Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

A. Originalarbeiten. 
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Vielleicht noch mehr als die Gestalt der Idun ist die Gestalt 
der zaubermächtigen Königin im Märchen von Schneewittchen, die 
von einem Spiegel, der „die Wahrheit sagte“, sich Rede und Ant 
wort stehen Hess, ein Zeugnis dessen, dass der Germane in alter 
Zeit von besonderer Kraft und Bedeutung des Spiegels wusste. 
Nicht minder beachtenswert erscheinen die dem Deutschen — wohl 
seit uralters — so geläufigen Worte „Vorspiegelung, Tugendspiegel, 
Fürstenspiegel, Sachsenspiegel, Schwabenspiegel“, und ausserdem 
treten verschiedene Berichte, die Grimm zu erstatten weiss, für 
die verschwundene Geltung unseres Putzgerätes ein. In Thüringen 
kann man das böse Gespenst, den Binsenschneider, umbringen, wenn 
man sich, mit einem Spiegel an der Brust, zu Johannis oder Trini 
tatis, um die Zeit, wo die Sonne am höchsten steht, auf einen Ho 
lunderstrauch setzt; kommt dann der Binsenschneider und sieht sein 
Bild im Spiegel, so muss er sterben. 1 ) Während der Lithauer sagt: 
„es ist nicht gut,“ eine Leiche so aufzubahren, dass sie im Spiegel 
zu sehen ist; denn der Tote steht auf und beschaut sich im Spiegel 1 2 ) 
— meint der Germane, dass ein Kind, welches noch nicht sprechen 
kann, durchaus nicht in einen Spiegel sehen dürfe; „es ist nicht 
gut.“ 3 ) Und der Germane ist es auch, der die merkwürdigste aller 
Spiegelsagen aufbewahrt hat, eine Tradition, die den Spiegel aufs 
deutlichste mit dem Fürsten der Magie in Verbindung setzt: „Wer 
nachts in einen Spiegel schaut, schaut den Teufel darin.“ 4 ) 
III. 
Stadt und Land II. 
Genealogie und Anthropologie. 
Von Dr. J. H. F. Kohlbrugge-Sidhoardjo (Java). 
Im ersten Heft des sechsten Jahrgangs brachte ich unter obigem 
Titel eine Anzahl Betrachtungen nach historisch-genealogischen That- 
sachen, aus denen meiner Überzeugung nach hervorging, dass das 
Stadtleben nicht einen so schlechten Einfluss auf seine Bewohner 
ausübt, wie manche Forscher heutigen Tags annehmen. Soweit mir 
bekannt geworden ist, wurde diese Deutung bisher noch nicht be 
stritten, doch erhielt ich ein Schreiben von einem befreundeten 
1) Grimm, Deutsche Mythologie. Göttingen 1835. S. 629. 
2) ebenda „Aberglaube“ CXXV. 
3) ebenda CLX. 
4) ebenda LXXI.
        

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