Volltext: Am Ur-Quell, 4/6.1893/96

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AM UR-QUELL. 
Herausgegeben 
von 
Friedrich S. Krauss. 
„Das Volktum ist der Völker Jungbrunnen.“ 
V. B. IV. lift. Bezugpreis ganzjährig: 4M. = 5 Kronen. 1894. 
i. Zur Polyphem-Sage. 
Von A. Wiedeman n in Bonn. 
Ein gutes Beispiel für clie Wandlungen, welche die Volksage 
unter dem Einflüsse veränderter Anschauungen und besonders dem 
litterarisch gebildeter Bearbeiter durchlebt, gewährt die Erzählung 
von Polyphem. In dem alten Schiffermärchen, wie es Homer, Odyssee 
IX. 105 ff. berichtet, ist der Cyklop der Vertreter roher Unkultur; 
er lebt ohne Ackerbau, nur mit Viehzucht beschäftigt, und nährt 
sich gern von dem Fleische reisender, bei ihm an das Land steigender 
Menschen. Mit der wachsenden Kultur des griechischen Volkes wird 
auch Polyphem gebildeter. Als bei den Dichtern, besonders der 
alexandrinischen Periode, die Schwärmerei für das Landleben und den 
sich schön gebildet ausdrückenden Hirten Sitte wurde, wirkte dies 
auch auf die Darstellung des Cyklopen ein. Zwar blieb er ein Tölpel, 
aber weichere Gefühle begannen sein Herz zu erfüllen; er verliebt 
sich in Galathea. Bei den ältern Autoren freilich ohne Erfolg, er 
erntet bei der schönen und gewandten Nymphe nur Hohn und Spott. 
Doch auch dieses ändert sich. Bei den Schriftstellern der beginnenden 
römischen Kaiserzeit gelingt es ihm, Galathea milder zu stimmen, 
und ist er nur noch ein anfangs etwas ungeschickter, dann aber von 
Gegenliebe beglückter Hirte. Diese Civilisirung des Polyphem spielt 
sich nicht nur in der Litteratur, sondern auch in der bildenden 
Kunst ab, und dies geht so weit, dass man ihn, obwohl man theore 
tisch dauernd an der durch Homer verbürgten Einäugigkeit festhielt, 
mit zwei Augen darstellte, da ein Auge unnatürlich und hässlich 
erschienen wäre 1 ). 
l ) Litteraturangaben am besten bei Sauer, Der Torso von Belvedere. 
Giessen 1894.
	        
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