A . Ecker : Das europäische Wildpferd und
seiner weit höhern Intelligenz ganz in den Dienst des Men - schen trat , diesem eine durch ihn ganz verwendbare Macht zugeführt , wie kein anderes Thier . Ist die Mission des erstem eine ausschließlich friedliche , indem es „ emollit res " , so fällt dagegen in die Domäne des mnthigen Pferdes auch der Krieg ; sagt doch von ihm schou der Sänger des Buches Hiob : „ Es spottet der Furcht und erschrickt und fliehet vor dem Schwert nicht , wenngleich wider dasselbe klinget der Köcher und glänzet Beides , Spieß und Lanze ; es zittert und tobet und scharret die Erde und achtet nicht der Trompete Schall . Es wiehert und riecht den Streit von ferne , das Schreien der Fürsten und das Jauchzen . "
Durch seinen wunderbaren Bau ist es in der That die vollendetste lebendige Bewegungsmaschine , die es giebt , und war auch von dem Menschen als solche , bis sie durch die Dampfkraft theilweife abgelöst wurde , iu so hervorragender Weise verwendet , daß man heute noch die Leistungen der letztern in Einheiten von Pferdekräften ausdrückt . Und dieses Thier ist mit seinem Verstand , seiner Gelehrigkeit und Erziehbarkeit , seinem Gehorsam dem Menschen in einer Weise dienstbar geworden wie kein anderes , so sehr , daß es den Willen des Menschen fast unmittelbar zum Ausdruck zu brin - gen vermag , daß es in der That fast eins wird mit seinem Herrn . Das alles tritt schon recht klar zu Tage , wenn wir z . B . eiuen vollendeten Kunstreiter betrachten , der ein Pferd edler Race in der sogenannten hohen Schule reitet . Der Gedanke , kaum in dem Hirn des Reiters gedacht , wird That in den Bewegungen des Pferdes . Ja es fühlt gewissermaßen die Intentionen seines Gebieters voraus und folgt . ihnen , ehe sie befohlen sind , und Roß und Reiter verschmelzen der - gestalt in Eins , daß man oft kaum zu sagen weiß , ob der Reiter mehr das Roß oder dieses mehr den Reiter erziehe * ) . Das gestimmte Muskelsystem des Thieres hat sich der Reiter zu eigen gemacht und schaltet mit dessen Gliedmaßen wie mit seinen eigenen .
Eine gewaltige Kraft ist damit in seinen Dienst getreten und es ist sehr natürlich , daß auch das Bewußtsein dieser Kraft den Reiter erfüllt . Wer einmal in seinem Leben auf einem guten Pferde über die Ebene dahingejagt ist , hat wohl dieses stolze Gefühl einer ihm neuzugewachsenen Kraft , ein wahres Herrschaftsgefühl , empfunden . — In seiner Weise hat auch Mephisto dieser Empfindung Ausdruck verliehen , wenn er sagt : „ Wenn ich sechs Hengste zahlen kann , sind ihre Kräfte nicht auch meine ? Ich renne zu uud bin ein rechter Mann als Hütt' ich 24 Beine . " Etwas von diesem Herrschaftsgefühl verbleibt auch dem Reiter , wenn er herab - gestiegen : der Cavallerist ist stolz und pflegt mit einiger Geringschätzung auf diejenigen herabzusehen , denen nur ein einziges Muskelsystem dienstbar ist , während er über deren Zwei gebietet .
Diese Einheit von Roß und Reiter muß aber selbstver - ständlich eine noch viel innigere werden , wenn Generationen
x ) Diese letztere Aeußerung rührt von Goethe her , der sich w folgender Weise ausspricht : „ Das Pferd steht als Thier sehr hoch , doch seine bedeutende weitreichende Intelligenz wird auf eine wundersame Weise durch gebundene Extremitäten beschränkt , ^in Geschöpf , das bei so bedeutenden , ja großen Eigenschaften stch nur im Treten , Laufen und Rennen zu äußern vermag , ist r * ^^mer Gegenstand für die Betrachtung , ja man Uberzeugt stch beinahe , daß es nur zum Organ des Menschen geschaffen w gestellt zu hohem : Sinn und Zweck , das Mächtigste wie oas Anmuthigste bis zum Unmöglichen auszuführen . Warum denn auch eine Reitbahn so wohlthätig auf den Verständigen daß man hier , vielleicht einzig in der Welt , die zweck - madige Beschränkung der That , Verbannung aller Willkür , ja sm lufaII§ mit Augen schaut und mit dem Geiste begreift . , ^ " 'chen und Thiere verschmelzen hier dergestalt in Eins , daß an mcht zu sagen weiß , wer denn eigentlich den andern erzieht . " Globus XXXIV . Nr . 1 .
essen Beziehungen zum domesticirten Pferd . 9
hindurch Jedermann , Mann und Weib , von frühester Jugend an stets zu Pferde sitzt uud dasselbe fast nie verläßt . Die alten Schriftsteller erzählen uns von dem Reitervolk der Seythen , daß sie so zu sagen nur auf ihren Pferden und Wagen lebten , und von den Hunnen erzählt Ammiauus Marcellinns , daß sie Tag und Nacht zu Pferd waren , auf diesen ihren Geschäften oblagen , kauften und verkauften , aßen und tranken und auf den Hals ihrer Thiere geneigt schliefen . Zu Fuß bewegten sie sich so ungeschickt , daß wir bei einigen alten Schriftstellern den Namen der Apodes , d . h . der „ Fuß - losen " , für sie angewendet finden . „ Und noch jetzt , " bemerkt Hehn i ) mit Recht , „ ist die Existenz der asiatischen Steppen - Völker an die des Pferdes gebunden ; der Mongole hält es für eine Schande , zu Fuße zu gehen , sitzt stets zu Rosse , bewegt sich und steht auf der Erde , als wäre er in ein frem - des Element versetzt . Ehe der kleine Knabe noch gehen kann , wird er anf das Pferd gehoben und klammert sich an die Mähne ; so wächst er im Verlauf der Jahre auf dem Rücken des Thieres auf und wird zuletzt eins mit ihm . " Es ist begreiflich , daß der Eindruck solcher Reitervölker , wenn sie in ungezählten Scharen , einem kosmischen Ereignisse gleich , wie es Schessel in seinem Ekkehard so tresslich schildert , in ein Land friedlicher Ackerbauer und Hirten einbrachen , ein über - wältigender fein mußte , und naheliegend , daß die geängstigte Phantasie den Eindruck dieses Verschmolzenseins von Roß und Reiter in Form von Fabeln und Sagen zum Ausdruck brachte . So ist wohl nicht zu bezweifeln , daß die Sage von den Centauren , den fabelhaften Wesen , halb Roß , halb Mensch , der Erinnerung an den ersten Einbruch solcher wil - der , immer auf den Pferden hängender kriegerischer Reiter - Völker in Thessalien ihre Entstehung verdankt , und ganz der - selben Sage wie in Griechenland begegnen wir auch in Italien und selbst in Indien . Diese Centaurensage ist aber für den Anthropologen deshalb von Wichtigkeit , weil sie uns Winke geben kann über die Länder , in welchen das Pferd zuerst domesticirt worden ist , und so vielleicht auch über die Urheimath desselben und die Wege , die es bei seiner Aus - breitung gegangen ; denn daß diese Sage bei Völkern ent - standen ist , denen das Pferd — wenigstens das gezähmte , domesticirte Pferd — noch ganz unbekannt war und die es nun zum ersten Mal und wie eins mit dem Menschen erblickten , ist in hohem Grade wahrscheinlich .
Es ist nun äußerst interessant und spricht sehr für die Richtigkeit der eben ausgesprochenen Ansicht über die Ent - stehnng der Centaurensage , daß sich in einer verhältnißmäßig neuen Zeit , bei einem ganz andern Volk , ja in einem ganz andern Welttheil , eine ganz ähnliche Centaurenfabel entwickelt hat . Daß es in Amerika vor Ankunft der Spanier keine Pferde gab , ist bekannt , und wir werden später noch daraus zurückkommen . Als die Mexicaner nun zum ersten Mal die spanischen Reiter erblickten , hielten sie dieselben für Unge - Heuer , halb Thier , halb Mensch , wurden von Entsetzen erfaßt , ergriffen die Flucht und verschafften so den Spaniern den bis dahin ziemlich zweifelhaft gewesenen Sieg . Presco tt^ ) , der treffliche Geschichtsschreiber der Eroberung von Mexico durch die Spanier , erzählt diese Geschichte wie folgt . Nach - dem Ferd . Cortez 1519 von der Mündung des Flusses Ta - basco in das Innere eingedrungen war , erfuhr er alsbald , daß die Indianer ringsum im Aufstand seien . Er mochte es nun wohl bereuen , daß er sich so weit vorgewagt , es blieb ihm aber jetzt kein anderer Weg übrig als vorwärtszugehen
1 ) Hehn , Culturpflanzen und Hausthiere . Zweite Auflage . Berlin 1874 , S . 21 .
2 ) Prescott , Geschichte der Eroberung von Mexico . Aus dem Englischen . Leipzig . Brockhaus 1845 . Band I , S . 226 und 227 .
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