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Einmal Falkenstein und zurück?
Einige Anmerkungen zur „Wahmbecker Resolution“ *
Von Rolf Lindner, Berlin
Eines der gravierendsten Mißverständnisse bei der Diskussion über Gegenstand
und Methode des Faches besteht in der Annahme, daß bereits bestimmte Themen
stellungen gesellschaftliche Relevanz von Forschung und Lehre garantieren. In ei
nem kurzen Aufsatz in der Zeitschrift „Ästhetik und Kommunikation“, der argu
mentativ von der Falkensteiner Standortdebatte ausging, habe ich bereits 1980 dar
auf hingewiesen, daß sich die Fruchtbarkeit eines neuen Forschungsansatzes nicht
allein und nicht in erster Linie daran erweist, was untersucht wird (und das trifft
auf Objekte ebensogut wie auf Probleme zu), sondern daran, wie etwas untersucht
wird, an der Untersuchungstmse. Im Grunde können wir darin eine Übertragung
der kulturwissenschaftlichen Orientierung auf die Kulturwissenschaft selbst se
hen: die Untersuchungsweise, die Art und Weise, sich der Wirklichkeit anzunä
hern, sie zu erfahren und zu verstehen, macht die Kultur des Faches aus.
Es geht nicht um den schlichten Austausch von Objektivationen - statt Volks
lied Schlager, statt Erzählforschung Analyse von Trivialliteratur —, obwohl dieser
Austausch in den siebziger Jahren ein notwendiger, befreiend wirkender Zwi
schenschritt war, es geht vielmehr um die Perspektive im wörtlichen Sinne: um die
Darstellung des (soziokulturellen) Raums und der räumlichen Gegenstände. * 1 Die
kulturwissenschaftliche Perspektive hat sich auch (und gerade) an traditionellen
Themen zu bewähren. 2 Das irritierende Beharren von Jeggle und Korff darauf, daß
„Weihnachtsmann“ und „Osterhase“ wichtige volkskundlich-kulturwissenschaft
liche Untersuchungsgegenstände seien 3 , habe ich, bei aller Provokationslust, die
dabei im Spiel war, in diesem Sinne verstanden. Neuere Arbeiten aus von ihnen ge
leiteten Projektgruppen — „Wilde Masken. Ein anderer Blick auf die Fasnacht“
und „Heimatkunde des Nationalsozialismus“ (ein genial doppelbödiger Titel) -
sind nicht nur durch diesen Anspruch gekennzeichnet, sie zeigen auch, wie berech
tigt er ist.
* Anm. d. Red.: Vgl. dazu S. 161—163 in diesem Heft!
1 Die Kategorie des soziokulturellen Raums teilt mit Bourdieus Begriff des sozialen Raums zumin
dest die Idee, daß er relational gedacht werden muß, d. h. es handelt sich stets um einen Raum von
Beziehungen. Vgl. Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“, in: Ders.: Sozialer Raum und
„Klassen“. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen, Frankfurt am Main 1985, S. 7—46.
2 Grundgelegend für die gesamte Debatte ist Hermann Bausinger : Zur Spezifik volkskundlicher Ar
beit. In: Zeitschrift für Volkskunde 76/1980. S. 1—21. Meine eigene Position habe ich ausführli
cher dargestellt in dem Aufsatz: Zur kognitiven Identität der Volkskunde. In: Österreichische Zeit
schrift für Volkskunde, 90/1987, S. 1—19. Eine neuerliche Lektüre lohnt in diesem Zusammen
hang Martin Scharfe: Towards a cultural history: notes on Contemporary Volkskunde (folklore) in
German-speaking countries. In: Social History 4/1979, S. 333—343.
3 So bei der Diskussion der „Wahmbecker Resolution“ auf dem Göttinger Kongreß am 26.9.1989.