Digitalisate

Hier finden Sie digitalisierte Ausgaben ethnologischer Zeitschriften und Monografien. Informationen zum Digitalisierungsprojekt finden Sie [hier].

Suchen in

Volltext: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 2=17.1974

98 
Helmut Bock 
Post- und Schmuggelwege nach Deutschland. Es war eine Tätigkeit, die den Verein keines 
wegs zwang, sich vor den französischen Behörden versteckt zu halten, zumal es den bürger 
lichen Liberalen anfangs gelang, die Propaganda auf die gemäßigten Forderungen nach 
Pressefreiheit und konstitutioneller Monarchie festzulegen. 
Aber die deutschen Handwerker und Emigranten lebten nicht in den wohltemperierten 
Büros und Salons des bürgerlichen Liberalismus. Die Handwerker, die auf dem franzö 
sischen Markt konkurrieren mußten, verkauften ihre Arbeitskraft für 13 bis 15 Stunden am 
Tag. Die Intellektuellen fristeten ihr Dasein meist durch den Erlös von Zeitungsnachrichten, 
Sprachunterricht, Bildungsvorträgen, wenn ihnen nicht sogar Geldspenden forthelfen muß 
ten. Zu dieser sozialen Unsicherheit und den politischen Erfahrungen, die die Emigranten 
schon aus Deutschland mitbrachten, kam der radikalisierende Einfluß französischer Klas 
senkämpfe: die zäh fortlebende republikanische Propaganda der bürgerlich-demokrati 
schen Organisationen, die zahlreichen Demonstrationen, Streiks und Unruhen der Prole 
tarier. 213 214 Dieser Kampf, den die bürgerlichen und proletarischen Klassenkräfte noch ge 
meinsam gegen die herrschende Finanzbourgeoisie führten, wurde nun vor allem von der 
„Gesellschaft der Menschenrechte“ — Société des droits de l’homme — organisiert. Sie 
war aus den Trümmern der „Gesellschaft der Volksfreunde“ hervorgewachsen, zählte 
rund 3 000 Mitglieder in Paris, 9 000 im ganzen Land und leugnete nicht die jakobinische 
Tradition : Gleich ihrer Vorgängerin propagierte sie als revolutionäres Sammlungsprogramm 
die „Deklaration der Menschenrechte“, die Maximilien Robespierre am 24. April 1793 
gegen den Mißbrauch des bürgerlichen Eigentums und der Staatsgewalt verfochten hatte. 
Diese Propaganda beeinflußte den „Deutschen Volksverein“. Auf stürmischer Versamm 
lung, am 8. Dezember 1833, verwarf dessen Mehrheit die konstitutionelle Monarchie und 
verlangte die Einführung der republikanischen Regierung auch für Deutschland. Das revo 
lutionäre Ziel, allein die Republik als Staatsform anzustreben, war nun im Prinzip für die 
kleinbürgerlichen und frühproletarischen Auslandsorganisationen durchgefochten. 
Aufschlußreicher als alle republikanischen Deklarationen ist für die damals neue 
Bewußtseinsentwicklung eine soziale Agitation, mit der schreibende Handwerks 
gesellen besonders auf „deutsche Bauern und Handwerker“ einwirken wollten. 211 
Sie macht deutlich, auf welche Weise der gesellschaftliche Widerspruch zwischen 
Kapital und Arbeit allmählich in das kleinbürgerliche und frühproletarische Denken 
trat. Eine Flugschrift vom November 1833 betont die produktive und zugleich miß 
achtete Rolle der werktätigen Klassen: „...Die ärmsten und unglücklichsten Leute 
sind jetzt die, welche die meiste und die schwerste Arbeit verrichten, d. h. der Hand 
werker , der Fabrikarbeiter und der Bauer ; die aber, welche im größten Überfluß leben, 
sind Müßiggänger. “ 215 Im Januar 1834 versuchte eine weitere Flugschrift die soziale 
Notlage aus einem Widerspruch zwischen den Reichen und den Armen zu erklären. 
„... Die Grundursache Eurer Leiden ist der Reichtum, angehäuft, wie er ist, in den 
Händen einzelner. Wer ist Fabrik- und Atelierherr? Der Reichtum! Wer ist Eigen 
tümer der Äcker, Forsten und Wiesen? Der Reichtum! In wessen Händen ist Land 
transport, Schiffahrt und Handel? Wer ist Gesetzgeber, wer Richter, wer hält 
Armeen und Polizisten, wer erhebt Steuern, Zölle und Akzisen, wer verkürzt den 
Lohn, wer saugt das Volk durch Abgaben aus, wer verfälscht und verteuert Waren 
und Lebensbedürfnisse, wer verdirbt die Sitten, wer säet Vorurteile und Aberglau- 
213 Vgl. Werner Kowalski, a. a. O., S. 49; Jürgen Kuczynski, Die Geschichte der Lage 
der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 32, a. a. O., S. 205—226. 
214 Vgl. Werner Kowalski, a. a. O., S. 48 — 57. 
215 Zitiert nach Quellenanhang bei Werner Kowalski, a. a. O., S. 178.
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.