Volltext: Baessler-Archiv, 10/13.1926/29

BESPRECHUNGEN UND BÜCHEREINGÄNGE 
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Häuser hat ? Wenn die Entwicklung von dem nur nach 
einer Seite schützenden, je nach der Windrichtung ge 
stellten Wetterschirm zur allseitig geschlossenen Hütte 
gegangen ist (durch Zusammenstellen zweier oder mehre 
rer solcher Wetterschirme), so ist nicht recht einzusehen, 
was an dem sich darin aussprechenden „unabänderlichen 
Willen zu einer radikalen Abgeschlossenheit der Räum 
lichkeit“ so verwunderlich sein soll. Wenn man sich 
schützen will, schließt man sich ab — je radikaler, desto 
besser. Wenn hier etwas zu erklären ist, dann doch nicht 
das „Fehlen oder die minimale Größe der Fensteröff 
nungen und die geringe Höhe der Türöffnung“ (das 
bedeutet nämlich, schlichter ausgedrückt, die „Tendenz 
zur Geschlossenheit des Raumes“). Wissenschaftliches 
Problem kann hier im Gegenteil doch nur sein, den Weg 
aufzuzeigen, wie aus dem anfänglichen Einkriech- oder 
Einsteigeloch, meist zugleich dem einzigen Rauchabzug, 
sich immer bequemere oder (wie bei der Gangtür) immer 
schützendere Türen entwickeln, wie besondere Rauch 
abzüge, besondere Fenster, mehrere Eingänge hinzu 
kommen. Aber warum es diese Höherentwicklung in 
vielen primitiven Kulturen nicht gibt, das heißt doch 
wohl wirklich mehr fragen, als die Wissenschaft je wird be 
antworten können — wenigstens nicht generell, während 
natürlich die Möglichkeit besteht, in Einzelfällen die 
besonderen Gründe aufzuzeigen oder doch wahrscheinlich 
zu machen, warum diese oder jene aus anderen Kul 
turen bekannte Weiterentwicklung nicht eingetreten ist. 
— Dieselbe Umkehrung der Fragestellung gilt für die 
Merkmale der Einräumigkeit und des Übergewichtes 
des Daches. 
Für S. genügt es nicht, Form aus Form herzuleiten, und 
die möglichen Einflüsse von Baumaterial und Gesamt 
kultur auf die Bauformen zu untersuchen, wie das sonst 
in der Ethnologie und ebenso in baukunstgeschichtlichen 
Untersuchungen üblich ist: er glaubt, das „Urbild der 
geschlossenen Bauform“ suchen zu müssen, von dem sich 
der primitive Baustil immer habe leiten lassen. Als 
Grundlage für die technische Weiterbildung, wieder 
holt S. noch einmal, sei zwar der Wetterschirm anzu 
sehen. „Aber es ist deshalb nicht richtig, in ihm auch die 
ästhetische Grundform zu sehen. Denn sein Wesen 
besteht gegenüber der Höhle in seiner Offenheit (aber 
nur solange er einzeln steht! P. K.), während das Wesen 
der Höhle gerade die Geschlossenheit, Einräumigkeit 
und der Wert der Bedachung ausmachen. . . . Von An 
fang an scheint ein Wettstreit zwischen Höhle und 
Wetterschirm bestanden zu haben. . .. Daß das ästhe 
tische Übergewicht dem weiterwirkenden Gefühl des 
Höhlenhaften zu eigen ist, zeigt sich in jenen drei von 
uns aufgewiesenen Kennzeichen der naturvölkischen 
Bauweise... . Kennzeichen, die ebenso der Höhle zu 
eigen sind.“ Und einige Zeilen weiter heißt es bereits 
apodiktisch: „das ästhetische Urbild der primi 
tiven Raumformung ist in der Tat die Höhle.“ 
(S. 68.) 
Man weiß schon im voraus, wie es nun weiter geht: 
jetzt braucht nur noch gezeigt zu werden, daß die Höhle 
ein sexuelles Symbol ist, und wir haben die gesuchte 
Grundlage für die angebliche „Übergewalt des Höhlen 
gefühls.“ (S. 73.) Dies Schlußstück der seltsamen Ge 
dankenkette sieht so aus: Stadt und Kiste sind nach 
Freud und Jung Symbol des Mutterleibes. „Zwischen 
Kiste und Stadt steht das Haus als solches in seiner 
Isoliertheit. Muß man beide Extreme als Weib-Symbole 
und speziell als Mutter-Symbole deuten, so wird man 
nicht fehl gehen, auch in der vermittelnden Vorstellung 
die gleiche Tendenz wirksam zu finden.“ (S. 71.) Mit 
anderen Worten; „Am Anfang aller eigentlichenBaukunst, 
die erst nach dem Gebrauch und der Überwindung des 
Wetterschirmes einsetzt,“ steht die Kuppelhütte (bzw. 
das Kuppelzelt), die „in ihrer einfachsten Form die pri 
mitive Baugesinnung am reinsten ausdrückt, und die 
„Art dieses Beginns besteht lediglich in der Reproduk 
tion der Mutterleibshöhlung“!! (S. 73.) 
Die „wahrscheinlichste Entwicklungsreihe der primiti 
ven Plastik“ ist nach S. folgende; „Zuerst der Pfahl, dann 
unter dem Einfluß des Ahnenkultes die andeutungsweise 
Beschnitzung des I fahles, endlich die Ganzfigur in ihrer 
Selbständigkeit.“ „Die Grundform des Pfahles wird auch 
von der entwickelten Kunst in ihren Grundzügen bei 
behalten.“ „Das plastische Urbild, von dem die 
primitive Skulptur immer ausgeht, und von dem sie sich 
nicht befreit, ist die walzenförmige Gestalt, 
kegelförmig oder rund oben endend. Aus ihm entwickelt 
sich die naturvölkische Plastik mit ihren drei Merkmalen: 
der Blockeinheit, Übermächtigkeit des Kopfes 
und der Tendenz zur Einfigürlichkeit.“ (S. 96 
bis 97). „Wo ist die erotische Zone zu suchen, in welcher 
der plastisch sich äußernde Instinkt der Naturvölker 
wurzelt?“ Oder anders formuliert; „Welche Bedeutung 
symbolischer Art hat die Gestalt des Pfahles gemäß den 
Befunden der psychoanalytischen Forschungen ?“ (S. 98 
bis 99). „Wir können angesichts der zusammenstimmen- 
den Zeugnisse der mythologischen und der Traum- 
Symbolik sagen, daß der Pfahl und pfahlähnliche Ge 
bilde das männliche Geschlechtsglied bedeuten. Die 
erogene Zone, die in der Plastik der Natur 
völker sich ausspricht und projiziert, ist dem 
nach der Phallus. Es fragt sich nun, ob und inwie 
fern die dreifache Gesetzlichkeit der plastischen Struk 
tur sich aus dieser Grundkonzeption ableiten läßt. 
Die beiden Bestimmungen der Blockeinheit 
und der Einfigürlichkeit lassen sich ohne 
weiteres aus der Abhängigkeit der Plastik vom 
organischen Vorbild entnehmen und folgern,— 
sie bedürfen keiner weitere Erläuterung“!! 
(S. 101.) Etwas mysteriös sind die folgenden Sätze: 
„Besonders drastisch spricht sich der Einfluß des phal- 
lischen Elementes in der statischen Symmetrie der Fi 
guration aus. Eine Mittellinie zieht sich vom Scheitel über 
Nase — Mund — Kinn - - Brustmitte — Nabel bis 
zum Geschlechtsorgan; auf beiden Seiten regen sich 
die Formkräfte in durchaus analoger Art. Die Gleich 
wertigkeit der beiden Seiten, Körperhälften wird durch 
genaue Gegenseitigkeit der Kraftimpulse und ihrer 
figürlichen Symbole erreicht.“ „Problematisch kann allein 
die Übersteigung der Größe des Kopfes anmuten. Aber 
auch diese frappierende Eigentümlichkeit wird aus dem 
Bilde des aufgerichteten Phallus als erogen fundiert klar. 
Denn dann zeigt sich, daß die Eichel unverhältnismäßig 
groß ist gegenüber dem Gliede als solchem. DasGrößen- 
verhältnis von Eichel und Glied entspricht 
genau jener Übergröße des Kopfes primitiver 
Figuren! Jetzt wird auch klar, weshalb die Masken 
kostüme einen so außerordentlichen Wert auf 
die Maske selbst legen, — in ihr drängt sich alle 
Wichtigkeit zusammen, weil sie das Symbol des
	        
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