Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

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A. Origmalarbeit. 
Gruppe I 
II 
III 
IV 
Stadt 
4 
3,8 
3,27 
3,5 
Land 
4,13 
4,1 
3,93 
3,82 
Wir finden hiernach für die besseren Stände einen nicht unbe 
deutenden Überschuss zu Gunsten des Landes; für die Armen sind 
die Zahlen fast gleich. Somit müssen die ländlichen Familien, soweit 
sie wohlhabend sind, sich schneller vermehren, als die städtischen. 
Ein ungünstiger Einfluss der Städte wäre demnach nachgewiesen. 
Berechnet man den Durchschnitt für die 4685 Landehen und die 
4758 Stadtehen, dann stellt sich heraus, dass auf dem Lande 4,08 
Kinder pro Familie das 5. Lebensjahr erreichen und in der Stadt 3,86; 
bei 100000 Ehen würde man also einen Unterschied von 22000 
Menschen in etwa 20 Jahren zu Gunsten des Landes konstatieren 
können, und zwar nicht etwa wegen grösserer Fruchtbarkeit der 
Landleute, sondern wegen der grösseren Mortalität in der Stadt. 
Man beachte weiter, dass die Unterschiede zwischen den Ständen 
auf dem Lande geringer sind als in der Stadt. Weiter kann ich 
hinzufügen, dass die Kinder der kinderreichen Ehen auch auf dem 
Lande bei allen Ständen eine schlechtere Lebensaussicht haben, als 
Kinder aus weniger fruchtbaren Ehen. 
Der gefundene Unterschied zwischen Stadt und Land ist nicht 
zu erklären durch das Alter, in dem die Ehen geschlossen werden, 
denn die Frauen heiraten auf dem Lande in demselben Alter wie in 
der Stadt, und merkwürdiger Weise heiraten die Männer sogar später 
als in der Stadt,*) denn in letzterer heiraten 71 % vor dem 30. Lebens 
jahr, auf dem Lande hingegen nur 57,44%. Das sind also 14% 
zu Gunsten der Stadt, während der Unterschied zwischen den ver 
schiedenen Ständen in der Stadt nur 8% betrug. Deshalb darf man 
den Schluss machen, dass die geringere Fruchtbarkeit der wohl 
habenden Klasse in der Stadt nicht durch das Faktum erklärt werden 
kann, dass die Männer aus besseren Ständen etwas später heiraten. 
— Ich bin überzeugt, dass auf dem Land und in der Stadt die 
besseren Stände nur darum weniger Kinder haben, weil sie weniger 
Kinder wünschen. Da eine zunehmende Kinderzahl nicht als Ver 
mehrung der Arbeitskraft gelten kann, wird man weniger Kinder 
wünschen. Dies gilt besonders für die wohlhabenden Familien, bei 
denen die Kinder nur Geld kosten, ohne durch ihre Arbeit den Wohl- 
1) Die Männer der verschiedenen Stände auf dem Lande zeigen in Bezug 
auf das Alter der Eheschliessung dieselben Unterschiede wie in der Stadt.
        

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