Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

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ß. Referate. Ethnologie. 
Die flexivischen Sprachen streben, in fortschrittlicher Tendenz, mehr und 
mehr danach, die Wortstellung für grammatische Zwecke nutzbar zu machen. 
Ersatz der Flexion durch Wortstellung ist der Sieg geistiger Mittel über materielle. 
Das Englische ist anerkannter Maassen unter den indogermanischen 
Sprachen zur höchten Stufe der Entwicklung gelangt. Einmal vor vier 
tausend Jahren mag aber der Chinese der höchste geistige Typus der 
Menschheit gewesen sein und dem entspricht seine Sprachentwickelung. 
„Unsere Sprachen werden dank der Lautschrift wohl nie mehr so weit 
kommen, wie das Chinesische schon damals war.“ 
Was die gesamte Sprachentwickelung anbetrifft, so ist das Chinesische 
durchaus nicht eine primitive Sprache. Gewiss gab es aber einen isolierenden 
Stand einer Sprache, wie es z. B. etwa das Araukanische darstellen würde, 
wenn wir die Kombinationen mit den untergeordneten Pronominalendungen 
und den eingeschobenen untergeordneten Hilfsverben hinwegdenken. Gewiss 
wäre eine solche Sprache nur ein höchst mangelhaftes Mittel des Gedanken 
ausdrucks, aber es ist gang unmöglich, an die erste Sprachform der Menschheit 
Anforderungen zu stellen, wie wir sie bei den existierenden Sprachen er 
füllt zu sehen gewohnt sind. Die Sprachen der Menschen (denn Sprach- 
bildung ist an verschiedenen Stellen der Erde unabhängig geschehen) haben 
sich zugleich mit dem Denken entwickelt. 
Auf dem angedeuteten Zustand der Isolation steht aber z. Z. keine 
einzige Sprache mehr. „Denn der Mensch, auch auf der niedrigsten uns 
bekannten Kulturstufe, sei es Papua oder Feuerländer, ist überall über den 
Zustand des unklaren Denkens und demgemäss über den Zustand des un 
klaren Sprechens mit einer Sprache, die zwar Sinnwörter (oder Sinnwurzeln, 
das ist gleich) hatte, aber noch keine oder ungenügende Beziehungsworte, 
hinausgekommen. Dass dem so ist, darf uns nicht wunderbarer erscheinen 
als die Thatsache, dass es keine Menschen ohne Sprache giebt. Nicht die 
gesamte Sprachbildung, wie Schleicher meinte, liegt in vorhistorischer Zeit, 
sondern nur die Ausbildung der beziehungsfähigen Sprache, von da ab geht 
alles noch vor unseren Augen vor sich.“ Eine scharfe Drei- oder Vier 
teilung sämtlicher Sprachen ist daher durchaus künstlich, denn alle die betr. 
Formen geben allmählich in einander über. Isolierung (im Sinne des 
Chinesischen) ist also einerseits das materielle Aufgehen des Formelements 
im Sinnwort und sein Ersatz durch immaterielle Stellungsgesetze und anderer 
seits die völlig erhaltene materielle Trennung gewisser ursprünglicher Sinn 
wörter, die zu leeren Formwörtern mit syntaktisch geregelter Stellung werden. 
Flexion die Untrennbarkeit, Agglutination die Trennbarkeit von Sinnwort 
und Formelement (Beziehungselement). Inkorporation oder Polysynthetismus 
die noch nicht vollzogene Loslösung der Sinn Wörter (Begriffsträger) des Ur 
teils von einander und von den um sie herum verstreuten Beziehungs 
elementen.
        

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