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Volltext: Am Ur-Quell, 4/6.1893/96

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Vom Büchertische. 
Die „Bayreuther Blätter“ (Monatschr. hersg. v. Wolzogen) enthalten in Heft 
8—9 des laufenden Jahrgangs einen von Dr. W. (iolther verfassten Aufsatz (S. 
307—319), der für alle Sagenforscher des Stoffes und seiner sorgfältigen Behandlung 
Avegen von grossem Belange ist. „Der fliegende Holländer“ ist der Vorwurf 
der G.’schen Ausführungen, die sich die Aufgabe stellen, der Sage in allen erreich 
baren Formen nachzugehen und das hierüber Veröffentlichte übersichtlich zu ver 
einigen. In letzterer Hinsicht ist zu bemerken, dass, so oft auch das Kapitel des 
Seemannglaubens zusammenfassend oder unter Hervorkehrung einzelner Punkte 
bearbeitet worden ist, gerade die Sage vom fliegenden Holländer nur selten wissen 
schaftlicher Erörterung unterzogen wurde. Verhältnismässig die grösste Förderung 
scheint Golther Gaidoz’ und Rolland’s Untersuchungen in der „Melusine“ zu ver 
danken, die ja überhaupt der Volkkunde die wertvollsten Dienste geleistet hat 
und leistet. — Nachdem der „Ur-Quell“ durch Umfragen schon wiederholt schätz 
bares Material beigeschafft hat, regen vielleicht auch diese Zeilen zu Ergänzungen 
der Golther’schen Sammlung an. (Vgl. auch Ur-Quell IV, S. 134 f.) Der Verf. 
hat nicht nur die verschiedenen Gestaltungen der Sage selbst gewürdigt, sondern 
auch die allgemeineren Ueberlieferungen vom Gespenster- und Totenschiffe heran 
gezogen, um so für das Motiv des fliegenden Holländers einer natürlicheren und 
besser begründeten Erklärung die Wege zu ebnen. Man wird sicherlich G. bei- 
pflicliten, wenn er in den tatsächlich bezeugten Luftspiegelungen die Entstehung 
des Glaubens an Gespensterschifte vermutet und den fliegenden Holländer als eine 
besondere Form des Flugschiffes auffasst, welche im 17. und 18. Jli. wahrschein 
lich der echten Volkkunde angehörte, aber nur durch Vermittlung der Kunst 
dichtung oder in wenig verlässigen Aufzeichnungen des 19 Jh. uns überkam (S. 
317 f.) — Interessant sind übrigens auch die Mitteilungen Golthers über die Be 
ziehungen, die Richard Wagner mit Heine unterhielt, als er daran ging, seine 
herrliche Oper auf dem dankbaren Stoffe aufzubauen. L. S. 
Bartels, Max: Die Medizin der Naturvölker. Ethnologische Beiträge zur Ur 
geschichte der Medizin. Mit 175 Original-Holzschnitten im Text. Leipzig, Th. 
Griebens Verlag (L. Fernau) 1893. Es scheint, als ob in neuester Zeit das Ver 
ständnis für die hohen weittragenden Ziele der Völkerkunde immer grössere Kreise 
durchdringt, so dass diese Wissenschaft ihr praktisches Bürgerrecht in unserer 
modernen Bildung wohl erlangt haben dürfte. Der Bildungbegriff verschiebt sich 
leise und unmerklich und die Humaniora, die bislang für uns nur in der bekannten 
klassischen Perspektive geleuchtet haben, erhalten eine ganz abweichende Begründung 
und Färbung. Mit diesem Studium der Menschheitgeschichte, wie es für frühere 
Epochen nur in dunklen, dämmerhaften Umrissen und nicht selten in einer blos 
spekulativen und deshalb unzuverlässigen Fassung existieren konnte, geht seit einigen 
Jahren, eine ebenso intensive wissenschaftliche Pflege der Volkkunde Hand in 
Hand, die es unter Ausschluss des internationalen, kosmopolitischen Charakters der 
Ethnologie auf die getreue Beobachtung und psychologische Deutung der besonderen 
Bräuche und Anschauungen anlegt, die sic gerade innerhalb eines bestimmten 
historio-geographischen Areals sammelt. Auf einer solchen Basis steht das vor 
liegende Werk von Sanitätsrat Dr. Bartels in Berlin, des bekannten Umarbeiters 
der Untersuchungen von Ploss, nur dass diesmal sich nach der ganzen Sachlage 
der Begriff der Kultur- und Naturvölker deckt, die ja überhaupt nicht mit einem 
Schnitt so reinlich getrennt werden können, wie man sich mitunter einbildet. Die 
Anfänge der Arzneilehre und der ärztlichen Kunst überhaupt sind für jedes Stadium 
der Gesittung dieselben, und selbst bis in unsere hochgelobte Gegenwart hinein 
ragen noch manche uralte Ueberlebsel, die längst verschwundenen und geistig auch 
überwundenen Strömungen angehören. Man braucht, um das zu verstehen, gar 
nicht einmal an den wüsten Mummenschanz zu denken, den in unserem „naturwissen 
schaftlichen“ Zeitalter Mysticismus und Spiritismus unter lebhafter Beteiligung 
des gebildeten und ungebildeten Publikums aufführen. Umgekehrt lässt sich das 
selbe Ergebnis erzielen, wenn man die ärztliche Praxis betrachtet, wie sie die 
Naturvölker betrieben. Meistens fertigt man sie mit dem unbedachtsamen Aus 
druck ab, dass sie aus blossem Lug und Trug bestehe, Taschenspielerkunststücken,
	        
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