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Vom Büchertische.
Die „Bayreuther Blätter“ (Monatschr. hersg. v. Wolzogen) enthalten in Heft
8—9 des laufenden Jahrgangs einen von Dr. W. (iolther verfassten Aufsatz (S.
307—319), der für alle Sagenforscher des Stoffes und seiner sorgfältigen Behandlung
Avegen von grossem Belange ist. „Der fliegende Holländer“ ist der Vorwurf
der G.’schen Ausführungen, die sich die Aufgabe stellen, der Sage in allen erreich
baren Formen nachzugehen und das hierüber Veröffentlichte übersichtlich zu ver
einigen. In letzterer Hinsicht ist zu bemerken, dass, so oft auch das Kapitel des
Seemannglaubens zusammenfassend oder unter Hervorkehrung einzelner Punkte
bearbeitet worden ist, gerade die Sage vom fliegenden Holländer nur selten wissen
schaftlicher Erörterung unterzogen wurde. Verhältnismässig die grösste Förderung
scheint Golther Gaidoz’ und Rolland’s Untersuchungen in der „Melusine“ zu ver
danken, die ja überhaupt der Volkkunde die wertvollsten Dienste geleistet hat
und leistet. — Nachdem der „Ur-Quell“ durch Umfragen schon wiederholt schätz
bares Material beigeschafft hat, regen vielleicht auch diese Zeilen zu Ergänzungen
der Golther’schen Sammlung an. (Vgl. auch Ur-Quell IV, S. 134 f.) Der Verf.
hat nicht nur die verschiedenen Gestaltungen der Sage selbst gewürdigt, sondern
auch die allgemeineren Ueberlieferungen vom Gespenster- und Totenschiffe heran
gezogen, um so für das Motiv des fliegenden Holländers einer natürlicheren und
besser begründeten Erklärung die Wege zu ebnen. Man wird sicherlich G. bei-
pflicliten, wenn er in den tatsächlich bezeugten Luftspiegelungen die Entstehung
des Glaubens an Gespensterschifte vermutet und den fliegenden Holländer als eine
besondere Form des Flugschiffes auffasst, welche im 17. und 18. Jli. wahrschein
lich der echten Volkkunde angehörte, aber nur durch Vermittlung der Kunst
dichtung oder in wenig verlässigen Aufzeichnungen des 19 Jh. uns überkam (S.
317 f.) — Interessant sind übrigens auch die Mitteilungen Golthers über die Be
ziehungen, die Richard Wagner mit Heine unterhielt, als er daran ging, seine
herrliche Oper auf dem dankbaren Stoffe aufzubauen. L. S.
Bartels, Max: Die Medizin der Naturvölker. Ethnologische Beiträge zur Ur
geschichte der Medizin. Mit 175 Original-Holzschnitten im Text. Leipzig, Th.
Griebens Verlag (L. Fernau) 1893. Es scheint, als ob in neuester Zeit das Ver
ständnis für die hohen weittragenden Ziele der Völkerkunde immer grössere Kreise
durchdringt, so dass diese Wissenschaft ihr praktisches Bürgerrecht in unserer
modernen Bildung wohl erlangt haben dürfte. Der Bildungbegriff verschiebt sich
leise und unmerklich und die Humaniora, die bislang für uns nur in der bekannten
klassischen Perspektive geleuchtet haben, erhalten eine ganz abweichende Begründung
und Färbung. Mit diesem Studium der Menschheitgeschichte, wie es für frühere
Epochen nur in dunklen, dämmerhaften Umrissen und nicht selten in einer blos
spekulativen und deshalb unzuverlässigen Fassung existieren konnte, geht seit einigen
Jahren, eine ebenso intensive wissenschaftliche Pflege der Volkkunde Hand in
Hand, die es unter Ausschluss des internationalen, kosmopolitischen Charakters der
Ethnologie auf die getreue Beobachtung und psychologische Deutung der besonderen
Bräuche und Anschauungen anlegt, die sic gerade innerhalb eines bestimmten
historio-geographischen Areals sammelt. Auf einer solchen Basis steht das vor
liegende Werk von Sanitätsrat Dr. Bartels in Berlin, des bekannten Umarbeiters
der Untersuchungen von Ploss, nur dass diesmal sich nach der ganzen Sachlage
der Begriff der Kultur- und Naturvölker deckt, die ja überhaupt nicht mit einem
Schnitt so reinlich getrennt werden können, wie man sich mitunter einbildet. Die
Anfänge der Arzneilehre und der ärztlichen Kunst überhaupt sind für jedes Stadium
der Gesittung dieselben, und selbst bis in unsere hochgelobte Gegenwart hinein
ragen noch manche uralte Ueberlebsel, die längst verschwundenen und geistig auch
überwundenen Strömungen angehören. Man braucht, um das zu verstehen, gar
nicht einmal an den wüsten Mummenschanz zu denken, den in unserem „naturwissen
schaftlichen“ Zeitalter Mysticismus und Spiritismus unter lebhafter Beteiligung
des gebildeten und ungebildeten Publikums aufführen. Umgekehrt lässt sich das
selbe Ergebnis erzielen, wenn man die ärztliche Praxis betrachtet, wie sie die
Naturvölker betrieben. Meistens fertigt man sie mit dem unbedachtsamen Aus
druck ab, dass sie aus blossem Lug und Trug bestehe, Taschenspielerkunststücken,