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Helmut Bock
Post- und Schmuggelwege nach Deutschland. Es war eine Tätigkeit, die den Verein keines
wegs zwang, sich vor den französischen Behörden versteckt zu halten, zumal es den bürger
lichen Liberalen anfangs gelang, die Propaganda auf die gemäßigten Forderungen nach
Pressefreiheit und konstitutioneller Monarchie festzulegen.
Aber die deutschen Handwerker und Emigranten lebten nicht in den wohltemperierten
Büros und Salons des bürgerlichen Liberalismus. Die Handwerker, die auf dem franzö
sischen Markt konkurrieren mußten, verkauften ihre Arbeitskraft für 13 bis 15 Stunden am
Tag. Die Intellektuellen fristeten ihr Dasein meist durch den Erlös von Zeitungsnachrichten,
Sprachunterricht, Bildungsvorträgen, wenn ihnen nicht sogar Geldspenden forthelfen muß
ten. Zu dieser sozialen Unsicherheit und den politischen Erfahrungen, die die Emigranten
schon aus Deutschland mitbrachten, kam der radikalisierende Einfluß französischer Klas
senkämpfe: die zäh fortlebende republikanische Propaganda der bürgerlich-demokrati
schen Organisationen, die zahlreichen Demonstrationen, Streiks und Unruhen der Prole
tarier. 213 214 Dieser Kampf, den die bürgerlichen und proletarischen Klassenkräfte noch ge
meinsam gegen die herrschende Finanzbourgeoisie führten, wurde nun vor allem von der
„Gesellschaft der Menschenrechte“ — Société des droits de l’homme — organisiert. Sie
war aus den Trümmern der „Gesellschaft der Volksfreunde“ hervorgewachsen, zählte
rund 3 000 Mitglieder in Paris, 9 000 im ganzen Land und leugnete nicht die jakobinische
Tradition : Gleich ihrer Vorgängerin propagierte sie als revolutionäres Sammlungsprogramm
die „Deklaration der Menschenrechte“, die Maximilien Robespierre am 24. April 1793
gegen den Mißbrauch des bürgerlichen Eigentums und der Staatsgewalt verfochten hatte.
Diese Propaganda beeinflußte den „Deutschen Volksverein“. Auf stürmischer Versamm
lung, am 8. Dezember 1833, verwarf dessen Mehrheit die konstitutionelle Monarchie und
verlangte die Einführung der republikanischen Regierung auch für Deutschland. Das revo
lutionäre Ziel, allein die Republik als Staatsform anzustreben, war nun im Prinzip für die
kleinbürgerlichen und frühproletarischen Auslandsorganisationen durchgefochten.
Aufschlußreicher als alle republikanischen Deklarationen ist für die damals neue
Bewußtseinsentwicklung eine soziale Agitation, mit der schreibende Handwerks
gesellen besonders auf „deutsche Bauern und Handwerker“ einwirken wollten. 211
Sie macht deutlich, auf welche Weise der gesellschaftliche Widerspruch zwischen
Kapital und Arbeit allmählich in das kleinbürgerliche und frühproletarische Denken
trat. Eine Flugschrift vom November 1833 betont die produktive und zugleich miß
achtete Rolle der werktätigen Klassen: „...Die ärmsten und unglücklichsten Leute
sind jetzt die, welche die meiste und die schwerste Arbeit verrichten, d. h. der Hand
werker , der Fabrikarbeiter und der Bauer ; die aber, welche im größten Überfluß leben,
sind Müßiggänger. “ 215 Im Januar 1834 versuchte eine weitere Flugschrift die soziale
Notlage aus einem Widerspruch zwischen den Reichen und den Armen zu erklären.
„... Die Grundursache Eurer Leiden ist der Reichtum, angehäuft, wie er ist, in den
Händen einzelner. Wer ist Fabrik- und Atelierherr? Der Reichtum! Wer ist Eigen
tümer der Äcker, Forsten und Wiesen? Der Reichtum! In wessen Händen ist Land
transport, Schiffahrt und Handel? Wer ist Gesetzgeber, wer Richter, wer hält
Armeen und Polizisten, wer erhebt Steuern, Zölle und Akzisen, wer verkürzt den
Lohn, wer saugt das Volk durch Abgaben aus, wer verfälscht und verteuert Waren
und Lebensbedürfnisse, wer verdirbt die Sitten, wer säet Vorurteile und Aberglau-
213 Vgl. Werner Kowalski, a. a. O., S. 49; Jürgen Kuczynski, Die Geschichte der Lage
der Arbeiter unter dem Kapitalismus, Bd. 32, a. a. O., S. 205—226.
214 Vgl. Werner Kowalski, a. a. O., S. 48 — 57.
215 Zitiert nach Quellenanhang bei Werner Kowalski, a. a. O., S. 178.