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Die heutige Volksliedforschung in Skandinavien
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mit dem Musikbegriff ihrer Zeit und mit publikationspraktischen Fragen auseinandersetzen
müssen.
Mit elektro-akustischen Analysen von Tonhöhe, Tondauer und Lautstärke beschreiten
die heutigen Musikologen neue Bahnen, die vielleicht zu den physischen und psychischen
Grundlagen der früher so wenig greifbaren Probleme von Klang und Stil bestimmter Indi
viduen, Gruppen oder Rassen führen können. Solche Fragen wurden auch in skandina
vischen Publikationen behandelt: Olav Gurvin: Photography as an aid in folkmusic research
(Norveg III, 1953 [1955], S. 181 — 196), Buvarp (ebda II, passim), und vor allem Karl Dahl
back: New methods in vocal folk music research, Oslo 1958.
Angesichts solcher Abhandlungen und solcher Möglichkeiten muß der Musikforscher
entscheiden, was er erreichen will und welche Mittel dafür geeignet sind, ebenso wie der
Phonetiker einmal eine phonematisch geregelte Lautschrift zu verwenden wünscht, während
ihn für andere Aufgaben nur experimentalphonetische Geräte und authentische Tonband
aufnahmen befriedigen können — wobei ihm der Weg zu nur annähernd traditionellen
Editionsformen versperrt ist. Für verschiedene Zwecke sind hier wie immer verschiedene
Wege erforderlich.
Balladenphilologie
Die Sprache der nordischen Balladen nimmt eine Zwischenstellung ein: das ganze Genre
ist mittelalterlichen Ursprungs, seine Überlieferung aber durchweg nachmittelalterlich.
Es ist deshalb kein Wunder, daß die vorliegende Materialfülle nicht zum Lieblingsstoff der
Lexikographen und Sprachhistoriker gehört. Sehr erschwert wird die Sprachfrage auch durch
die neuzeitliche Liedtradition mit teils wohlerhaltenen, teils mißverstandenen Überresten
alter Sprachstufen neben glatten oder krassen Neubildungen. Auffallend wenige Arbeiten
behandeln daher die nordische Balladensprache; in Folkevisesproget (Danske Studier 1964,
S. 5—23) hat Aage Jorgensen die Ergebnisse gesichtet und den gesamten Wortschatz der
Ballade DgF 239 (Moens Morgendromme) gruppiert, und ebda 1966 darf man wichtige
Beiträge von Kristian Haid erwarten (s. a. Peter Skautrup: Det danske sprogs historie II,
Kbh. 1947, S. 73 —80, und Nordisk folkeviseforskning, S. 346). Die Beobachter scheinen
darüber einig zu sein, daß dieses Balladenidiom von Anfang an archaisierende Züge aufwies
und in Wortschatz, Morphologie und Syntax sehr bald der Traditionsbildung anheimfiel.
Keine verkappte Neuromantik ist es, die die nüchternen Philologen zu der Annahme einer
Anknüpfung an noch ältere, kaum bekannte Dichtungs- und Stilschichten führen, vielmehr die
Überlegung, daß ein Importgenre bei seiner Übersetzung und Aufnahme jedenfalls an irgend
etwas Einheimisches anknüpfen mußte. Als mündlich tradierte Dichtung mußte sich die Ballade
überdies nicht nur der so oft erwähnten Variation bedienen, sondern auch Stabilität bewahren.
Parallele Betrachtungen aus musikalischer Sicht findet man bei Thorkild Knudsen (s. u.).
Eine nicht spezifisch sprachliche, sondern auch ästhetische und motivgeschichtliche Frage
ist die der „Urformen“. Ihre ganze Problematik darf hier außer acht gelassen werden.
Legitim ist die Frage: Was hat das Lied auf bestimmten Entwicklungsstufen enthalten — und
legitim scheint es auch, diesbezüglich „versifizierte Arbeitshypothesen“ aufzustellen. Ver
bindlichkeit gewinnen solche Hypothesen oder Rekonstruktionen natürlich nicht. Nur eine
Arbeit — bezeichnenderweise von der Hand eines älteren Verfassers — hat kürzlich Ge
dankengänge älterer Zeiten wiederbeleben wollen: Anton Aagaard: Restitutionen af Folke-
viserne med sserligt Henblik paaGermand Gladensvend Visen, Kbh. i960 (= Studier fra sprog-
og oldtidsforskning 244). Und mit ihm kann man gelegentlich den Defaitismus neuerer
Forscher bedauern! (s. o. über „Volksausgaben“). DgF 33, Germand Gladensvend, eine
zentrale „tryllevise“, wurde übrigens in nicht weniger als drei sehr verschiedenen neuen
Einzelstudien behandelt, und zwar: VUly Sorensen in: D igt og Iseser, Kbh. 19 5 8, S. 140 — 151;
A. G. Drachmann, Danske Studier 1962, S. 5 — 16; Mogens Jensen, ebda 1963, S. 75 — 82.
Die Philologie neuerer Liedgattungen wurde bisher nicht behandelt, abgesehen von den
genre- und stilgeschichtlichen Arbeiten Ernst Frandsens (s. u.). Schöne Forschungs
aufgaben warten auf dem Gebiet des Flugblattliedes, dessen Sprache und Stil um so weniger
erforscht wurde, je jünger das Lied ist. Metrum und Melodien der Lieder nach etwa 1700
sind ebenfalls ein noch unbebautes Feld.