Volltext: Am Ur-Quell, 4/6.1893/96

VI. B. 
VI./V1I. II. 
AM UR- QUELL. 
MONATSCHRIFT FÜR VOLKSKUNDE. 
Herausgegeben 
von 
Friedrich S. Kraus s. 
„Das Volkstum ist der Völker Jungbrunnen.“ 
i. Menschenopfer in Serbien. 
Von Friedrich S. Krauss. 
In unserer Zeitschrift Bel. III, S. 20 f. stand ein Bericht über 
die am 81. März 1892 erfolgte Ermordung des Schatzgräbers 
Radul ovie durch seinen Genossen Konstantinovie. 
Die Erzählung von diesem Fall machte die Runde durch die 
gesamte europäische Presse. Sie findet sich auch bei H. L. Strack 
in seinem Werke „Der Blutaberglaube in der Menschheit, Blutmorde 
und Blutritus“, München 1892, S. 55 ff., verzeichnet. Die Litteratur 
über Menschenopfer und Blutritus giebt Strack auf S. 67 an, doch 
auf die spezielle Art des Menschenopfers, dessen Grundursachen und 
Formen, unter denen sich obgedachter Fall abgespielt hat, geht 
Strack in seinem Werke nicht ein. Diese bedeutsame und wichtige 
Arbeit hat erst ein serbischer Gelehrte in Belgrad, Professor Dr. 
Milan R. Vesnic, vor kurzem geleistet, sagen wir gleich in ausge 
zeichneter Weise vom Standpunkte vergleichender Rechtsforschung 
und Volkskunde. Seine Schrift führt den Titel: Praznoverice i zlocini 
s narocitim pogledom na praznovericu o zakopanom blagu (Köhler 
glaube und Verbrechen mit besonderer Berücksichtigung des Köhler 
glaubens vom vergrabenen Schatze. Belgrad 1894, 62 S., Kl. 8 °). 
Das Schwergewicht dieser Studie beruht für den deutschen 
Folkloristen in den neuen Erhebungen Professor Vesnics, der zur 
Beleuchtung der einen Begebenheit mit Erfolg eine Umfrage im 
serbischen Sprachgebiet von der Adria bis tief nach Bulgarien ver 
anstaltet hat und deren Ergebnisse hier mitteilt. Eine Analyse 
solcher Erscheinungen des besonderen südslavischen Volksglaubens 
liefert ausführlicher als Vesnics Untersuchung mein Buch über Volks 
glauben und religiösen Brauch der Südslaven (Münster 1890) in 
seinen zwei Schlusskapiteln (Grab- und Totenfetische; Opfer und 
Opferdivination, S. 133—170). 
Ilija Konstantinovic brachte sich an dem Orte, wo der angeb 
liche Schatz vergraben ist, selber zum Opfer dar, und zwar in der 
deutlich ausgesprochenen Absicht, durch sein Blut den Erdgeist, den 
Schatzbehüter, zu versöhnen. Das Menschenopfer stellt sich hier 
also sowohl als ein Sühn- wie als ein Ablösungsopfer dar. Blut ist 
10
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.