Volltext: Internationales Centralblatt für Anthropologie und verwandte Wissenschaften, 8.1903

B. Referate. Anthropologie. 
143 
mütterlichen Unfähigkeit zum Stillen begründet ist, darauf hin, dass für 
Berlin die Verhältnisse weit ungünstigere sind, wo die natürliche Ernährung 
stetig zurückgeht. Während 1885 von den unterjährigen Kindern 55,1 (} j () 
Muttermilch, 2,7°/ 0 Ammenmilch und 33,9°/ 0 Tiermilch erhielten, war das 
Verhältnis im Jahre 1900: 31,4°/ 0 0,7 °/ 0 und 54,8Zweifellos ist für 
den Rückgang der Ammenernährung die Verbreitung des Soxhletschen Appa 
rates maassgebend gewesen, aber neben der Verbesserung der Milchverhältnisse 
überhaupt müssen auch die socialen Verhältnisse der Mütter berücksichtigt 
Werden. Charakteristisch in dieser Beziehung ist, dass von 1407 unehelichen 
Kindern nur 337 Muttermilch und 12 Ammenmilch, die übrigen aber Kuh 
milch erhielten. Aber auch die Zahlen aus den Entbindungsanstalten sind 
ungünstig. Kellner- Untergöltzsch. 
163. Wagner von Jauregg: Über erbliche Belastung. Wiener 
klinische Wochenschrift, 1902, Nr. 44, S. 1153—1159. 
Verf. giebt lesenswerte Ausführungen über die Statistik der Heredität; 
er betont die unbedingte Notwendigkeit des Vergleichs mit Gesunden und 
weist mit einem gewissen Rechte darauf hin, dass nur die Berücksichtigung 
( Kr Erblichkeit von Seiten der Eltern, höchstens noch der Grosseltern brauch 
bare Resultate ergebe, dagegen die Seitenverwandten, die gelegentlich sehr 
2 ahlreich sind, gelegentlich ganz fehlen, nicht herbeigezogen werden dürften. 
Kuch die Einbeziehung alles dessen, was Féré als famille névropathique 
¿ usammengefasst hat, ist nur geeignet, die Thatbestände zu verwirren. 
Die hergebrachte Anschauung, dass die hereditäre pathologische Dis 
position etwas Einheitliches sei, ermangelt vollkommen des Beweises. Was 
gemeiniglich als hereditäre Belastung bezeichnet wird, setzt sich aus zwei 
' orschiedenen Faktoren zusammen. Erstens handelt es sich um die indi- 
mduell erworbene Schädigung des Keimes mit konsekutiver Störung der Ent 
wicklung, infolge deren beim Descendenten eine Disposition zu einer Krankheit 
oder möglicherweise eine Krankheit selbst entstehen kann. Bei diesem Vor- 
^’ an g ist die Erscheinung der ungleichartigen Heredität, der Transformation 
^ er Erkrankung ganz begreiflich; dagegen ist mit ihr nur die direkte, von 
den Eltern auf die Kinder übergehende Übertragung, nicht aber die indirekte 
res P* atavistische vereinbar. Bei dem anderen, hereditäre Übertragung im 
ei gentlichen Sinne zu nennenden Vorgänge handelt es sich um die Über 
tragung einer Disposition im Wege einer wirklichen Vererbung, einer Dis 
position, die aber nicht individuell erworben ist, sondern einen vererbten 
UQ d vererbbaren, der Variabilität unterworfenen Artcharakter darstellt. Bei 
diesem Vorgänge wäre Transformation der Erkrankung ausgeschlossen, da- 
fe e gen die Fortpflanzung der Erkrankung durch mehrere Generationen, sowie 
^ as Überspringen einer Generation ganz begreiflich. 
Dr. Warda-Blankenburg i. Th.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.