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Dr. Bruno Adler: Pfeifende Pfeile und Pfeilspitzen in Sibirien. 
Ungarn erobern, mit der Heimat aber in dauernder Ver 
bindung bleiben. Etwa um Christi Geburt herum be 
festigte sich die ostgermanische Stellung in ganz 
Schlesien und die Bevölkerung verdichtete sich zu dem 
Doppelstamm der Vandalen und Silingen. Die Be 
siedelung Schlesiens wurde dann im 3. Jahrhundert eher 
stärker als schwächer, aber aus dem 4. Jahrhundert 
haben wir nur noch den glänzenden Abschluls der 
Königsgräber von Sackrau, den prächtigsten Fund der 
Völkerwanderungszeit in ganz Deutschland. Auch bei 
der Übersiedelung der Sachsen nach England hielt das 
Königsgeschlecht am längsten in der Heimat aus. Um 
406 verliefsen die Vandalen für immer Mitteleuropa; 
nur geringe Reste ihres westlichen Stammes, die Silingen, 
waren noch im 5. Jahrhundert in der weiteren Umgebung 
des alten Stammheiligtums auf dem Zobten ansässig. 
Das bezeugen der schöne Goldring von Ransern und 
Grabfunde aus den Kreisen Strehlen und Striegau. 
Hier trafen sie noch die um die Mitte des 6. Jahr 
hunderts unter den Fittichen der wilden Avaren sich 
einschleichenden, in kleinste Häuflein zersplitterten 
Wendenhorden, die die alte Silingia auf viele Jahrhun 
derte in die Nacht einer Unkultur hüllten, deren ab 
schreckende Tiefe erst um das Jahr 1000 herum durch 
das von neuem erwachende Dämmerlicht archäologischer 
Beleuchtung zu erkennen möglich wird. 
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Pfeifende Pfeile und Pfeilspitzen in Sibirien. 
Von Dr. Bruno Adler. 
Die Waffe gefährlich und schrecklich zu machen, ist 
der natürliche Wunsch eines jeden Volkes. Nicht allen 
Völkern gelingt es aber auch gleich gut. | |Dem einen 
mangelt es an geeignetem Material, dem anderen an ge 
wisser Geschicklichkeit u. s. w. Die Wege, die von ver 
schiedenen Völkern und Völkchen dabei ein geschlagen 
werden, sind grundverschieden je nach der Art der 
Waffe selbst. Ein Bogen erhält Verstärkungen, die in 
der Hauptsache auf der Elastizität des Bogenholzes und 
der Bogensehne beruhen; die Keule erhält am schlagen 
den Ende bei den Australiern z. B. Menschenzähne, 
Stückchen Knochen, Nägel u. s. w. Auch ein und die 
selbe Waffe kann ihrer Form nach verschieden gearbeitet 
werden; dieser Unterschied genügt, um die Waffe 
mehr oder weniger gefährlich zu machen. Ein stechen 
der Pauksäbel und ein türkischer krummer Jatagan 
brauchen hier nur erwähnt zu werden. Auch in dem 
Bereiche des uns interessierenden sibirischen Pfeiles läfst 
sich dasselbe beobachten. Stumpfe und spitze Pfeile, 
Pfeile mit und ohne Widerhaken, breite und schmale 
Pfeilspitzen, aus Eisen, Stein, Knochen, vergiftete und 
unvergiftete Pfeile mögen hier als Beleg des Gesagten 
dienen. Dazu kommen noch die vielen Variationen, die 
auf Grund der Angehörigkeit des Pfeiles dem einen oder 
dem anderen Volke entstehen. Auch hier sind die 
Schwankungen des einen Pfeiltypus manchmal recht 
grofs. 
Jeder Pfeil, von dem Bogen abgeschnellt, hat die 
Eigenschaft, während des Fluges einen heulenden Pfiff 
zu erzeugen. Manchmal, in einigen Gegenden der Erde 
sogar sehr häufig, wird diese Eigenschaft durch beson 
dere Vorrichtungen bis aufs höchste gesteigert, um den 
Feind in eine grölsere Verwirrung zu bringen und da 
durch um so leichter den Sieg davonzutragen. Diese 
Vorrichtung wird entweder an der Spitze selbst, oder 
im Mittelstücke zwischen Spitze und Schaft angebracht. 
Diese Pfeife besteht bei alten japanischen Pfeilen aus 
einer hohlen Knochenkugel, in die viereckige Löcher 
eingeschnitten sind. Die beim Fluge eindringende Luft 
ruft den Pfiff hervor. Später, oder vielleicht zugleich, 
wurde die Pfeilspitze mit einem Blumen- oder Blatt 
muster durchlöchert. Dieses erhöhte ebenso die erwähnte 
„heulende“ Kraft des japanischen Pfeiles (Abb. 1). 
Auch der Burjatenpfeil besitzt eine runde oder poly- 
edrische Kugel aus Knochen (seltener ist die Kugel aus 
Holz); die Spitze bleibt dabei aber immer ganz, einem 
Eschenblatt ähnlich (Abb. 2). 
Die Chinesen, bei denen der Pfeil bis jetzt noch eine 
verbreitete Waffe im Mandschuheere ist, haben auch 
„heulende“ Pfeile. Dasselbe hatten sie auch im Alter- 
tume. In Asien kehrt das Prinzip des „pfeifenden“ 
oder „heulenden“ Pfeiles nur vereinzelt wieder. In der 
Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg existiert 
ein seltenes Exemplar eines stumpfen Ostjakenpfeiles, 
des sogen. Tamars, der bestimmt ist, die aus der Schar 
fliegenden Vögel zusammenzubringen. Auf dem neben 
stehenden Bilde (Abb. 3) sehen wir einen Pfeil mit einer 
kolbenartig verdickten Spitze; dieselbe ist hohl. Der 
innere Raum der Pfeilspitze steht mit der Aulsenluft 
mittels zweier viereckiger Löcher in Verbindung. Das 
Loch wird durch eine dünne, zungenartige Holzmembran 
beinahe in zwei Teile geteilt. Der Pfiff ist sehr stark; 
die Vögel gruppieren sich zusammen, und der Jäger hat 
nun die Möglichkeit, ruhig seine stumpfen „Vogelpfeile“ 
abzuschnellen: seine Beute ist gesichert. 
Völker, die Krieg führen oder geführt hatten, hatten 
es mit ihrem Mitbruder, dem Menschen, der ebenso klug 
war, zu thun. Darum mulsten auch die Waffen raffiniert 
und klug gewesen sein. Dieses sehen wir an der That- 
sache, dals der „heulende“ Pfeil früher eine viel gröisere 
Verbreitung hatte. Die bei Krassnojarsk (Dorf Lodejs- 
koje) gefundenen und im Berliner Museum für Völker 
kunde aufbewahrten eisernen Pfeilspitzen, oder ähnliche 
Pfeilspitzen aus der prähistorischen Sammlung des Rum- 
janzewschen Museums zu Moskau, oder endlich Stücke 
aus der Sammlung von Finsch im Bremer Museum sollen 
in West- und Mittelsibirien früher eine allgemein ver 
breitete Pfeilform gewesen sein *)• Während die Form 
der Spitzen sehr verschieden ist, besitzen die letzteren 
in den meisten Fällen Öffnungen, oder bestehen aus drei 
bis vier Eisenplatten, die sich unter verschiedenen Win 
keln kreuzen. Diese Spitzen sind massiv, darum muls 
auch ihre Wirkung keine geringe gewesen sein. — In 
Nordasien, wo die Zeit des Friedens begonnen hat seit 
der Eroberung des Landes durch die Russen, ist der 
Pfeil nicht mehr die frühere feine und raffinierte Waffe. 
Seine frühere Rolle muiste der Pfeil der Flinte ab 
treten; jetzt ist er nur die Waffe der kulturlich ärm 
sten Völker oder er hat sich nur als Kinderwaffe er 
halten. Der Rückgang des Pfeiles als Waffe ist auch 
an der Form deutlich zu erkennen. Die erwähnten 
Kinderpfeile, gewöhnlich eine getreue Nachahmung der 
echten Pfeile, werden beinahe immer mit einer grofsen 
Sorgfalt gearbeitet. Man braucht hier nur an die zier 
lichen Pfeile der Golden des Amurlandes (lökö) zu er- 
ö Altertümer des Museums zu Minussinsk. D. Klemenz, 
Tomsk 1886, Atlas (in russ. Sprache).
	        
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