgan die Wertschätzung verweigert 
wird, auf welche es, logisch betrachtet (!), in hervor 
ragendstem Maße Anspruch hätte. Mit umso größerer 
Energie hat man sich bei den Primitiven die Umformung 
und Ausschmückung der anderen Körperteile angelegen 
sein lassen. Es ist nun charakteristisch, daß sich vor allem 
dem Haupte ihre praktische Ästhetik zugewandt hat — 
vertritt doch der Kopf vielfach symbolisch die 
Eichel des Gliedes“! 
Und auf S. 146 sagt S. abschließend: „Es ist charak 
teristisch, daß es sich gerade um die Schleimhautpartien 
des Gesichtes handelt, also um erogene Zonen. So löst auch 
auf diesem Gebiete der Körperumformung die Psychoana 
lyse wesentlich Fragen in verhältnismäßig einfacher 
Weise“ — wobei ihm offenbar nicht bewußt geworden ist, 
daß er im besten F alle erklärt hat, warum diese Teile 
des Körpers geschmückt bzw. umgestaltet werden und 
warum andere nicht, daß er aber nicht den geringsten 
Beitrag zu seiner selbstgestellten Aufgabe geliefert hat, 
die Formen der Künste, in diesem Falle der Körper- 
Kunst, zu erklären. 
Ähnlich überraschend argumentiert S. bei der Frage 
der Erklärung der Formen der Körperbemalung, Narben 
verzierung und Tatauierung; Zunächst stellt er fest, 
daß sie in ihrer Form (also in der Beziehung, die recht 
eigentlich zur Diskussion steht) sexuell „neutral“ seien — 
so daß also der Leser, der nicht wie S. „Kenner der psycho 
analytischen Forschungsergebnisse“ ist, glauben könnte, 
hier gäbe es einmal keine Möglichkeit, ja überhaupt keinen 
Anlaß zu einer anderen „Deutung“ als eben ihrer Her 
leitung aus andern Formen („Stilkritik“) oder aus dem 
Inhalt oder eventuell dem Material. Aber S. belehrt uns, 
daß „das eigen t liehe Objekt (der Körperbemalung usw.) 
die erogene Sphäre der Hautfläche ist“. „Diese wird er 
setzt durch eine sexuell neutrale Schicht mit rationalen 
und schmuckhaften Charakterzügen.“ (S. 150.) Er sieht 
darin „die Rückkehr des Verdrängten und die Erreichung 
des Zieles auf dem Umwege über die symbolisierende 
Stellvertretung.“ (S. 150.) Irgendwelche Beweise oder 
auch nur nähere Ausführungen hierzu hält er offenbar 
nicht für nötig. 
Da neben Phallus und Hautfläche der Mutterleib nicht 
fehlen darf, so belehrt uns S., daß bei der bei einigen 
Naturvölkern vorkommenden „ausgesprochenen Vor 
liebe der Männer für fettleibige Frauen,“ zu der „in 
manchen Gegenden noch die künstliche Verdickung der 
Waden hinzutritt“ (bei Frauen und Männern!), „für 
den Kenner der psychoanalytischen For 
schungsergebnisse der Gedanke an den Mutter 
leib unmittelbar naheliegt. Man darf seine Nach 
ahmung in jenen lebenden Fettkolossen vermuten. Die 
Idee der Fruchtbarkeit wird durch sie angedeutet. Was 
man sonst noch als Grund auszuführen geneigt sein 
könnte, als da ist z. B. die Dokumentierung des Reich 
tums, da die Züchtung der Wohlbeleibtheit nur Reichen, 
Trägen praktisch möglich ist, trägt offensichtlich den 
Stempel der Nebenbedeutung(!). Die Parallele zwischen der 
umfänglichen Weibesgestalt und dem schoßhaften Innen 
raum der naturvölkischen Bauweise ist durch die Identität 
ihres psychologisch-physiologischen Sinnes mitgegeben. 
In beiden Fällen ist es der Mutterleib, von dem der Anreiz 
zur künstlerischen Wertschätzung ausgeht“ (S. 139 und 
14°). 
„Auf dem Grund eines mannigfach gestützten Analogie 
schlusses“ versucht S. die „geschichtliche Reihen 
folge der Künste“ folgendermaßen festzustellen: 
Freud hat drei Stufen der sexuellen Entwicklung des 
Kindes aufgestellt: Autoerotismus, Narzißmus, Objekt
	        
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