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Vom Mittelmeer nach Südostasien.
Von Paul Leser.
Mit 2 Abbildungen auf Tafelseite 56.
Vom Mittelmeer aus sind bekannt
lich zu verschiedenen Zeiten Kultur
ströme nach Osten geflossen. Am
meisten hat man wohl von den Wir
kungen gesprochen, welche die hel
lenistische Kunst auf die Kunst des
Ostens gehabt hat. Doch läßt sich
auch an Hand der Landwirtschafts
geschichte nachweisen, daß der Be
sitz der Mittelmeervölker nicht nur
ihre östlichen Nachbarn beeinflußt
hat, sondern manchmal bis weit in
den fernen Osten verschleppt worden
ist. Z. B. lassen sich die Einflüsse der
für die Mittelmeergebiete bezeich
nenden Pflugform bis in den äußer
sten Osten von Asien verfolgen, und
ebenso haben mittelländische Eggen,
Sä- und Dreschgeräte ihren Weg bis
in den fernen Osten gefunden. Alle
diese Dinge sind verhältnismäßig klar
und geben uns heute keine großen
Fragen mehr auf. Nur ein einziges
Stück blieb bisher in seiner Verbrei
tung rätselhaft, und davon soll hier
gesprochen werden; eine Neuerwer
bung hat uns nämlich jetzt in die
Lage versetzt, die Geschichte dieses
Pflugteils, um den es sich handelt,
ein wenig zu klären.
Unter der großen Zahl von ver
schiedenen Scharformen, die auf der
Erde Vorkommen, gibt es eine, die
besonders auffällig ist und sich so
wohl durch ihre Form als auch durch
die Art ihrer Befestigung am Pflug
aus allen andern Formen heraushebt:
es ist dies die sogenannte ruderför-
migeSchar (Abbildungen siehe z.B .in
meiner „Entstehung und Verbreitung
des Pfluges“, S. 96, 307, 320, 329,
423 usw.), meist aus einem Eisen
stück bestehend, das etwa die Form
eines Ruders hat: an einem Stiel sitzt
vorn das „Blatt“, gewöhnlich (aber
nicht immer) mit einer deutlichen
Spitze versehen. Während die übri
gen Scharformen in der Regel an der
Sohle des Pfluges angenagelt sind
oder auf das vordere Ende der Sohle
aufgeschoben werden, wird die ruder
förmige Schar niemals an der
Sohle befestigt, sondern auf folgende
Weise in der richtigen Lage gehalten:
ihr Stiel durchbohrt irgendeinen
andern Teil des Pfluges, meist den
Krümel, manchmal die Griessäule,
gelegentlich auch Griessäule und
Grindel, und in Südostasien immer
den Hinterbaum. In dieser Oeffnung
liegt sie lose auf und wird dann mit
tels Holz- oder auch Eisenstücken
festgekeilt.
Als Vorteil dieser eigenartigen
Scharform und ihrer Befestigungs
weise wird folgendes angegeben: eine
andere Schar, die durch das Pflügen
abgenutzt ist, wird unbrauchbar und
muß durch ein neues Stück ersetzt
werden; hat sich dagegen die ruder
förmige Schar abgenutzt, so kann
man sie ohne Mühe durch Heraus
schlagen der Befestigungskeile aus
ihrer Lage lösen, etwas nach vorn
rutschen lassen, dann wieder fest
keilen und weiter verwenden.
Der Hauptunterschied zwischen
ruderförmiger Schar und den übrigen
Scharformen beruht also nicht in
der Form, sondern in der Befesti
gungsart. Infolgedessen sind auch
diejenigen Scharen als aufs engste
mit den ruderförmigen verwandt an
zusehen, die nicht ruderförmig sind,
sondern (um im Bilde zu bleiben)
nur aus dem „Stiel“ des Ruders
bestehen, also vorn nicht verbreitert
sind, sondern nichts weiter sind als